Filmkritik

Doku „Tutu“: Der Freiheitskämpfer, der für seine Feinde betete

Mit der Dokumentation „Tutu“ widmet sich die Berlinale in diesem Jahr einem großen Kirchenmann: Desmond Tutu, der als Bischof gegen die Apartheid kämpfte aber auch immer eine Liste seiner Gegner bei sich trug, damit er für sie beten konnte.
Von Anna Lutz

Desmond Tutu war neben Nelson Mandela wohl die wichtigste öffentliche Stimme in Südafrika, die zur Abschaffung der Apartheid beigetragen hat. Aber Tutu war nicht einfach ein Revolutionär. Er war ein Mann Gottes, der täglich Stunden im Gebet verbrachte, seine Gegner segnete und den das Leid seiner schwarzen Mitbürger auch deshalb zu Tränen rührte, weil er wusste: Jeder Mensch ist ein Ebenbild Gottes. Diesem kleinen Mann, der so Großes vollbrachte, sich aber nie selbst in den Mittelpunkt stellte, widmet die Berlinale eine Dokumentation: „Tutu“ von Sam Pollard. Es ist auch ein Film über Gott und einen Glauben, der das Leben verändert. 

Die Dokumentation, die auf der Berlinale in der Kategorie „Special“ läuft, hat Tutu und seine Familie über 20 Jahre lang begleitet. Sie erzählt etwa von Tutus Studium in London, für das er zusammen mit seiner Frau Leah Südafrika zeitweise verlassen hat. „Das erste Mal, dass man uns als Menschen behandelt hat“, so erinnert sich der 2021 verstorbene Kirchenmann im Film an die Erfahrungen fernab der Apartheidspolitik seiner Heimat. Und doch ging er zurück, um gegen die ungerechten Zustände zuhause zu kämpfen. „Weil Gott bei mir ist“, so erklärte er das. 

„Das Christentum ist hoffnungslos hoffnungsvoll“

Der Glaube an die Gleichheit aller Menschen im Angesicht Gottes, so verdeutlicht der Film, war Tutus Antrieb. Ebenso wie der Glaube an Vergebung und eine unerschütterliche Hoffnung. „Das Christentum ist hoffnungslos hoffnungsvoll“, sagt der anglikanische Christ im Film, und erklärt: Als es keine Hoffnung mehr gegeben habe für die ersten Christen, genau da sei Jesus auferstanden. Aus dieser Hoffnung speiste sich für ihn eine andere: „Am Ende werden Gerechtigkeit und das Gute bleiben.“

„Tutu“-Regisseur Sam Pollard

Der Film zeigt Weggefährten des Bischofs, lässt seine Frau und Kinder zu Wort kommen, aber auch die Dokumentarfilmer selbst, die bis heute um den Bürgerrechtler weinen und sich daran erinnern, wie er mit ihnen gescherzt habe. „Nun hast du so viele Predigten gehört und hast dich immer noch nicht bekehrt?“, fragte Tutu etwa einen jüdischen Kameramann in einer Aufnahme. Ein Scherz, den dieser nicht übel nahm, später aber die Gelegenheit nutzte, auf eigene Art zurückzuschießen. Wie er das Lachen Tutus beschreiben würde, wird er vor laufender Kamera im Film gefragt. „Das erste, was mir einfällt, ist eine Hyäne“, sagt er. Tatsächlich ist das Lachen Tutus nicht nur auffällig, sondern sehr oft im Film zu hören. Er scherzt, er freut sich, er tanzt, er ruft Halleluja und dankt Gott. Der zehrende Kampf für Menschenrechte, so scheint es, konnte ihm die Fröhlichkeit nicht nehmen. 

Vielleicht auch deshalb, weil er so viel Zeit im Gebet verbrachte. Stundenlang sei er am Tag still geworden, berichten Weggefährten. Immer habe er ein Buch bei sich geführt, in das er die Namen geliebter und ungeliebter Menschen eintrug, um sie in seine Gebete aufzunehmen. Das hat nichts daran geändert, dass er von einem großen Teil des weißen Establishments in Südafrika gehasst wurde. Seine Familie berichtet davon, wie sie Angst um sein Leben gehabt habe, nachts plötzlich das Telefon klingelte, ein Kind abnahm und Drohungen gegen seinen Vater hören musste. 

Dienstsitz für Township-Bewohner geöffnet

1994 endete die Apartheid in Südafrika. Schon 1986 aber wurde Tutu der erste schwarze Erzbischof Kapstadts, ein Meilenstein im Kampf gegen Rassismus. Zwei Jahre zuvor erhielt er den Friedensnobelpreis. Im Gegensatz zu vielen anderen Menschenrechtlern hat Tutu seinen Kampf überlebt. Er starb erst im Alter von 90 Jahren in Kapstadt. Und er ist offenbar immer auf dem Boden geblieben, auch dann, als manche ihn als „den bekanntesten Bischof der Welt“ handelten. 

Als er seinen Dienstsitz in Kapstadt bezog, öffnete er sein Grundstück mit Pool am Wochenende für die Schwarzen aus den nahegelegenen Townships. Als Schwarze vor dem Ende der Apartheid damit begannen, sich gegenseitig anzufeinden, aus Angst vor Denunzianten in den eigenen Reihen, schritt er unter Lebensgefahr auf der Straße ein. Und als er ab 1995 Vorsitzender einer Wahrheits- und Versöhnungskommission war, in der Opfer öffentlich erzählten, was sie erlebt hatten und Täter um Vergebung bitten konnten, brach er ob der geschilderten Gewalt vor den Augen der Öffentlichkeit weinend zusammen. 

Politische Kirche

Tutu hat die Schmerzen seiner Landsleute mitgefühlt und dennoch, so heißt es in der Dokumentation, am Ende jeder Anhörung eine Frage gestellt: „Kannst und willst du dem Täter vergeben?“ Denn auch das leitete Tutu aus seinem Glauben ab: Jeder, auch der größte Rassist, hat eine neue Chance verdient. Nicht nur in diesen Tagen, aber vielleicht besonders heute, ist das die provokanteste Botschaft, die das Christentum zu bieten hat.

„Tutu“ ist eine Dokumentation, die einen fröhlichen Weltveränderer zeigt, und allein das macht sie sehenswert und verzeiht, dass sie wenig kreativ daherkommt. Zeitzeugenaussagen und historische Bilddokumente reihen sich aneinander, so wie man es von klassischen Dokumentationen kennt. Sie zeigen: Bei Desmond Tutu war wenig Raum für Gram und Sorge. Zugleich ist der Film ein starkes Plädoyer für eine politische Kirche. Denn nicht nur heute steht eine solche oft in der Kritik. Auch Tutu warf man einst vor, die Gemeinde zu politisieren. Freilich taten das vor allem Weiße. Desmond Tutus Geschichte zeigt: Die Kirche darf und muss sich einmischen in die Politik, um Ungerechtigkeit zu begegnen. Und sie kann damit sogar Erfolg haben. 

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