Filmkritik

„Triegel trifft Cranach“: Ein Altarbild mit Hindernissen

Am Donnerstag kommt der Dokumentarfilm „Triegel trifft Cranach“ in die Kinos. Ein nichtgläubiger Künstler versucht, ein Marienbild für eine protestantische Kirche zu malen. Das funktioniert irgendwie nur mittelmäßig.
Von Jörn Schumacher

Es ist immer faszinierend, einem Künstler dabei zuzusehen, wie eines seiner Werke entsteht. Im Dokumentarfilm „Triegel trifft Cranach – Malen im Widerstreit der Zeiten“, der am 5. Februar 2026 in die Kinos kommt, kann man dem Leipziger Maler Michael Triegel dabei zusehen, wie er ein Bild für den Naumburger Dom malt. Und da Triegel wirklich sehr gut malen kann, ist das ein für den Zuschauer faszinierender Prozess. Da es aber immerhin um ein Altarbild geht – noch dazu um ein Marienbild für eine protestantische Kirche –, muss die Frage erlaubt sein: Passt das alles zusammen?

Um die Bedeutung dieses Kunstwerks zu verstehen und damit den anschließenden Streit, der bis heute andauert, muss man etwas weiter ausholen. Im Naumburger Dom, dessen Grundmauern bis ins elfte Jahrhundert zurückzuverfolgen sind, hing ab 1519 im Westchor ein dreiflügeliges Altarbild. Der beauftragte Künstler war niemand anderes als Lucas Cranach der Ältere, Zeitgenosse und enger Freund Martin Luthers.

Luthers Reformation führte bekanntermaßen auch zur kunstgeschichtlich unrühmlichen Episode der Bilderstürme. Auch in den Dom zu Naumburg an der Saale drangen 1541 der Reformator Nikolaus Melder mit Fleischergesellen ein und zerstörten das mittlere Bild von Cranachs Altarbild. Die Seitenflügel überlebten den Anschlag. Heute ist der Dom evangelisch und eines der bedeutendsten Kulturdenkmäler des europäischen Hochmittelalters, die UNESCO erklärte das Gotteshaus 2018 zum Welterbe der Menschheit.

Um rund 500 Jahre später das Altarbild wieder zu komplettieren, beauftragte die evangelische Domgemeinde einen zeitgenössischen Maler damit, ein neues Bild für den Mittelteil anzufertigen. Die Wahl fiel 2020 auf Michael Triegel, ein Künstler aus Leipzig. Der 1968 in Erfurt geborene Triegel schuf bereits Gemälde für diverse Kirchen und Klöster. Papst Benedikt XVI. porträtierte er, 2016 entstand anlässlich des Reformationsjubiläums ein Zyklus zu Luthers Tischreden.

Reformation oder Rom – Hauptsache irgendwas mit Kirche

Zwei Jahre lang arbeitete Triegel an seinem Bild. Weil es keine Aufzeichnungen vom Original gibt, musste Triegel improvisieren – im Einklang mit Cranachs Stil. Klar war nur: Es war Maria mit dem Kind dargestellt gewesen. Der Dokumentarfilm von Regisseur Paul Smaczny begleitet den Maler bei seinem Schaffensprozess. Haupthandlungsort ist das Atelier. Es gibt keine erklärende Stimme im Off, nur Triegel selbst erklärt seine Arbeit, manchmal ist er im Dialog mit anderen.

Schon sehr bald drängen sich Fragen auf. Für Triegel ist weniger die Reformation Cranachs und Luthers interessant, eher das katholische Italien – für den Leipziger „das Land der Kunst“. Rom und Florenz sind seine Traumstädte, Raffael, Michelangelo und Dürer seine Vorbilder. Das Kamerateam begleitet Triegel auf seinen Italienreisen, der nimmt an einer Karfreitagsprozession auf der italienischen Insel Procida teil. „Das war für mich geradezu eine Offenbarung“, sagt er, gesteht aber, nie wirklich einen Zugang zum christlichen Glauben gefunden zu haben, und wenn, dann allenfalls zur Ästhetik der Römisch-Katholischen Kirche. Man fragt sich: Wofür ist dieser Altar in Naumburg eigentlich gedacht? Warum den ganzen Aufwand betreiben, warum einen kaum-gläubigen Künstler beauftragen? Hier geht es offenbar vor allem um den Kulturerhalt, nicht um ein lebendiges Gemeindeleben. Das legt allein schon die Website des Dom nahe: Hier geht es in erster Linie um den Stolz, UNESCO-Welterbestätte zu sein. Die Veranstaltungen im Kalender: Konzerte statt Gottesdienste. Die evangelische Kirchengemeinde ist im Dom lediglich „zu Gast“, wie es da heißt.

Und so wirkt der Film seltsam unstimmig. Lucas Cranach d. Ä. war doch kein Vertreter italienischer Renaissance? Er malte Portraits der Reformatoren Luther und Melanchthon in Wittenberg, war mit ihnen befreundet, stand selbst der Reformation näher als Rom. Cranach war Trauzeuge bei Luthers Hochzeit, das bekannte Gemälde von Luthers Ehefrau Katharina von Bora stammt von Cranach. 1522 erschien Luthers Bibelübersetzung mit den Illustrationen Cranachs. Kurz: Cranach war der wichtigste Maler der deutschen Reformation.

Triegel aber schaut sich im sowohl geografisch als auch theologisch weit entfernten Italien eine katholische Karfreitagsprozession an, bei der mehrere Abbilder des Toten Jesus und Ketten durch die Straßen gezogen werden, und er besucht Messen. Reformation oder Rom – Hauptsache irgendwas mit Kirche? „Diese Fixierung auf das Wort im Protestantismus ist mir zu nah“, orakelt der ostdeutsche Maler. „Ich suche im Glauben doch eher das Geheimnis. Das, was sich nicht aussprechen lässt.“ Luther suchte alles in der Bibel, aber bestimmt nicht das Geheimnis.

Bettler als Petrus

Es bleibt faszinierend, dem äußerst talentierten Triegel bei seiner realistischen Malweise zuzusehen. Und am Ende entsteht: ein sehr schönes Bild. Neben den Cranach-Bildern wirken die dargestellten Heiligen allerdings sehr modern, fast provokant, etwa ein Mann mit roter Baseball-Cap. Und warum musste ausgerechnet die Tochter des Künstlers für Maria, und dessen Ehefrau für Marias Mutter Anna Portrait stehen? War es Mangel an weiblichen Modellen oder Selbstgefälligkeit? Und wer sind nun eigentlich die modernen Heiligen, die Triegel ihnen an die Seite gestellt hat?

Erst am Schluss sind es zwei Umzugshelfer, die dem Künstler diese Frage stellen, und der klärt dann lapidar auf: Der italienische Bettler könne als Petrus gelesen werden, der jüdische Rabbi als Paulus. „Die junge Frau mit dem Lamm könnte man als heilige Agnes nehmen, daneben die Mutter von Maria.“ Auch Elisabeth von Thüringen sei zu sehen, ebenso Dietrich Bonhoeffer. Auf der Rückseite: der auferstandene Christus – der geht im Film fast unter. Christus ist Nebensache, die Verwandten und Bekannten des Künstlers aber stehen im Mittelpunkt.

Kurz vor der Fertigstellung des Bildes erhob das UNESCO-Fachgremium ICOMOS Bedenken gegen den Cranach-Triegel-Altar. Der habe „beträchtliche Auswirkung auf die wesentlichen Merkmale des Welterbes Naumburger Dom“ und beeinträchtige die Sichtachsen auf die berühmten Stifterfiguren, heißt es. Am 3. Juli 2022 fand dennoch die Einweihung statt. Um die Diskussion aber wieder abzukühlen, wurde das Bild sechs Monate wieder abgehängt. Ein Jahr später kehrte es zurück. Im Juli 2025 ordnete die UNESCO den endgültigen Abbau an – der Verlust des Welterbetitels steht im Raum. „Der Altar aus dem protestantischen Naumburg findet für zwei Jahre Zuflucht im Vatikan“, heißt es auf einer Texttafel im Film. „In Naumburg hofft man derweil auf seine Rückkehr.“

Triegel selbst sagt: Leonardo habe in seinem Traktat über die Malerei geschrieben, dass die Seele des Künstlers zwar geneigt sei, sich selbst in seinem Werk wiederzugeben, aber er warnte davor, weil das eine Art von Narzissmus sei. Man wird das Gefühl nicht los, dass es bei diesem Kirchenbild im Naumburger Dom um alles mögliche ging, aber nicht um den Glauben.

„Triegel trifft Cranach – Malen im Widerstreit der Zeiten“, Buch und Regie: Paul Smaczny, 107 Minuten, Kinostart: 5. Februar 2026

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