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Traumberuf Pfarrer: „Der schönste Beruf der Welt“

Für Stephan Holthaus ist Pfarrer sein ein Traumjob. Trotzdem entscheiden sich immer weniger junge Menschen für ein Theologiestudium. Der Prorektor der Freien Theologischen Hochschule Gießen spricht über Gründe dafür, die Kunst, Grenzen zu ziehen, und erklärt, warum Vorbilder so wichtig sind.
Von PRO

Foto: pro

Die Landeskirche Hannover geht davon aus, bis 2030 ein Drittel aller Pfarrstellen nicht besetzen zu können. Wie sieht denn das bei den Freikirchen und bei den Missionsgesellschaften aus?

Wir haben in allen christlichen Werken, auch in vielen Freikirchen, die klassische Altersstruktur, dass bis etwa 2030 über die Hälfte der Vollzeitlichen in den Ruhestand verabschiedet wird. Der Unterschied ist nur der: Die evangelischen Landeskirchen haben exakte Zahlen über die Zukunftserwartung der Pfarramtskandidaten, die Freikirchen, Gemeinschaftskreise und christlichen Werke nicht.

Aus welchen Gründen lassen sich immer weniger junge Menschen auf ein Theologiestudium ein?

Der Pfarrerberuf hat  seine Faszination verloren. Früher war es noch etwas Besonderes, Pastor zu werden. Die besten Leute wurden Pfarrer, gingen in den geistlichen Dienst. Durch die Säkularisierung der Gesellschaft hat das abgenommen. Heute steht der Beruf mehr für viel Arbeit, viel Ärger, viel Stress. Wir haben heute im evangelischen Bereich 2.400 Pfarramtsstudierende – das sind fünfmal weniger als in den Achtzigern.

Der Göttinger Theologe Jan Hermelink sieht einen Grund für zurückgehend Studentenzahlen darin, dass der Pfarrberuf derjenige sei, der am stärksten in das Privatleben eingreife.

Das kann ich bestätigen. Der Pfarrberuf hat einige Herausforderungen, die es in vielen anderen Berufen nicht gibt, zum Beispiel gibt es keine geregelten Arbeitszeiten. Viele Veranstaltungen sind abends, die Predigt sonntags. Die große Herausforderung des Pfarrberufes ist immer, dass man auch noch ein eigenes Privatleben für sich hat, dass man Grenzen zieht und lernt, auch Grenzen gegenüber Menschen zu ziehen, ohne es an notwendigem Engagement fehlen zu lassen.

Ist es, um mehr Distanz zu schaffen, richtig zu sagen, dann wohnt der Pfarrer eben nicht mehr im Pfarrhaus?

Die Modelle gibt es – in Großstädten schon lange –, dass Pfarrer nicht mehr verpflichtet sind, im Pfarrhaus zu wohnen. Auf dem Land ist es noch ein bisschen anders. Aber auch hier gibt es Landeskirchen, die das schon gar nicht mehr erwarten. Das halte ich allerdings für keine positive Entwicklung, denn das Pfarrhaus ist mehr als nur eine Lokalität, sondern eben auch ein Symbol: Der Pfarrer ist mitten im Ort, nah an der Kirche, nah an seinen Gemeindegliedern. Wenn der Pfarrer mal zehn Kilometer weg wohnt, mag das für ihn vielleicht eine Erleichterung sein, aber es ist auch ein Signal an die Gemeinde. Man muss als Mensch in einem vollzeitlichen geistlichen Dienst generell lernen, für sich selbst Grenzen zu setzen, egal, wo man wohnt. Und die Herausforderung hat mehr mit einem eigenen Berufsethos und dem Stand zu tun. Sie ist eine Herausforderung, die wir alle kennen, auch jenseits des Pfarramtes.

Was halten Sie von der Forderung „Mehr Geld für Pfarrer?“

Evangelische und katholische Pastoren werden noch relativ gut bezahlt. Am Geld liegt es nicht, dass die Leute nicht Pfarrer werden wollen. Gründe sind eher fehlende Berufung, das heißt Unsicherheit darüber, ob man den Herausforderungen des Berufes standhalten kann. Und vielleicht fehlende lebendige und begeisterungsfähige Vorbilder von Pfarrern oder Predigern, die einem vorleben, dass das der schönste Beruf der Welt ist.

Warum ist er das?

Es ist ein sehr abwechslungsreicher und personenbezogener Beruf. Es gibt kaum einen Beruf, wo man mit so vielen Menschen zu tun hat. Es ist ein Werteberuf, denn man vermittelt den Menschen nicht nur materielle Werte, sondern geistliche Dinge, die ewig bleiben. Es ist außerdem wunderschön, zu sehen, wie Menschen Gott finden. Und das erleben Sie als Pfarrer. Natürlich macht man auch viele eigene Erfahrungen mit dem Glauben. Einen schöneren Beruf kann ich mir eigentlich kaum denken.

Die äußeren Bedingungen des Pfarrberufs werden durch Stellenstreichungen nicht gerade attraktiver.

Natürlich werden Pfarrbezirke in manchen Kirchen zusammengelegt. Ich glaube trotzdem nicht, dass der Kern des Pastorenberufes sich dadurch völlig verändert hat. Es geht weiterhin um die Verkündigung des Wortes Gottes und um Seelsorge. Was dringend geändert werden muss: Die Pfarrer und Pastoren sind mit einer Flut von organisatorischen Dingen belastet. Ich würde behaupten, dass fünfzig Prozent des Pastorenberufes mittlerweile in rein administrativen und organisatorischen Dingen besteht. Das muss sich ändern. Das heißt, wir brauchen Hilfen im Bereich der Verwaltung, sodass die Pastoren endlich wieder zu dem kommen, was sie eigentlich auszeichnet. Pastoren sind Hirten der Gemeinde und dürfen nicht zu Gemeindemanagern werden.

Kann es helfen, die Rolle von Laienpredigern zu stärken?

Das Laienelement  wird in Zukunft noch viel stärker werden müssen, bis in die Verkündigung hinein. Aber bestimmte Aufgaben können nur von vollzeitlichen Kräften erledigt werden. Das gilt insbesondere  für die klassischen Kasualien wie Hochzeiten, Beerdigungen, Taufen und so weiter, aber auch vor allen Dingen für die seelsorgerliche Kompetenz – denn Seelsorge kostet viel Zeit und Energie. Von daher werden wir auch in Zukunft nicht auf die vollzeitlichen Mitarbeiter im geistlichen Dienst verzichten können.

Was halten Sie von Bestrebungen, junge Menschen durch kreative Werbeaktionen für ein Theologiestudium zu begeistern?

Ich finde es gut, dass die Kirchen endlich anfangen, Werbung um den Nachwuchs zu machen. Es wundert mich, dass dies jahrelang nicht geschehen ist. Trotzdem muss sich grundsätzlich was an der Einstellung zu diesem Beruf ändern. Und da sind die Pastoren selber gefragt. Denn wenn Sie einen vorbildlichen Pfarrer haben, der mit Begeisterung und Hingabe seinen Job lebt, ist das die beste Werbung für den Pfarrberuf, viel besser als jeder Werbeclip der Kirchen. Wir haben in Deutschland allein im evangelischen Bereich knapp 20.000 Pfarrer. Die erreichen jedes Wochenende immer noch fast eine Million Menschen durch ihren Gottesdienst. 

Sie haben einmal geschrieben „wir brauchen einen Ruck hin zu mehr gut ausgebildeten Leuten im Reich Gottes“. Wie stellen Sie sich das vor?

Damit meine ich, dass wir nicht angesichts der Nachwuchssorgen in wilde Aktionen samt Kurzzeitausbildung hineingeraten. Wir brauchen keine Crashkurse für Halbtheologen. Solche Tendenzen gibt es leider auch in der Ausbildungslandschaft. Stattdessen müssen wir auf hohem Niveau – auch mit der nötigen Zeit, die das braucht – die Qualität stärken, denn sonst schießen wir uns ein Eigentor. Ein Theologiestudium ist nicht nur akademische Ausbildung, sondern auch Persönlichkeitsentwicklung.

Wie sieht die Kirche in dreißig Jahren aus?

Ich wünsche mir in dreißig Jahren eine Kirche, die weiterhin an den Grundlagen des Evangeliums festhält, keine Abstriche und Kompromisse macht in dem Bezug zu Jesus und seinem Wort, aber gleichzeitig gelernt hat, die Bedürfnisse und Sehnsüchte der Menschen ihrer Zeit aufzunehmen, eine Kirche, die Menschen ernst nimmt und sie hin zu Jesus, der Quelle des Lebens, führt. Sie muss nah bei Jesus sein und nah bei den Menschen. Dann brauchen wir uns um die Zukunft der Kirche keine Sorgen zum machen.

Vielen Dank für das Gespräch!

Die Fragen stellte Stefanie Ramsperger

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