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Tod im Boot

Rund 1.000 Flüchtlinge sind in der vergangenen Woche offenbar im Mittelmeer ertrunken. Was es bedeutet, mit dem Boot von Libyen nach Europa zu kommen, erklären zwei junge Eritreer pro, die das selbst erlebt haben.
Von PRO
Wer in einem der überfüllten Flüchtlingsboote über das Mittelmeer nach Europa fährt, kann froh sein, wenn er das überlebt. In der vergangenen Woche sind insgesamt über 1.000 Menschen dabei ertrunken
Wer in einem der überfüllten Flüchtlingsboote über das Mittelmeer nach Europa fährt, kann froh sein, wenn er das überlebt. In der vergangenen Woche sind insgesamt über 1.000 Menschen dabei ertrunken
Tekle und Tsegay kommen aus Eritrea. Sie sind Anfang zwanzig, seit anderthalb Jahren leben sie in Deutschland und warten seitdem darauf, dass ihr Asylantrag bearbeitet wird. Sie sind vor der Diktatur in ihrem politisch abgeschotteten Heimatland geflohen und vor dem Militärdienst, zu dem sie lebenslang verpflichtet werden könnten. Nordkorea Afrikas wird das kleine Land am Roten Meer auch genannt. Im Oktober 2013 sind sie mit einem Holzkutter auf Lampedusa gelandet. Diese kleine italienische Insel, die näher an Tunesien als an Sizilien liegt, ist für viele afrikanische Flüchtlinge das rettende europäische Ufer. Es war der zweite Versuch von Tekle und Tsegay, mit dem Boot von Libyen nach Europa zu kommen. Beim ersten Mal, im April jenes Jahres, waren sie schon vier Stunden auf dem Meer unterwegs, als die libysche Polizei ihr Boot einholte und zum Umkehren zwang. Zurück an Land wurden sie in einen Bus gedrängt und an den Händen gefesselt. Ein oder zwei Stunden dauerte die Fahrt – dann standen sie vor einem Gefängnis. Drin saßen sie dann sechs Monate, 16 Männer auf ungefähr ebenso vielen Quadratmetern. „Sobald Geld da ist, kannst du raus. Mit Geld ist das kein Problem“, sagt Tsegay. Woher genau das Geld schließlich kam, das er brauchte, darüber bleibt er im Vagen. Die Familie habe wohl zusammengelegt. 1.600 Dollar muss jeder der beiden jungen Männer bezahlen, damit Schleuser sie auf das Schiff nach Europa bringen. Die Boote fahren zwischen April und Oktober. Beim zweiten Versuch der zwei Eritreer im Oktober stehen sie mit rund 300 Menschen am Ufer. Mit Schlauchbooten werden je 30 von ihnen auf ein größeres Holzboot gebracht, das vor der Küste liegt. Als die meisten ihrer Gruppe schon dort sind, kommt wieder die Polizei und nimmt einen Teil der noch Wartenden mit. Tsegay und Tekle trifft es dieses Mal nicht.

„Ohne Essen brauchst du keine Toilette“

Der Kutter, der sie nun nach Europa bringen soll, ist für vielleicht 100 Personen ausgelegt, schätzen sie. Mehr als doppelt so viele sind drauf. Das ist illegal, aber niemand kontrolliert es. 36 Stunden dauert die Überfahrt. Tekle sitzt im Unterdeck, kein Licht, keine Luft. Er kann sich, wie auch die anderen, kaum bewegen, so dicht gedrängt sitzen sie. Zwischen seinen Beinen hockt noch jemand auf dem Boden. An Schlaf ist kaum zu denken. Entweder er stützt seinen Kopf in die Hände oder legt seinen Oberkörper auf denjenigen, der vor ihm sitzt. Wer sich wegen des Seegangs übergeben muss, bricht seinem Vordermann in den Rücken und dem Nachbarn auf die Schulter. Auf dem ganzen Schiff gibt es keine Toilette. Kein Essen, kein Trinken. „Wenn es nichts zu Essen gibt, braucht man auch keine Toilette“, sagt Tsegay. Er sitzt während der Überfahrt auf dem flachen Oberdeck. Kein Dach. Nur der Motor ist abgedeckt. Tsegay hat Kopfschmerzen. Ob sie von der Sonne am Tag, der Kälte in der Nacht, den Wellen, dem Hunger und Durst oder der Angst kommen, weiß er nicht, aber das ist auch egal. Schwimmen kann er ein bisschen. Aber ob ihn das im Notfall gerettet hätte? Auf dem Schiff von Tsegay und Tekle sind nur Eritreer, die meisten von ihnen sind wie die beiden Christen, aber auch einige Muslime sind dabei. Spannungen gibt es keine zwischen ihnen. Jeder betet auf dem Meer zu seinem Gott. „Ohne Gebet geht es nicht“, sagt Tsegay. Er ist Gott dankbar, dass er es nach Deutschland geschafft hat. Auf seinem Boot ist niemand gestorben. Aber auf anderen, die auf dieser Strecke unterwegs waren, sind Freunde von ihm ums Leben gekommen. Als er davon spricht, versagt seine Stimme. (pro)
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