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Thierse: Staat soll nicht auf Potential der Christen verzichten

Auf den Stellenwert von Religion hat der ehemalige Präsident des Deutschen Bundestages, Wolfgang Thierse, am Samstag in Gießen hingewiesen. Religion dürfe nicht nur Privatsache bleiben. Die Kirche sollte sich in gesellschaftliche Debatten einbringen.
Von PRO
Thierse sprach sich am Wochenende dafür aus, dass die Kirche gesellschaftlich Stellung beziehen sollte

Foto: pro/Johannes Weil

Thierse sprach sich am Wochenende dafür aus, dass die Kirche gesellschaftlich Stellung beziehen sollte
„Wieviel Religion verträgt unsere Gesellschaft?“ – Mit dieser Frage hat sich der SPD-Politiker Wolfgang Thierse im Rahmen des Symposiums „Religion(en) im 21. Jahrhundert: Zwischen Tradition und Zukunft“ der Katholischen Hochschulgemeinde am Samstag in Gießen beschäftigt. Religion sei von überraschender, kräftiger, aber auch sehr widersprüchlicher Aktualität. Viele Menschen hätten schon den Abgesang der Religion proklamiert, sagte Thierse. Der ehemalige Präsident des Deutschen Bundestages erklärte, dass die Flüchtlingsströme auf ein unsicheres Europa träfen. „Europas individuelle und kollektive Identität wird gerade in Frage gestellt. Es existieren Ängste über Entheimatung, die sich in aggressivem Protest ausdrücken“, sagte das Mitglied des Zentralkomitees der Katholiken. Die islamkritische Pegida-Bewegung meine, das christliche Abendland gegen eine fremde Religion verteidigen zu müssen.

„Nächstenliebe kann nur gelebt werden, wenn sie ins Politische reicht“

Die Bundesrepublik Deutschland sei historisch geprägt durch ein besonderes Verhältnis von Staat und Kirche. Der Staat ermögliche seinen Bürgern Religionsfreiheit und eine freie Weltanschauung. Er halte sich in diesen Fragen zurück und gebe den Meinungen seiner Bürger Raum, die den Staat tragen. Thierse forderte dazu auf, grundlegende Gemeinsamkeiten in der Gesellschaft zu finden „in dem, was wir Maßstäben, Norme und Werte nennen. Wir müssen das ethische Fundament für gelingende Demokratie immer wieder neu erarbeiten“. Dazu trügen auch die christlichen Kirchen bei. Sie sollten nicht leisetreterisch und ängstlich sein, sondern müssten sich als Dialogpartner in die Debatte einbringen. „Nächstenliebe kann nur gelebt werden, wenn sie ins Politische reicht.“ Religion dürfe nicht nur Privatsache bleiben. „Wir dürfen Religion nicht ins apolitische stille Kämmerlein verfrachten“, sagte Thierse. Die faire Anerkennung religiöser und kultureller Minderheiten sei eine dauerhafte Herausforderung. „Wir müssen diese Zumutung annehmen und uns anstrengen, den andern zu verstehen und eine gemeinsame Sprache zu finden.“

Thierse: Kirchen dürfen nicht ihre Leidenschaft verlieren

Die Erwartung an die Kirchen, sich gesellschaftlich zu äußern, sei in der Bevölkerung immer noch erheblich. „Die sollen vorleben, was mir fremd ist“, skizzierte Thierse. Der säkulare Staat wäre „sehr dumm“, wenn er auf das Potential der Christen in seinem Land verzichten würde: „Sie haben Deutschland mit ihrem Potential geprägt. Dasselbe gilt für die Juden wieder und für die Muslimen mehr und mehr.“ Auf solche Bürger bleibe Deutschland angewiesen. Thierse sagte, dass gesellschaftliche Toleranz beim derzeitigen Status quo notwendiger denn je sei. Diese könne man nicht im Vorbeigehen erreichen, sondern sei ein anstrengender Prozess, um dem man sich kümmern müsse. In der Geschichte hätten Kirchen gelernt, auf Machtausübung zu verzichten. Trotzdem dürften sie nicht ihre Leidenschaft und Überzeugungskraft verlieren. Am Ende seines Referats ging Thierse auf den vielzitierten Satz „Der Islam gehört zu Deutschland“ ein. Muslime gehörten zweifellos zu Deutschland. Wenn Deutschland Ja zum Islam als Teil Deutschlands sage, erlaube dies auch Fragen, nach dessen innerer Vielfalt, seiner Theologie und seiner Ausdifferenzierung zu stellen. Es dürfe nicht nur ein Verhältnis „gnädiger Duldung“, sondern auch von Respekt sein. „Dies erst ist gelebte Toleranz.“ Religionsfreiheit müsse ein genuines Freiheitsrecht bleiben. Ein Zurechtstutzen auf Religion als Privatsache wäre falsch. „Wir müssen darauf bestehen, dass dies nicht der Fall ist. Das entspricht der Verfassung, die für alle gleichermaßen gültig ist“, zog Thierse Bilanz, der auch Sprecher der Christinnen und Christen in der SPD war. (pro)
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