Das Interesse am Theologiestudium schwindet, die entsprechenden Fakultäten an den Unis haben laut Aussage des Rechtswissenschaftlers Hans Michael Heinig in einem Interview mit der „Zeit“ bereits „riesige Überkapazitäten“. Daher drängt der Professor für Öffentliches Recht in Göttingen die Kirchen zur Umstrukturierung ihrer theologischen Fakultäten. Anderenfalls sei deren Fortbestand an Hochschulen nicht garantiert. Denn der Bestand der Institute und Fakultäten hänge nach Staatskirchenrecht davon ab, ob tatsächlich „ein Bedarf“ bestehe.
Der Rechtsprofessor zieht daraus eine klare Konsequenz: Die Kirchen müssen selbst die Initiative ergreifen – und zwar jetzt. Heinig rechnet damit, dass wegen der Überkapazitäten an etwa der Hälfte der derzeit rund 50 Standorte katholische oder evangelische Fakultäten verschwinden. „Bleiben die Studierenden aus, werden die Kapazitäten angepasst. Das ist ein normaler Prozess an Universitäten, der alle Fächer betrifft“, erklärt Heinig.
Null mediale Präsenz
Heinig plädiert für eine Konzentration auf größere, leistungsfähigere Einheiten. Kleinstinstitute mit nur drei Professuren seien wissenschaftlich kaum sinnvoll. Eine Fakultät mit 15 Professuren könne überdurchschnittlich mehr leisten. Zudem schlägt er konfessionsübergreifende Kooperationen vor. In Fächern wie Altes und Neues Testament könnten evangelische und katholische Theologie zusammenarbeiten, statt am selben Ort doppelte Strukturen vorzuhalten. Als Vorbild nennt Heinig die amerikanischen Divinity Schools. Auch eine Reform der Studieninhalte hält Heinig für nötig. Entscheidend sei nicht, was man schon immer so gemacht habe, sondern welche Kompetenzen Absolventen in den nächsten 50 Jahren bräuchten.
Als Ursache für den Rückgang an Theologiestudenten nennt Heinig mehrere Gründe. Einmal, dass der Pfarrberuf nicht mehr innerhalb von Familien weitergegeben werde. Zum anderen hätten Geistliche kaum noch mediale Präsenz. „Vor 20 Jahren konnte sich jemand wie Wolfgang Huber, damals Ratsvorsitzender der Evangelischen Kirche in Deutschland (EKD), noch umstandslos in Talkshows entfalten“, erklärt Heinig im Interview, und weiter: „Das ist vorbei. In großem Stil generiert heute vielleicht noch der Papst massenmediale Aufmerksamkeit.“