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“Tagesschau”-Sprecherin: “Fernsehen hat keine Zukunft”

"Ich bin sicher, dass ich zur letzten Generation von Fernsehleuten, Reportern und Moderatoren gehöre, die bundesweit bekannt sind." Mit dieser Aussage hatte "Tagesschau"-Sprecherin Judith Rakers Anfang Oktober in einem Essay über die Zukunft des Fernsehens auf sich aufmerksam gemacht. In einem Interview mit "Focus Online" bekräftigte sie nun noch einmal ihre These, dass das Fernsehen keine Zukunft habe.
Von PRO

Foto: Franz Richter, bearbeitet von César (Wikipedia)

"Das Internet wird nur noch kurze Zeit ein Medium neben Hörfunk, Fernsehen, Zeitungen und Zeitschriften sein", schrieb Rakers damals in der Tageszeitung "Die Welt". "Dann wird es zur Kommunikationsplattform werden, über die wir Web-Radio hören, soziale Kontakte pflegen, unseren Kalender und den Inhalt unseres Kühlschranks organisieren, Nachrichten erhalten und Unterhaltung abrufen." Mehr noch: Der Medienkonsument der Zukunft werde nicht nur bestimmen können, wann er die Inhalte abrufe, sondern auch, welche Inhalte das sein werden. Es werde Usus, dass man Interessengebiete, Neigungen, Hobbys angebe und dann zielgruppengenau und individuell informiert werde.

Bislang habe die Erinnerung an gemeinsame Kindersendungen Generationen verbunden, die "Tagesschau" sei noch ein Ritual in vielen Familien. In Zukunft werde jedoch nicht mehr sichergestellt sein, dass Sozialisation auch über Medien funktioniere. Das habe Konsequenzen: "Wenn die Gemeinschaftserlebnisse, die auch Fernsehen heute noch schaffen kann, seltener werden, dann muss auch die Frage nach Identität formuliert werden", prognostizierte Rakers. Heute hänge die Identität auch von den Faktoren Region, Nation, Sprache ab. "Wenn aber Sozialisation in Zukunft vor allem im Internet stattfindet, übernehmen die Grenzen unserer Freunde-Liste bei Facebook dann irgendwann die Funktion heutiger Nationengrenzen?"

"Mit unseren derzeitigen Kategorien kommen wir nicht mehr sehr weit"

In Ihrem Interview mit Focus-Online ergänzt die "Tagesschau"-Sprecherin: "Wir nehmen das Internet noch falsch wahr: Es ist kein neues Medium, sondern eine neue Technik, eine Kommunikationsplattform, auf der Medien stattfinden. Und ich glaube, dass da so viel in den Startlöchern steht, dass wir mit unseren derzeitigen Kategorien nicht mehr sehr weit kommen." So hätten viele Deutsche schon einen Hybridfernseher, also ein Gerät, das auch Internetangebote abbilden könne. Facebook habe gerade angekündigt, auch Fernsehen anbieten zu wollen. Youtube würde zum Fernsehkanal werden. Im Moment seien von Google-TV 100 Kanäle angekündigt worden. Das Unternehmen spräche aber schon von Millionen Kanälen, die mit der Zeit entstehen könnten. "Ich glaube, dass die soziale Funktion, die das Fernsehen derzeit noch hat – als modernes Lagerfeuer der Familie, an dem man Information und Unterhaltung konsumiert – dass diese Funktion mehr und mehr durch die sozialen Netzwerke im Internet abgelöst wird", sagt die Journalistin. Alles werde über das Internet laufen, weil es nur noch diese Kommunikationsplattform geben werde.



Konkret stellt sich Rakers das so vor: "Wir werden abends heimkommen, unser Internet einschalten, sofort auf unser soziales Netzwerk kommen – vermutlich wird das Facebook sein. Dort werden wir von unserer virtuellen Freundesgruppe begrüßt, gratulieren schnell noch jemandem zum Geburtstag, haben ein Video als Sprachnachricht bekommen und sehen sofort, was unsere Freunde gerade machen: Wie sie kommunizieren, was sie gucken, ob sie sich zu einem Internet-Pokerturnier treffen, eine Tagesschau-Meldung kommentiert haben oder eine Sendung wie ‘Wetten, dass..?’ schauen." Die sozialen Gruppen würden eigene Inhalte und Sendungen anbieten und sie würden die Sendungen und Inhalte anderer Anbieter, also auch die der heutigen Sender, distribuieren.

Journalisten als professionelle Wegweiser gewinnen an Bedeutung

In dem Zusammenhang werde die Funktion des Journalisten als professioneller Wegweiser noch wichtiger. Allerdings würden sich die Herausforderungen an Journalisten weiter verändern, weil diese mit ganz anderen Quellen konfrontiert seien: Anstelle von Korrespondenten und Nachrichtenagenturen, von professionellen Journalisten also, die nach professionellen Gesichtspunkten auswählen, habe man es plötzlich mit Blogeinträgen und Videos zu tun, von denen man oft erst nicht wisse, wer sie eingestellt habe und ob damit Propaganda gemacht würde.

Im Hinblick auf eine mögliche Beibehaltung der Gebührenfinanzierung, sagte Rakers, dass es wünschenswert wäre, wenn man auch im Internet noch Programme und Kanäle hätte, die unabhängig von Werbung funktionierten. Das sei der größtmögliche Versuch von Objektivität und Neutralität. "Allerdings ist da die Frage: Wie wachsen die Digital-Natives weiter auf? Wissen sie den Wert von Objektivität und Neutralität überhaupt noch zu schätzen?" (pro)

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