Damaskus gilt als eine der ältesten christlichen Städte der Welt. Doch heute leben in Syrien nur noch schätzungsweise 300.000 Christen – Hunderttausende weniger als vor zehn Jahren. Im aktuellen Weltverfolgungsindex von Open Doors ist Syrien auf Platz sechs der gefährlichsten Länder für Christen vorgestoßen – ein Sprung von zwölf Plätzen gegenüber dem Vorjahr.
Edward Awabdeh kennt die Situation im Land aus eigener Erfahrung. Der studierte Zahnarzt hat 20 Jahre in Saudi-Arabien praktiziert, anschließend ein Theologiestudium in den USA abschlossen und ist 2003 zum Gemeindepastor in Damaskus ordiniert worden. Er leitet seitdem als Präsident die Allianzkirchen in Syrien und Libanon. Awabdeh blieb während des gesamten Bürgerkriegs in Damaskus – und ist bis heute dort.
Im Juni 2025 erschütterte ein Selbstmordanschlag einer IS-Zelle während eines Gottesdienstes in der orthodoxen Mar-Elias-Kirche in Damaskus die christliche Gemeinschaft: 22 Christen starben, 63 wurden verletzt. In der Folge wurden Kirchenaktivitäten nach Angaben von „Christian Daily“ weitgehend eingestellt, viele Gläubige mieden die Gottesdienste.
Größte Bedrohung: Islamischer Extremismus
Die Verfassung vom März 2025 hat die islamische Scharia zur Hauptquelle der Gesetzgebung erklärt – Open Doors US sieht darin keinen ausreichenden Schutz für religiöse Minderheiten. Die neue Regierung habe zwar Gespräche mit christlichen Gemeindeführern gesucht und Sicherheit für religiöse Feiern bereitgestellt, erklärt Awabdeh in einer Antwort auf Fragen von PRO – und bleibt skeptisch.
„Die eigentliche Gefahr ist die Radikalisierung des Islam und die Art, wie die gesamte Atmosphäre diese Radikalisierung befördert“, sagt er. „Die Menschen bewegen sich immer mehr in Richtung Scharia – und dabei geht es nicht um irgendeinen Islam, sondern um extreme, salafistische Ideologie, die anderen – selbst Muslimen – aufgezwungen wird.“
Konkret werde das im Alltag spürbar: Frauen ohne Kopftuch beispielsweise würden in der Öffentlichkeit schief angesehen, Make-up als moralisches Vergehen bewertet.
Was ihn besonders beunruhigt: „Wichtige Posten in der Verwaltung werden zunehmend mit Scharia-Gelehrten besetzt – nicht mit Fachleuten. Diese Menschen sind keine fähigen Verwalter – sie kennen nur das islamische Recht. Und das ist ein klares Zeichen: Sie glauben, Gott hat ihnen den Sieg geschenkt, weil sie der Scharia gehorcht haben. Wenn sie davon abweichen, befürchten sie, Gott verlässt sie.“
Die britische Regierung hat in ihrer Länderanalyse vom Februar 2026 festgestellt, dass Christen in Syrien formal keine systematische staatliche Verfolgung erfahren, zugleich aber Berichte über Übergriffe, Einschüchterung und Diskriminierung durch staatliche und nichtstaatliche Akteure vorliegen.
Geflüchtete besuchen Syrien, bleiben aber nicht
Seit dem Regimewechsel und dem Sturz Assads habe sich kaum etwas verbessert, was die Abwanderung christlicher Syrer bremsen würde, sagt Awabdeh. Allerdings sei die Einberufung zum Militär weggefallen. Ein wesentlicher Grund, warum viele junge Männer zuvor das Land verlassen hätten. „Doch die wirtschaftliche Not ist geblieben, ja hat sich für viele verschlimmert.“ Die wirtschaftlichen Probleme sind nach wie vor dieselben, wenn nicht schlimmer. Christen und andere Minderheiten hätten zudem das Gefühl, bei der Vergabe von Stellen im öffentlichen Dienst diskriminiert zu werden.
Von einer Rückkehr syrischer Christen aus Europa oder Deutschland weiß Awabdeh nichts. „Manche kommen zu Besuch. Aber um zu bleiben? – Nein.“
Helfen ohne zu instrumentalisieren
Die Allianzkirchen in Damaskus haben während des Krieges Tausende Familien mit humanitärer Hilfe versorgt. Awabdeh beschreibt, wie schwierig der Balanceakt war: Die Gemeinde trennte konsequent das Hilfswerk vom Gemeindeleben – eigene Teams, eigene Strukturen, klare Kommunikation nach außen.
„Wir haben im Namen Christi geholfen. Nicht um Menschen in die Kirche zu locken. Da wäre zu billig gewesen für das, was Christus wirklich kostet. Menschen ändern sich durch die Wahrheit des Evangeliums und durch die Liebe der Gemeinde – nicht wegen Hilfeleistungen.“
Awabdeh richtet eine direkte Bitte an Christen in Deutschland und Europa: „Gebete bedeuten uns wirklich viel. Eines unserer Gemeindemitglieder war in Deutschland und zeigte mir, wie Jugendliche dort einen ganzen Abend lang für Syrien gebetet haben. Das hat mich zum Weinen gebracht. Wir gehören wirklich zu einem Leib.“
Edward Awabdeh, Leiter der Christian and Missionary Alliance (CMA) Kirchen in Syrien und Libanon und Gemeindepastor in Damaskus, ist am 14. Mai 2026 (Himmelfahrt) Hauptredner der Coworkers-Konferenz „Co-Mission“, die in der Liederhalle Stuttgart stattfindet.