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Supermarkt der Religionen

Einen Mord aus Glaubensgründen, Dauerstreit um Kopftücher und ein Kirchenkampf um homosexuelle Priester. Diese Streitpunkte haben den evangelischen Theologe Friedrich Wilhelm Graf zu einem Buch über die globale Vielfalt der Religionen veranlasst. Darin spricht er über den „Supermarkt der Religionen“. Eine Rezension von Johannes Weil
Von PRO
Vor allem in Südamerika und Afrika haben Pfingstgemeinden großen Zuwachs. Westliche Intellektuelle tun sich schwer damit, die erstaunlichen Erfolge zu verstehen, meint der Theologe Friedrich Wilhelm Graf in seinem neuen Buch "Götter global"

Foto: Foto: America Redefined (CC-BY) |

Vor allem in Südamerika und Afrika haben Pfingstgemeinden großen Zuwachs. Westliche Intellektuelle tun sich schwer damit, die erstaunlichen Erfolge zu verstehen, meint der Theologe Friedrich Wilhelm Graf in seinem neuen Buch “Götter global”

Zunächst präsentiert Graf einige Glaubensfakten. Darin zeigt er, dass das Christentum zu einer Religion des globalen Südens geworden ist. Zudem gebe es viele neue Ausprägungen im Protestantismus. In China etwa schätzten die Menschen am Christentum, dass es Netzwerke von Solidarität und Gemeinsinn knüpfe. Graf betont aber auch, dass der Islam zahlenmäßig auf dem Vormarsch ist. Durch seine Vielfalt befinde er sich auch häufig im internen Streit.

Trend zur Entkirchlichung

Graf erkennt vor allem im Wechsel von einer Religion zur anderen ein wichtiges Thema für die Zukunft. Viele Religion befänden sich zudem mit ihrer Präsenz im Internet auf dem Vormarsch. Aus seiner Sicht würde aktuell alles Mögliche – Sport, Politisches, Kunst und Sex – mit religiösem Sinngehalt aufgeladen.
In Deutschland geht Graf davon aus, dass auch in Zukunft die beiden großen Kirchen trotz ihres vielfachen Vertrauensverlustes die wichtigsten religiösen Akteure der Gesellschaft bleiben. Sie übernähmen dann sekundäre Aufgaben, etwa im sozialstaatlichen Bereich. Er sieht auch einen Trend zur Entkirchlichung, obwohl einige kleinere christliche Gemeinschaften aufblühten.

Gewollte Ökumene

Der Staat wünsche sich die Ökumene der beiden großen Kirchen, weil diese immer auch eine integrierende Wirkung habe. Viele Gläubige hätten kein Interesse an den Lehrstreitigkeiten der Theologen und hohlen Pathosformeln. „Vielen kirchlich engagierten Christen ist der theologische Streit von einst gleichgültig geworden“, schreibt Graf.
In einem weiteren Kapitel blickt der Theologe über den Tellerrand. Im laizistisch geprägten Frankreich erführen diejenigen, die öffentlich ihren Glauben bekennen wollen, „den angeblich religiös neutralen Staat als religionsfeindlich Unterdrückungsagentur“. Auch im orthodoxen Griechenland hätten es religiösen Minderheiten sehr schwerer, ihr Recht auf Religionsfreiheit wahrzunehmen, weil dies nicht mit dem Kirchenbegriff der Orthodoxen vereinbar sei. Europaweit würden immer mehr Fromme vor Gericht ziehen, weil sie sich in der Ausübung ihrer Religion diskriminiert fühlen.

Charismatisches Erwählungsbewusstsein

Ausführlich blickt der Theologe in die USA. Dort verlören die klassischen Kirchen kontinuierlich an Mitgliedern. Pfingstkirchen mit „charismatischem Erwählungsbewusstsein“ befänden sich dagegen auf dem Vormarsch. Mit dem Erfolg der Pfingstkirchen täten sich gerade westliche Intellektuelle schwer, meint Graf. Hoffnungen setzt er in den neuen Papst, der einen veränderten Fokus auf andere Kontinente ermögliche.
Skeptisch sieht er die Kreationisten, die in den USA seit den 1960er Jahren versuchten, den Schöpfungsglauben zur besseren Wissenschaft zu machen. Viele Menschen machten von der Kreationssemantik Gebrauch, wenn sie etwa bei der Mülltrennung von der Bewahrung der Schöpfung redeten. Eine starke religiöse Identität hält Graf für zwiespältig. Ein kollektiv geteilter Glaube integriere zum einen, polarisiere aber zugleich gegenüber Außenstehenden.

Religion erzeugt Krieg?

Graf hebt die große Macht der Religion hervor. Sie könne Krieg erzeugen, aber gleichzeitig produziere der Krieg auch Religiosität, Frömmigkeit und Religion, „nicht selten besonders intensiv“. Nie zuvor seien vergleichbar viele Kriege aus Glaubensgründen geführt worden oder mit „religiöser Selbstlegitimation wie in der Gegenwart“.
Das größte Wachstum bilanziert Graf bei den Gruppen, die es schaffen, viele junge Menschen an sich zu binden. Außerdem sei der Glaube in den armen Teilen der Welt ein ein wichtiger Identitätsgarant. Im Zuge der religiösen Globalisierung erwartet Graf in Zukunft einen Kampf „konkurrierender politisierter Wertegötter“. Den größten Erfolg prophezeit er Religionen, die klare Regeln und Bindungen versprächen. Nicht immer einfach geschrieben, aber informativ, gelingt dem Autor eine gute Übersicht über den Markt der Religionen und die Herausforderungen der Zukunft. Graf ist Professor für Systematische Theologie und Ethik an der Universität München und Ordentliches Mitglied der Bayerischen Akademie der Wissenschaften. (pro)
Friedrich Wilhelm Graf, Götter global: wie die Welt zum Supermarkt der Religionen wird, CH Beck, 9783406660238, 16,95 Euro.

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