Das christliche Medienmagazin

Super-Nanny für Tote

Ein großer Grusel hatte sich auf dem Kölner Privatsender RTL  für "Halloween" angekündigt. In der Nacht, in der der Sage nach die Grenze zum Totenreich besonders durchlässig ist, sollten Tote befragt werden. Was RTL dann am Sonntagabend ausstrahlte, war von unfreiwilliger Komik geprägt und eher gesellig als gruselig. Aber ungefährlich muss es deswegen noch lange nicht sein.
Von PRO

Foto: RTL

"Das Medium", so lautete der Titel der Sendung, die RTL am Sonntagabend zur Primetime sendete. Der Sender blieb sich und seinem Image als "Unterschichten-Fernsehen" (Harald Schmidt) treu. Was da die Toten befragte, war keine Okkultistin in Schwarz, keine Hexe mit Zaubertrank, und keine Magierin mit schwarzen Kerzen. Kim-Anne Jannes (38) ist genauso RTL-konform wie alle anderen liebenswerten Berater, die durch das Unterschichten-Programm tingeln. Wie aus anderen RTL-Dokusoaps bekannt, setzten im richtigen Augenblick die Streicher oder die Klaviermusik ein, um entweder kurzzeitige Dramatik oder erlösendes Aufatmen zu signalisieren. Das "Medium" Kim-Anne Jannes ist eher eine nette Hausfrau, die ein bisschen viel plaudert. Ab und zu auch mit Toten. Eine Super-Nanny für Tote quasi. Immerhin kann sie damit Geld verdienen, zumindest durch RTL.

"Übrigens, der Tote sitzt grade neben Ihnen!"

Wenn Jannes einer 21-jährigen Frau erklärt, wie das damals ungefähr war mit dem Tod ihres Bruders, dann erzählt sie von der "Begegnung" so, als wenn sie den Verstorbenen eben gerade noch im Café um die Ecke getroffen hätte. Sie erzählt, was der 22-jährige David damals vor drei Jahren mit seinen drei Kumpels erlebt hat, kurz vor dem Tod. Die Schranken am Bahnübergang gingen irgendwie zu früh auf, die Ampel stand aber noch auf Rot, die Insassen sahen nur noch die Lichter der Lok. Aus war’s.

Schranken, Bahnübergang, der plötzliche Tod, alles ist nicht sehr überraschend. Es habe die vier jungen Männer "kalt von der Seite erwischt", purzelt es heiter aus dem Medium heraus. Es ist nicht immer ganz klar, ob die 21-jährige Hinterbliebene die Anekdoten aus dem Jenseits wirklich ernst nimmt, ob RTL es ernst nimmt, oder ob der Sender ganz bewusst auf unfreiwillige Komik setzt. Das Medium schiebt dann noch, an die auf dem Sofa sitzende junge Frau gerichtet, nach: "Übrigens, der Tote sitzt grade neben Ihnen!"

In einer ordentlichen Beratungsshow von RTL darf das 17. Bundesland natürlich nicht fehlen. Was wäre die Super-Nanny der Toten ohne Mallorca? Auf des Senders Lieblingsinsel trifft das geschwätzige "Medium" eine Frau, deren ziemlich reicher Lebensgefährte vor 13 Jahren starb. Er wurde in seiner Finca erschossen, durch Genickschuss, ebenso wie sein Sohn und seine Hausangestellte. Irgendwie möchte man zu gern wissen, wie das Erbe des schwer reichen Ermordeten aufgeteilt wurde, und wieso die "langjährige Lebensgefährtin" nach all den Jahren über ein Medium Kontakt mit ihm aufnehmen möchte. Sie sagt es uns selbst:  "Also mir wär’ schon eine Verabschiedung lieb, dass man nochmal in Kontakt kommt." Man hat sich ja so lange nicht gesehen. Das "Medium" schlendert durch das Haus, in dem die schreckliche Tat vollzogen wurde. Ab und zu überkommt sie sichtlich Unbehagen, begleitet von einem "Uah". Sie stellt fest: "Das ist kein natürlicher Tod, wenn ich das mal so sagen darf." Dann fasst sie sich an den Kopf und löst den Fall: "Ich hab das Gefühl, es macht gleich Peng! Uah."

RTL, dein Freund und Helfer

Der Höhepunkt der Sendung war die Kontaktaufnahme mit dem prominenten Politiker Uwe Barschel, der am 10. Oktober 1987 auf immer noch ungeklärte Weise in einem Genfer Hotel ums Leben kam. War es Selbstmord oder Mord? Barschels Witwe Freya glaubt, dass es Mord war. RTL schickt das "Medium" ins Rennen. Auch wenn sie angeblich nicht weiß, um wen es sich bei dem ermordeten Prominenten handelt, lernt sie den Verstorbenen aus dem Stegreif als höflich, redegewant, gebildet, naturverbunden, "unheimlich nett" kennen. RTL-Moderatorin Petra Neftel geht auf’s Ganze: "Frau Jannes, ich möchte Sie einmal ganz konkret fragen: Ist Uwe Baschel umgebracht worden?" Jannes: "Ja sicher." Und hat er vor seinem Tod noch an seine Frau Freya gedacht? Ja sicher.

Was die Redakteure der Produktionsfirma "Schwartzkopff TV" Alexandra Vierbaum, Achim Schürg, Daniela Cassarino uns da ins Fernsehen bringen, soll nach Angaben einer Pressemitteilung "Menschen bei der Bewältigung ihrer Trauer" helfen. Indem sie noch einmal einen Gruß aus dem Jenseits erhalten? Nein, RTL, Abschied von einem Verstorbenen kann nur nehmen, wer akzeptiert, dass er tot ist, und nicht, wer ihn durch eine schnatternde Hausfrau in seiner Ruhe stört. Der Skandal ist nicht, dass RTL hier mit Toten spricht. Der Skandal ist, für wie doof RTL seine  Zuschauer hält. Dennoch bleibt zu befürchten, dass Millionen von Zuschauern glauben, was RTL ihnen da auftischt. Und das Spielchen womöglich zu Hause nachspielen. Die Hemmschwelle, sich mit Totenbefragung zu beschäftigen, kann eine solche Sendung durchaus senken.

Zum Ende der Sendung verabschiedet eine Stimme im Off die Zuschauer mit den Worten: "Glaubt man dem Medium, dann ist da mehr zwischen Himmel und Erde." Ja, aber was? Zunächst einmal viel Luft. Hat RTL da ganz gruselmäßig Totenbefragung durchgeführt, oder war das alles nur ein großer Bluff? "Fest steht: Mit ihrer Arbeit kann Jannes den Menschen ein kleines bisschen Trost spenden." Denn darum geht es RTL. Sei es die Super-Nanny, "Bauer sucht Frau", "Raus aus den Schulden" oder "Helfer mit Herz". RTL, was täte die Unterschicht, wenn sie Dich nicht hätte?

Der Abspann klärt dann kleingedruckt ganz nüchtern auf, was wir uns ohnehin gedacht haben: "Die Gesprächsinhalte mit dem Medium im ‘Fall Barschel’ sind juristisch nicht relevant." Aber für die Quote sind sie sehr wohl relevant. (pro)

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