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Studie: Wissen über Religion baut Angst ab

Wie fest sitzen Vorurteile und Klischees über Religionen? Eine Studie zeigt, dass Wissen über eine Religion Angst abbauen kann. Islamwissenschaftler Carsten Polanz kritisiert die Untersuchung.
Von PRO
Neues Wissen über eine Religion kann Vorurteile abbauen, besagt eine aktuelle Studie
Neues Wissen über eine Religion kann Vorurteile abbauen, besagt eine aktuelle Studie
Wer viel über eine Religion weiß, hat weniger Vorurteile ihr gegenüber. Das ist das Ergebnis einer gerade von der Arbeitsgruppe Klinische Neuropsychologie des Universitätsklinikums Hamburg-Eppendorf (UKE) abgeschlossenen Studie. Unter dem Titel „Auch Muslime lieben Jesus?“ gingen die Forscher der Frage nach, inwieweit Vorbehalte gegen den Islam durch Informationen über diese Religion abgebaut werden können. Hilfreich dafür sei aus der Sicht der Forscher eine verbesserte Aufklärung über den Islam sowie die kritische Auseinandersetzung damit, dass viele religiöse Schriften per se missbraucht werden können. Zumindest teilweise würden Vorurteile gegenüber dem Islam durch Wissenslücken hervorgerufen.Für ihre Forschung nutzte die Hamburger Arbeitsgruppe einen Untersuchungsaufbau, der in der Psychologie bei Menschen mit Wahnvorstellungen eingesetzt wird. Das sogenannte metakognitive Training zielt darauf ab, dass die Patienten lernen, ihre starren Überzeugungen zu hinterfragen und gegebenenfalls zu ändern.

Fragen provozieren Klischees

Erstmals wandten Wissenschaftler dieses Training an, um herauszufinden, ob sich dadurch die Einstellung eines Menschen gegenüber einer Religion ändern kann. Insgesamt 1.715 Bundesbürger nahmen an der Studie der Hamburger Arbeitsgruppe in Zusammenarbeit mit der Universität Freiburg und dem Max-Planck-Institut in Berlin teil. Zunächst wurden die Teilnehmer gebeten, die drei großen monotheistischen Religionen hinsichtlich Fortschrittlichkeit, Toleranz und Friedfertigkeit zu beurteilen. Anschließend mussten sie elf Wissensfragen zu religiösen Themen beantworten. Die Fragen sollten bewusst falsche und klischeeträchtige Antworten oder Vorurteile gegenüber dem Islam provozieren. Die Teilnehmer sollten etwa beantworten, ob die weibliche Genitalverstümmelung ein islamischer Brauch sei. Fast ein Viertel der Befragten bejahte dies. Die richtige Antwort, dass das Ritual keine klare religiöse Grundlage habe, gab die Mehrheit von über 70 Prozent. Weiter fragten die Forscher: „Welche Religionen erkennen Jesus als Propheten an?“ Die von den Forschern als richtig vorgegebene Antwort „Christentum und der Islam“ gaben rund ein Drittel der Befragten an. Die Teilnehmer wurden auch gefragt, aus welcher heiligen Schrift der Vers stammt: „Ihr Kinder Israel! Gedenket meiner Gnade, die ich euch erwiesen habe! Und erfüllt eure Verpflichtung gegen mich! Dann werde (auch) ich meine Verpflichtung gegen euch erfüllen.“ Er steht in der zweiten Sure des Koran. Das wussten nur acht Prozent, fast 70 Prozent gaben hingegen Tora beziehungsweise Altes Testament an. Weitere Fragen der Studie waren etwa „Welches heilige Buch benennt ein ganzes Buch nach Jesu Mutter Maria?“ Die richtige Antwort ist der Koran. Dies nannten rund elf Prozent der Teilnehmer, etwa jeder Dritte das Neue Testament und die Tora zirka 19 Prozent. „Keines der drei“ sagten rund 37 Prozent der Probanden. In einer anderen Frage wollten die Forscher wissen: „Welches religiöse Buch schreibt die Verschleierung der Haare von Frauen als Befehl Gottes vor?“ Die Antwort „Kann nicht klar beantwortet werden“ ist als die richtige angegeben. Das Neue Testament nannten weniger als ein Prozent, die Tora vier Prozent und die von den Forschern als „islamkritische“ eingeordnete Antwort, dem Koran, nannten 57 Prozent der Befragten.

Islamkritik schwächt sich ab

Im Anschluss an die Fragen erhielten die Studienteilnehmer die richtigen Antworten zusammen mit ausführlichen Erklärungen. Schließlich sollten die Bürger erneut ihre Einstellung hinsichtlich Fortschrittlichkeit, Toleranz und Friedfertigkeit in den drei Religionen abgeben. Die Einstellung gegenüber dem Islam sei zu Beginn des Versuchs „erwartungsgemäß sehr viel negativer im Vergleich zu Judentum und Christentum“ gewesen, erläutert Forschungsleiter und Psychologieprofessor Steffen Moritz. Die Einstellung „verbesserte sich aber deutlich nach der Präsentation der Lösungen“. Besonders viele Wissenslücken hätten die Teilnehmer in Bezug auf den Islam aufgewiesen, so habe es 60 Prozent falsche Antworten gegeben. Teilnehmer mit anfänglich sehr kritischer Haltung gegenüber dem Islam korrigierten ihre Einstellung am stärksten.

Kritik an der Studie

Der Bonner Islamwissenschaftler Carsten Polanz kritisierte gegenüber pro die Studie: „Natürlich trägt Aufklärung zur Überwindung von Vorurteilen bei. Es ist allerdings teilweise sehr subjektiv, was für die Forscher als korrekte Antwort gilt. Es gibt eine islamkritische Antwort, die falsch ist, und eine erwünschte Antwort, die dann richtig ist.“ In den Erläuterungen zur Studie wird laut Polanz auch die gesellschaftspolitische Absicht deutlich, jegliche Verbindung zwischen Islam und Islamismus auszublenden. Dahinter stehe für Polanz jedoch auch ein Vorurteil, das wissenschaftlich nicht haltbar sei. Bewegungen wie die Muslimbruderschaft hätten gerade auch deshalb eine so große Authentizität in den Augen vieler konservativer Muslime, weil sie ihre Positionen mit zahlreichen Koranversen und Überlieferungen begründen würden. Polanz empfindet es als „problematisch, dass die Fragen und Antworten von Anfang an so angesetzt sind, dass ein erwünschtes Ergebnis herauskommt. Die Fragen sind so konzipiert, dass eine Belehrung erfolgt und der Islam tendenziell positiver dasteht, das Christentum tendenziell schlechter. Hier fehlt der neutrale Forschungsansatz“. Besonders deutlich werde das für Polanz bei der Frage: „Sind Gott (Christentum), Jahwe (Judentum) und Allah (Islam) unterschiedliche Götter?“. Als korrekte Antwort gilt laut Wissenschaftler: „Nein, alle drei sind ein und der selbe Gott.“ Diese Antwort gaben fast 70 Prozent. Hier würden wesentliche Unterschiede einfach ausgeblendet, meint der Islamwissenschaftler – beispielsweise, dass Christen glauben, dass Gott sich in Jesus Christus selbst offenbart habe, während der Koran genau dies als schlimmste Sünde der Vielgötterei verurteile.

Analoge Studie mit Muslimen

Forschungsleiter Steffen Moritz des Uniklinikums Hamburg-Eppendorf entgegnete der Kritik im Gespräch mit pro: „Kritiker können mir natürlich den berechtigten Vorwurf machen, dass ich Zitate aus dem Kontext gerissen habe und den Islam in ein besonders gutes Licht tauche.“ Das sei aber nicht die Intention gewesen. „Uns ging es darum, Zweifel für Vorbehalte zu streuen, von denen die Leute denken, dass sie faktisch richtig sind.“ Den Vorwurf der subjektiven Antworten kann Moritz nicht nachvollziehen. „Die Antworten sind nach meinem Dafürhalten faktisch richtig. […] Die Wurzel der Religionen ist gleich, auch wenn sich die Geschichten in Details unterscheiden.“ Den Islam als eine vollkommen friedliche Religion darzustellen sei nicht Moritz‘ Absicht und sei auch nicht seine Meinung: „Der Islam hat Missbrauchspotenzial, ebenso wie das Christentum oder die jüdische Religion es hat.“ Der Wissenschafter fügt an: „Dass der Islam besser und das Christentum schlechter dasteht, das war nicht beabsichtigt.“ Dazu hätten wahrscheinlich aus dem Alten Testament zitierte Passagen geführt, über Eltern, die ihren ungehorsamen Sohn steinigen sollen, wenn er sich wiederholt ihren Anweisungen widersetze. Wie nachhaltig die Einstellung durch die neuen Informationen beeinflusst ist, beantwortet die Studie nicht. Dies soll eine Folgeuntersuchung erfassen. Im Februar möchte das Universitätsklinikum ein ähnliches Experiment mit Muslimen durchführen. Dabei wollen die Wissenschaftler untersuchen, inwieweit bestimmte Vorbehalte und Klischees gegenüber dem Christentum und dem Westen abgebaut werden können und wie koranfest Muslime sind. (pro)
https://www.pro-medienmagazin.de/politik/detailansicht/aktuell/kramp-karrenbauer-mehr-mut-zum-christentum-90762/
https://www.pro-medienmagazin.de/gesellschaft/detailansicht/aktuell/schirrmacher-sieht-gewaltproblem-des-islam-90671/
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