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Streitpunkt: Mission unter Juden

Das Präsidium des Evangelischen Kirchentages verbietet Unterstützern von judenmissionarischen Aktivitäten auch 2015 die aktive Teilnahme am Kirchentag. Doch was unterscheidet jesusgläubige Juden von „Heidenchristen“? Eine Analyse von Gabriela Wunderlich
Von PRO
Messianische Juden glauben an Jesus als Messias, pflegen aber weiterhin ihre jüdische Kultur

Foto: Juden für Jesus e.V.

Messianische Juden glauben an Jesus als Messias, pflegen aber weiterhin ihre jüdische Kultur
Der Evangelische Kirchentag hatte es schon in den vergangenen Jahren den messianischen Gemeinden nicht gestattet, an dem „Markt der Möglichkeiten“ mitzuwirken. In einer Stellungnahme von Februar 2014 bekräftigt das Präsidium diese Entscheidung und nimmt dabei Abstand von christlicher Mission unter Juden. Hauptkritikpunkt des Kirchentages ist, dass der „jüdisch-christliche Dialog auf Augenhöhe“ gestört werde. Auf ihn seien Christen in ihrem Glauben an den „Gott Israels in seiner bleibenden Verbundenheit mit dem Volk Israel“ angewiesen. Deshalb erklärt das Präsidium: „Wir können und wollen Jüdinnen und Juden nicht missionieren.“ Und weiter: „Das christliche Bekenntnis, dass Jesus für alle gestorben ist, darf nicht die Folgerung haben, Jüdinnen und Juden fehle etwas zum Heil.“ Schließlich seien Konversionen von jüdischen Gläubigen zum Christentum kein Beweis für eine Unvollkommenheit der Religion. Zudem sieht sich der Kirchentag in der Pflicht, den „christlichen ‚Vormundschaftsanspruch‘ gegenüber Jüdinnen und Juden“ durch den jüdisch-christlichen Dialog zu überwinden. Dieser „Vormundschaftsanspruch“ habe sich „in einer langen und unseligen Geschichte des christlichen Antijudaismus ausgeprägt“ und „sich insbesondere in christlich-judenmissionarischen Aktivitäten manifestiert“. Zu der Debatte um die „Judenmission“ ist anzumerken, dass es in erster Linie nicht nur darum geht, missionarische Tätigkeiten bezüglich einer bestimmten Menschengruppe einzuschränken. Vielmehr stellt sie die Existenz einer Glaubensgemeinschaft in Frage – die messianischen Juden. Mit Betonung ihrer jüdischen Wurzeln leben sie den Glauben an Jesus als den Messias Israels.

Von Juden und Christen nicht anerkannt

Um den Konfliktpunkt der christlichen Mission an Juden zu verstehen, ist es zunächst nötig, sich der Stellung der messianischen Juden im Allgemeinen bewusst zu sein. Platziert zwischen den Weltreligionen Christentum und Judentum kämpft die messianisch-jüdische Glaubensgemeinschaft um eine eigene Identität. Die Anfänge des heutigen messianischen Judentums liegen im 19. und 20. Jahrhundert, als jesusgläubige Juden begannen, ihre jüdischen Wurzeln zunehmend zu betonen. Die Rückbesinnung auf die jüdische Herkunft ging einher mit der Abspaltung von den institutionellen Kirchen. Durch die Betonung der eigenen jüdischen Identität entwickelte sich eine neue Art, den Glauben an Jesus als den jüdischen Messias zu leben. Eine Bezeichnung als Christen lehnen messianische Juden generell ab, denn sie vertreten die Meinung, wer an den Juden Jesus glauben wolle, müsse nicht Christ werden. Die Zugehörigkeit zu Gottes erwähltem Volk Israel ist für messianische Juden besonders wichtig. Im Zentrum ihres Lebens steht der Glaube an den Gott Israels, den Schöpfer und Erhalter der Welt. In Jesus sehen die Gläubigen die Erfüllung der messianischen Prophezeiungen des Alten Testaments. Er sei der Sohn Gottes, der mit seinem Tod die Erlösung für alle Menschen vollbracht hat. Allein durch den Glauben an ihn geschehe Errettung und nicht mehr durch das Halten der mosaischen Gebote, wie es im traditionellen Judentum üblich ist. Ihre Lebenspraxis richten messianische Juden an der Bibel aus, wobei sie Neues und Altes Testament als Gottes Wort anerkennen. Das Feiern jüdischer Feste und des Schabbats spielt eine bezeichnende Rolle. Das begründet sich in der biblischen Herkunft der Feste und nicht in deren rabbinischen Traditionen. Das Bezeugen des Glaubens an Jesus ist essenziell im Leben messianischer Juden. Dazu gehört die Taufe, die als zutiefst jüdische Tradition verstanden wird. Genauso betrachten sie es als notwendig, gegenüber jüdischen Mitmenschen ihren Glauben in Wort und Tat zu bezeugen. Das rabbinische Judentum lehnt den messianischen Glauben entschieden ab. Kritisiert wird vor allem die Überzeugung, dass Jesus Gottes Sohn und der verheißene Messias sei. Die Lehre der Trinität Gottes gilt unter traditionell-gläubigen Juden als christlich, weshalb sie die messianischen Juden dem Christentum zuordnen. Jude zu sein und an Jesus zu glauben, ist aus Sicht des rabbinischen Judentums provokant, ja unmöglich, was sich in unterschiedlichen Definitionen des Judeseins begründet. Deshalb wird in der Regel die Meinung vertreten, messianisch Gläubige seien „gefährlich“ und wollten unter jüdischem Deckmantel Juden zur Konversion überreden. Es ist auch in Israel eine verbreitete Angst, dass durch christliche Mission „jüdische Seelen gestohlen“ werden. Unter Christen ist die Position der messianischen Juden umstritten und unklar. Grundsätzlich werden sie als „Glaubensgeschwister“ anerkannt, doch innerhalb der christlichen Gemeinschaft unterscheidet sich der Umgang erheblich. Manche wissen nicht, dass es messianische Juden gibt, oder sie ignorieren sie. Manche schieben sie wegen theologischer Unstimmigkeiten als religiöse Randgruppe beiseite. Andere wiederum sehen im messianischen Judentum den „heiligen Überrest Israels“, der in der Heilsgeschichte des jüdischen Volkes und der weltweiten Gemeinde Jesu einen bedeutenden Platz einnimmt. Genauso gibt es Befürworter und Gegner der Mission unter Juden.

Das Problem der Mission

Aus Sicht des Kirchentages wird die „Judenmission“ da problematisch, wo sie der kirchlichen Vorstellung des jüdisch-christlichen Dialogs widerspricht. Der Kirchentag möchte den Vertretern des Judentums auf Augenhöhe begegnen und sieht hinter missionarischen Tätigkeiten eine überhebliche Haltung. In der Stellungnahme heißt es daher, nur „unter Respektierung der anderen Überzeugungen ist ein neues Miteinander von Juden und Christen möglich“. Dann folgt die Erklärung, dass dies bei „christlich-judenmissionarische Aktivitäten“ nicht der Fall sei. Diese Aussage lässt sich als Vorwurf verstehen, der gewiss für einige geschichtliche Ereignisse zutreffend ist, aber nicht pauschalisiert auf heute übertragen werden sollte. Besondere Vorsicht gilt dabei gegenüber der messianisch-jüdischen Gemeinschaft, die aus Liebe zu ihrem eigenen Volk das Evangelium nicht verschweigt. Indem das Missionieren von Juden abgelehnt wird, werden auch die messianischen Juden selbst in Frage gestellt. Schließlich kamen sie durch das Zeugnis anderer zum Glauben. Ein weiterer Konfliktpunkt entsteht aufgrund des Dialogpartners der Kirche, der Vertreter des rabbinischen Judentums. Diese lehnen die messianischen Juden ab, betrachten sie als „unlauter“ und schließen sie theologisch begründet aus der jüdischen Gemeinschaft aus. Zudem bezeichnen traditionell-gläubige Juden christliche Missionsaktivitäten unter Juden als antisemitisch. Das lässt die Kirche zurückschrecken, ist doch die Erwähnung von Antisemitismus besonders im deutschen Sprachraum äußerst bedenklich. Um möglichen Vorwürfen zu entgehen und den Dialog nicht zu gefährden, nimmt das Präsidium des Kirchentages Abstand von der „Judenmission“ und damit auch von messianisch-jüdischen Gemeinschaften. Der innerjüdische Konflikt solle sich schließlich nicht auf die Beziehung zwischen Kirche und Judentum auswirken. Ihr Dilemma versucht die Kirche dadurch zu lösen, dass sie einen Gesprächspartner dem anderen vorzieht. Doch diese Entscheidung stellt keine Lösung dar. Ferner wird auch nicht die Überzeugung unterstützt, der Glaube an denselben Gott verbinde, wenn jemand aus einer Gemeinschaft ausgeschlossen wird. Hier scheint die Kirche eine Toleranzgrenze gefunden haben. Doch sollte sie an dieser Stelle nicht eher ein Beispiel sein? Gerade für das Judentum, das zwar Juden mit buddhistischem Glauben oder gar keinem Glauben an Gott als Juden akzeptiert, aber auf der anderen Seite Juden, die ihr Leben an der Heiligen Schrift ausrichten und an den jüdischen Messias Jesus glauben, hart bekämpft. (pro)
https://www.pro-medienmagazin.de/gesellschaft/detailansicht/aktuell/antisemitismus-ist-gotteslaesterung-89410/
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