Kommerziell gehandelte Handy-Standortdaten ermöglichen Rückschlüsse auf die religiöse Zugehörigkeit und das Privatleben von Menschen. Das zeigt eine Recherche von netzpolitik.org. In kostenlosen Datensätzen fanden die Journalisten mehr als eine Million Standortdaten von christlichen, jüdischen und muslimischen Glaubensorten.
Betroffen sind dem Bericht zufolge Besucher von Kirchen, Synagogen, jüdischen Schulen und Moscheen. Auch Bewegungen rund um die Sitze der Evangelischen Kirche in Deutschland (EKD), der Deutschen Bischofskonferenz und des Zentralrats der Juden ließen sich anhand der Datensätze nachvollziehen.
Datenspur bis zur Privatadresse
Die Daten stammen dem Bericht zufolge aus der Werbeindustrie. Werbefinanzierte Smartphone-Apps sammeln unter anderem Standortinformationen. Diese können anschließend durch ein Netzwerk verschiedener Unternehmen fließen und von Datenhändlern weiterverkauft werden.
Brisant ist die Genauigkeit der Informationen. Mit Zeitstempeln versehene Standortdaten können zeigen, wo Menschen wohnen und arbeiten, welche Einrichtungen sie besuchen oder wann sie unterwegs sind. Damit lässt sich unter Umständen nachvollziehen, dass jemand regelmäßig eine bestimmte Kirche, Synagoge oder Moschee besucht.
Die Recherche nennt etwa den Fall einer Person, die mehrfach in der Göttinger Universitätskirche St. Nikolai geortet wurde. Die Datenspur führte auch zu weiteren kirchlichen Einrichtungen und zu einem Wohnhaus. Ähnliche Bewegungsprofile fanden die Journalisten bei Besuchern jüdischer und muslimischer Einrichtungen.
Verfassungsschutz warnt
Das Bundesamt für Verfassungsschutz sieht in öffentlich angebotenen Standortdaten eine mögliche Gefahr für die Sicherheit. Bei Menschen, die bereits gefährdet seien, steige das Risiko, Opfer von Spionage, Bedrohungen oder körperlichen Angriffen zu werden. Eine systematische Nutzung solcher Daten gegen Christen, Juden oder Muslime hat die Behörde nach eigenen Angaben bislang allerdings nicht festgestellt.
Besonders sensibel ist die Situation bei jüdischen Einrichtungen. Die Recherche fand Standortdaten unter anderem von Menschen, die Synagogen und jüdische Schulen besucht hatten. Auch bei Moscheen, die bereits Ziel von Anschlägen waren, ließen sich Bewegungsprofile nachvollziehen.
EKD und Bischofskonferenz betroffen
Standortdaten fanden sich zudem am Kirchenamt der EKD in Hannover. Laut Recherche ließ sich bei einer Person nachvollziehen, dass sie sich 2023 während üblicher Bürozeiten dort aufhielt. Weitere Datenpunkte gaben Hinweise auf Freizeitaktivitäten und eine mögliche Privatadresse.
Der evangelische Theologe und frühere Vorsitzende des Deutschen Ethikrats, Peter Dabrock, zeigte sich gegenüber „netzpolitik.org“ über das Ausmaß der Überwachung „wirklich schockiert“. Informationen über religiöse Überzeugungen gehörten zu den besonders schützenswerten personenbezogenen Daten. Sie könnten zur Grundlage für Diskriminierung werden.
Kirchen fordern strengere Regeln
Auch die Deutsche Bischofskonferenz warnt vor den Folgen. Sprecher Matthias Kopp bezeichnete den Handel und die unrechtmäßige Nutzung von Standortdaten und Bewegungsprofilen von Gläubigen als „erhebliche Gefahr“. In Verbindung mit anderen Informationen könnten Personen identifiziert und tiefgehende Einblicke in deren Privatsphäre gewonnen werden. Dadurch könne auch die Religionsfreiheit berührt sein.
Ein Sprecher der EKD bezeichnete den Schutz von Standortdaten als „gesamtgesellschaftliches Anliegen“. Neben mehr Medienkompetenz brauche es gesetzliche Regeln, die eine sparsame Erhebung und Verarbeitung von Daten durchsetzen.
Religiöse Überzeugungen zählen nach der Datenschutz-Grundverordnung zu den besonders geschützten personenbezogenen Daten. Datenschützer halten den Handel mit den untersuchten Standortinformationen laut netzpolitik.org für rechtswidrig. Datenhändler und Tracking-Unternehmen berufen sich dagegen in der Regel auf Einwilligungen der Nutzer.