Filmkritik

Spielfilm über jüngsten Widerstandskämpfer in Nazi-Deutschland

Er legte sich mit 16 Jahren schon mit dem Nazi-Regime an: Der Hamburger Helmuth Hübener warnte mit Flugblättern vor Hitler, dafür bezahlte er mit seinem Leben. Ein Spielfilm könnte den eher unbekannten Helden bekannter machen, überzeugt aber kaum.
Von Jörn Schumacher
"Wahrheit und Verrat"

Neben den bekannteren Widerstandskämpfern gab es auch einige jugendliche Helden in Deutschland, die – wenn auch in kleinem Maßstab – gegen das Nazi-Regime aufbegehrten und eher unbekannt blieben. Einer davon ist Helmuth Hübener, der am 8. Januar 1925 in Hamburg in eine Arbeiterfamilie geboren wurde. Wie seine Mutter war er Mitglied der „Kirche Jesu Christi der Heiligen der Letzten Tage“ (Mormonen). Als seine Gemeinde in Hamburg alle jüdischen Mitbürger vom Gottesdienstbesuch ausschloss, reagierte er darauf mit Protest.

Hübener gehörte der Hitlerjugend an. Doch früh missfielen ihm viele Aspekte daran, etwa der Drill und die Mitwirkung während der Reichspogromnacht. Im Alter von 16 Jahren machte Hübener eine Ausbildung als Verwaltungslehrling in der Hamburger Sozialbehörde. Er lernte andere Lehrlinge kennen, deren Eltern einen kommunistischen Hintergrund hatten. Über einen Volksempfänger hörte er „Feindsender“ wie etwa die BBC. Diese Nachrichten vermittelten ihm ein ganz anderes Bild vom Krieg und den Zielen Hitlers als die deutsche Propaganda.

Der jugendliche Hübener verfasste Flugblätter gegen Hitler und den Krieg und vervielfältigte sie mittels Schreibmaschinen-Durchschläge. Auf den ersten Flugzetteln stand: „Hitler trägt die alleinige Schuld“. Sie klagten den Luftkrieg gegen Warschau und Rotterdam an. Verteilt hat Hübener sie vor allem in den Arbeitervierteln Hamburgs.

Zwei befreundete Gemeindemitglieder halfen Hübener. Insgesamt verbreitete das Team rund 60 verschiedene Flugschriften, deren Auflagen zwischen drei und fünf Stück lagen. Die Jugendlichen hefteten die handgroßen Zettel an die Anschlagstafeln der NSDAP, warfen sie in Briefkästen oder steckten sie den Gästen auf Veranstaltungen in die Manteltaschen. Hübener wollte den Kreis der Helfer vergrößern und einige Flugblätter sogar ins Französische übersetzen lassen, um sie den Kriegsgefangenen zustecken zu können. Sein Vorgesetzter bei der Sozialbehörde, ein NSDAP-Mitglied, bekam das mit und verriet Hübener bei der Gestapo. Anfang Februar 1942 wurde der 16-Jährige am Arbeitsplatz verhaftet.

Hübener wurde zum Tode verurteilt und am 27. Oktober 1942 im Alter von 17 Jahren hingerichtet. Er war der jüngste vom Volksgerichtshof zum Tode verurteilte und hingerichtete Widerstandskämpfer gegen den Nationalsozialismus. Die drei Mitangeklagten – Karl-Heinz Schnibbe, Rudolf Wobbe und Gerhard Düwer – erhielten lange Freiheitsstrafen. Der Vorsteher der mormonischen Gemeinde Hamburgs, Arthur Zander, exkommunizierte Hübener, weil er gegen den 12. Glaubensartikel der Kirche verstoßen habe, nachdem Mormonen den Regierungen eines Staates „untertan zu sein und dem Gesetz zu gehorchen“ haben.

Wenig Gespür für historischen Kontext

Die amerikanische Vertriebsgesellschaft „Angel Studio“ hat den amerikanischen Spielfilm „Truth & Treason“ auf Deutsch übersetzen lassen und im Februar 2026 in deutsche Kinos gebracht. Nun ist der Film auch im Home Entertainment erschienen. Die Gründer von „Angel Studio“ sind selbst Mormonen. Leider ertränkt der amerikanische Regisseur Matt Whitaker die anrührende wahre Geschichte in Kitsch.

Der Film, der im Jahr 1941 beginnt und uns zunächst Hübener und seine Freunde als ganz normale Teenager zeigt, die im Fluss schwimmen gehen, wurde ganz offensichtlich nicht in Deutschland gedreht. „Hamburg, 1941“ soll der Zuschauer gleich zu Beginn sehen, aber schon die Umgebung sieht dann doch sehr amerikanisch aus. Man scheint sich auch sonst in diesem Film wenig Mühe gemacht zu haben, das Geschehen in einen geschichtlich korrekten Kontext zu stellen.

Hamburg ist als Stadt quasi nie zu erkennen. Man hätte vielleicht wenigstens einmal eine Luftansicht, den bekannten Hafen oder wenigstens ein Schiff auf der Elbe zeigen können. Wenn es einmal mehr zu sehen gibt als eine Straße, die in einem Studio zu stehen scheint, sehen die Häuser eher nach Frankreich oder England aus, ebenso die Requisite und die Inneneinrichtungen der Wohnungen.

Alle Schilder sind in englischer Sprache, der Stiefvater, ein Nazi-Mitläufer, liest am Frühstückstisch eine englischsprachige – offenbar fiktive – Zeitung mit dem Titel „Royal Observer“. Ein alter Volksempfänger funktioniert hier ganz offensichtlich ohne Stromkabel oder Antenne. Das alles sind zwar nur Details, aber in der Masse tut es geradezu weh.

Erwartbar, klischeehaft, zu lang

Gemeindevorsteher Arthur Zander ist überzeugter Nazi, auch auf der Kanzel hält er mit seinem Führerkult nicht hinterm Berg. Er verbietet den Zutritt für alle Juden in seine Gemeinde (als gäbe es davon viele). Er weist die Gemeinde in einer Predigt auf den 12. Glaubensartikel der Kirche hin, wonach Mormonen den Regierungen eines Staates untertan sein müssen. Aber warum muss er die Judenverfolgung dann sogar aktiv antreiben? Dass es sich hier um Mormonen handelt, wird im Film übrigens so gut wie nicht erwähnt – nur von der „Kirche“ ist die Rede.

Hübener ist entsetzt und fragt einen Glaubensbruder: „Heißt es nicht: Du sollst deinen Nächsten lieben wie dich selbst?“ Der stimmt zu: „Unser Leben lang kommen wir in diese Kirche und hören von den friedlichen Dingen in Gottes Reich. Von Brüderlichkeit, von Güte und Liebe. Wir dürfen nicht zulassen, dass all das, was wir in diesem Haus gelernt haben, verloren geht.“

Leider wird aber in keiner Weise glaubhaft vermittelt, warum Hübener von jetzt auf gleich so viel riskiert, um gegen das Hitler-Regime zu agieren. Dialoge wie dieser machen es nicht besser: Hübener: „Wusstet ihr, dass Mendelssohn seine erste Sinfonie mit 15 geschrieben hat?“ Ein Freund: „Was machst Du mit diesen Flugblättern?“ Hübener: „Ich verteile sie.“ Freund: „Warum?“ Hübener: „Weil ich keine Musik schreiben kann.“ Geht es Helmuth Hübener in diesem Film nur um ein wenig Ruhm?

Sogar in den historischen Akten der Nationalsozialisten ist zu lesen, dass sie Hübener für außergewöhnlich intelligent hielten. Hier aber ist die Naivität des Jungen geradezu schmerzhaft. Warum sollte er die brisanten Flugblätter mit zu seiner Arbeitsstelle nehmen? Warum sollte er dann auch noch den Stempel der Hamburger Sozialbehörde auf seine Flugblätter setzen, wo er arbeitet? Warum sollte er ausgerechnet jene auffällig roten Papierbögen als Flugzettel benutzen, die er an seiner Arbeitsstelle im Keller findet, und die man einfach zurückverfolgen kann?

Zwar hat der Film seine Stärken, etwa als Hübener in einer Predigt in seiner „Kirche“ sagt, Jesus sei ein „Revolutionär“ und gar nicht immer gütig und liebevoll gewesen. „Jesus sagte, was nötig war zu sagen“, so Hübener. „Er erhob sich. Er kämpfte mit Worten. Er wurde von allen abgelehnt. Aber er tat, was richtig war. Und die Konsequenzen nahm er in Kauf.“

Dennoch strotzt der Film von Klischees, die bestätigen, wie sich ein moderner amerikanischer Zuschauer wahrscheinlich das Nazi-Deutschland vorstellt. Nazis sehen wie psychisch Gestörte aus, Hübener hingegen bekommt auf platte filmtechnische Art bei seinem Verhör mittels einer hinter ihm stehenden Tischlampe einen auffälligen Heiligenschein. Dieser Film ist erwartbar, im Kern jedoch stellt er – trotz einer Gesamtlänge von zwei Stunden – den jugendlichen Widerstandskämpfer leider nicht glaubhaft dar.

„Wahrheit und Verrat“, 121 Minuten, Regie: Matt Whitaker, FSK: ab 12 Jahre, Home-Entertainment-Start am 22. Mai 2026

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