Spaltung der Gesellschaft: Vier Grundhaltungen erkennbar

Eine neue midi-Untersuchung widerspricht dem Bild einer schlicht in zwei Lager gespaltenen Gesellschaft. Die Forscher unterscheiden vier annähernd gleich große Gruppen. Besonders weit gehen die Einschätzungen bei der Meinungsfreiheit auseinander.
Von Norbert Schäfer
Menschen, psychisch krank, Gewalt, Bewegung, zufällig

Die gesellschaftlichen Konfliktlinien in Deutschland verlaufen offenbar komplizierter als zwischen „links“ und „rechts“ oder Befürwortern und Gegnern der Demokratie. Zu diesem Ergebnis kommt eine neue Analyse der Evangelischen Arbeitsstelle für missionarische Kirchenentwicklung und diakonische Profilbildung (midi). Sie unterscheidet vier annähernd gleich große Grundhaltungen in der Bevölkerung.

Grundlage der Untersuchung „Was uns trennt. Was uns ins Gespräch bringt.“ ist eine repräsentative Forsa-Befragung von 2.014 Menschen ab 18 Jahren aus dem Dezember 2024. Aus 29 abgefragten Einstellungen leiteten die Forscher letztlich vier Gruppen von Grundhaltungen ab. Diese beschrieben „Werthaltungen und Dynamiken“, jedoch „keine starren Milieugrenzen“.

Von „vertrauensvoll“ bis „ungehört“

Die größte Gruppe bilden laut einer Pressemitteilung vom Freitag mit 27,9 Prozent die sogenannten „Vertrauensvoll Wachsamen“. Sie zeigen laut Studie eine hohe Zufriedenheit mit der Demokratie und dem eigenen Leben. Soziale Ungleichheiten betrachten sie häufiger als leistungsgerecht, staatlicher Umverteilung stehen sie mehrheitlich ablehnend gegenüber. Parteipolitisch tendiert diese Gruppe eher zu CDU und CSU.

24,2 Prozent ordnet midi den „Progressiven Gerechtigkeitskritikern“ zu. Sie vertrauen demokratischen Institutionen, kritisieren aber soziale Ungleichheit. Zu ihren größten Sorgen gehören Rechtsextremismus und Klimakrise. Politisch stehen sie häufiger den Grünen und der SPD nahe.

Die „Enttäuschten Ungehörten“ machen laut Studie 24,1 Prozent aus. Sie äußern sich kritisch zu Demokratie, Migration und Islamismus und betrachten die Folgen des Klimawandels als weniger bedrohlich. Männer und Menschen aus Ostdeutschland sind in dieser Gruppe überrepräsentiert. Zudem zeigt sich eine starke Nähe zur AfD.

Weitere 23,9 Prozent bezeichnet die Studie als „Rundum Verunsicherte“. Auch sie stehen der Demokratie skeptischer gegenüber, unterscheiden sich aber politisch deutlich von den „Enttäuschten Ungehörten“: Sie verorten sich eher in der Mitte und sind parteipolitisch weniger gebunden. Nur elf Prozent sympathisieren laut Studie mit der AfD.

Knackpunkt: Meinungsfreiheit

Besonders stark unterscheiden sich die Gruppen bei der Wahrnehmung der Meinungsfreiheit. 79,5 Prozent der „Enttäuschten Ungehörten“ sind überzeugt, man könne seine Meinung in Deutschland nicht mehr ohne Sanktionen oder sozialen Druck äußern. Unter den „Progressiven Gerechtigkeitskritikern“ teilen lediglich 15,1 Prozent diese Einschätzung.

Gleichzeitig identifiziert die Studie auch Gemeinsamkeiten über die verschiedenen Gruppen hinweg. Etwa eine verbreitete Distanz zur Politik. In den demokratieskeptischen Gruppen glauben weniger als vier Prozent, dass Politiker sich um die Sorgen einfacher Bürger kümmern. Doch auch unter den demokratiebejahenden Gruppen teilt höchstens knapp ein Fünftel diese Einschätzung.

Studienleiter Daniel Hörsch sieht in fairen Gesprächsbedingungen einen wichtigen Ansatz gegen die zunehmende Sprachlosigkeit. Eine breite Mehrheit knüpfe gelingende Gespräche an Vertrauen, klare Regeln und neutrale Moderation. „Ein konstruktives Gespräch beginnt nicht mit einem Konsens, sondern mit dem Vertrauen darauf, dass man ausreden darf und ernst genommen wird“, erklärte Hörsch.

Diakonie-Präsident Rüdiger Schuch fordert politische Konsequenzen aus dem verbreiteten Gefühl, nicht gehört zu werden. Probleme wie lange Wartezeiten auf Arzttermine, unzuverlässige Züge sowie hohe Miet- und Energiekosten müssten ernst genommen werden. Sozialpolitik müsse für die Menschen im Alltag konkrete Lösungen bringen.

Die Untersuchung ist eine Nachfolgestudie der 2025 veröffentlichten Analyse „Verständigungsorte in polarisierenden Zeiten“. Die evangelische Arbeitsstelle midi wird von der Evangelischen Kirche in Deutschland, der Diakonie Deutschland und der Arbeitsgemeinschaft Missionarische Dienste getragen.

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