Die Hilfsorganisation „Solwodi“ hat im Jahr 2025 bundesweit 261 Fälle von Zwangsheirat in Deutschland registriert und mahnt zu erhöhter Wachsamkeit. Denn mit den Sommerferien beginnt nach Einschätzung der Hilfsorganisation für junge Frauen und Mädchen aus patriarchal geprägten Milieus auch eine kritische Zeit: Unter dem Vorwand eines Familienbesuchs würden Mädchen und junge Frauen außer Landes gebracht und dort zwangsverheiratet.
„Solwodi“ (Solidarity with Women in Distress) ist eine bundesweit tätige Fachorganisation, die sich eigenen Angaben zufolge seit 1987 für Frauen einsetzt, die von Menschenhandel, Zwangsprostitution, häuslicher Gewalt oder Zwangsverheiratung betroffen sind. Über ein Netz von Fachberatungsstellen und Schutzwohnungen bietet der Verein Betroffenen anonyme Beratung, rechtliche Unterstützung und langfristige Begleitung – unabhängig von Herkunft, Religion oder Aufenthaltsstatus.
Hohe Dunkelziffer
Auf Anfrage von PRO teilte die Hilfsorganisation mit, dass sich im zurückliegenden Jahr 261 Frauen und Mädchen wegen drohender oder vollzogener Zwangsverheiratung an „Solwodi“ gewandt hätten – eine ähnlich hohe Zahl wie in den Vorjahren. Über einen Zeitraum von zehn Jahren sei zwar ein Anstieg der Fallzahlen zu verzeichnen. Diesen führt die Organisation jedoch vor allem auf den Ausbau eigener Beratungsangebote und eine gewachsene öffentliche Sensibilisierung zurück, nicht zwingend auf eine steigende Zahl tatsächlicher Fälle.
Wie groß die Lücke zwischen Beratungszahlen und amtlicher Statistik ausfällt, zeigt ein Blick in die Polizeiliche Kriminalstatistik: 2024 erfasste die Polizei bundesweit 69 Zwangsheiraten. Der Zahl der Solwodi-Erstkontakte stehen damit deutlich weniger angezeigte und polizeilich registrierte Fälle gegenüber. Das deutet darauf hin, dass der überwiegende Teil der Fälle nie zur Anzeige kommt – ein Befund, der die Einschätzung von „Solwodi“ zur hohen Dunkelziffer stützt.
Betroffene zwischen familiärem Druck und Angst vor Ausgrenzung
Die meisten Betroffenen, die sich an „Solwodi“ wenden, sind zwischen 18 und 35 Jahre alt. Die Organisation berät jedoch auch Minderjährige sowie ältere Frauen. Zwangsverheiratungen fänden häufig rund um den Übergang ins Erwachsenenalter statt, erklärt Pressereferentin Silke Radmacher-Heer. Betroffene stammen demnach unter anderem aus Familien mit Bezügen zu Afghanistan, der Türkei, Syrien und dem Irak, aber auch aus Guinea, Ghana oder der Elfenbeinküste. Entscheidend seien dabei nicht Staatsangehörigkeit oder Religion, sondern patriarchale Familien- und Ehrvorstellungen – diese kämen auch bei christlichen oder jesidischen Familien aus dem Irak vor.
Die größte Hürde für Betroffene, sich zu wehren, sei die Angst, sich gegen die eigene Familie zu stellen und dabei das gesamte soziale Umfeld zu verlieren – hinzu kämen Furcht vor Gewalt, wirtschaftlicher Abhängigkeit und aufenthaltsrechtlichen Folgen.
Prävention und Früherkennung als zentrale Aufgaben
Zwangsverheiratung ist in Deutschland strafbar, auch wenn die Tat im Ausland vorbereitet oder begangen wird. Aus Sicht von „Solwodi“ reicht die Gesetzeslage allein aber nicht aus. Die Organisation sieht vor allem Lücken bei Prävention und früher Erkennung: Lehrkräfte, Jugendämter und das Gesundheitswesen bräuchten mehr Schulung, spezialisierte Beratungsstellen und mehr verlässliche Finanzierung.
„Solwodi“ beruft sich zudem auf eine ältere Studie, die jährlich rund 3.500 von Zwangsverheiratung betroffene oder bedrohte Frauen und Mädchen in Deutschland ausweist. Gemeint ist damit die 2011 im Auftrag des Bundesfamilienministeriums erstellte Untersuchung „Zwangsverheiratung in Deutschland – Anzahl und Analyse von Beratungsfällen“, für die bundesweit 830 Beratungsstellen befragt wurden. Sie zählte für das Jahr 2008 rund 3.443 erfasste Personen, davon rund 60 Prozent mit angedrohter und 40 Prozent mit bereits vollzogener Zwangsverheiratung. Eine neuere, ebenso breit angelegte bundesweite Studie liegt bislang nicht vor.
Der Politik empfiehlt „Solwodi“ drei Maßnahmen: den Ausbau mehrsprachiger Aufklärungskampagnen und Schulworkshops, eine langfristig gesicherte Finanzierung von Fachberatungsstellen und Schutzunterkünften sowie eine bessere Qualifizierung von Lehrkräften, Jugendämtern, Polizei und Justiz im Erkennen von Warnsignalen.
Integrationsbeauftragte warnt
Auch die Neuköllner Integrationsbeauftragte Güner Balci hat unlängst im Podcast „Ronzheimer“ zum Thema Islamismus vor dem Fortbestehen von Zwangs- und Kinderehen in bestimmten migrantisch-patriarchal geprägten Milieus gewarnt. Nach ihren Angaben sei die freie Partnerwahl für viele junge Frauen weiterhin eingeschränkt. In einer von ihr nicht näher benannten Jugendeinrichtung hätten Mitarbeiter berichtet, dass rund 90 Prozent der Besucherinnen ihren Partner nicht selbst wählen dürften.
Im Podcast berichtete die Integrationsbeauftragte von Fällen minderjähriger Ehen in Berlin-Neukölln. Nach ihren Angaben gibt es Berichte über Eheschließungen von Mädchen im Alter von zwölf bis fünfzehn Jahren. Das Phänomen betrifft nach ihrer Darstellung nicht nur Menschen mit Herkunft aus dem Nahen Osten, sondern komme auch in Teilen Südosteuropas vor. Systematische Erhebungen oder belastbare Statistiken zu Umfang und Verbreitung dieser Fälle existierten jedoch bislang nicht. Dass junge Menschen nicht frei ihren Partner wählen könnten, sei „ziemlich weit verbreitet“ in migrantisch-patriarchalen Milieus.
Auch Balci sieht erheblichen Handlungsbedarf bei Prävention, Aufklärung und dem Schutz betroffener Minderjähriger. Die Probleme von Zwangs- und Kinderehen würden ihrer Einschätzung nach in der öffentlichen Debatte bislang unterschätzt.