Das christliche Medienmagazin

Smartphone und Fernbedienung

Das Fernsehen ist alt. Das Internet ist neu. Kommen sich beide Techniken in die Quere? Längst stiehlt das Netz dem Fernseher die Aufmerksamkeit, und das Smartphone liegt öfter in der Hand des Zuschauers als die Fernbedienung. Doch was, wenn sich beide Techniken miteinander vereinen lassen?
Von PRO
Die ARD-Show „Quiz-Duell“ mit Jörg Pilawa lief nur kurz. Doch Smartphones und Tablets wollen die Fernsehsender mehr ins Programm einbinden

Foto: ARD / Uwe Erns / thinkstock / jamesbin

Die ARD-Show „Quiz-Duell“ mit Jörg Pilawa lief nur kurz. Doch Smartphones und Tablets wollen die Fernsehsender mehr ins Programm einbinden
Wenn sonntagabends der Tatort in der ARD läuft, findet parallel im Internet etwas statt, was beispielhaft ist für einen deutlichen Wandel in der Mediennutzung: Bei Twitter rauscht es, und die 44 Jahre alte Kultsendung wird so fleißig kommentiert wie kaum eine andere. Unter dem Hashtag #tatort findet sich die Netzgemeinde zusammen, um die Krimiserie, die viele noch aus ihren Kindheitstagen kennen, zu kommentieren. Der Fernseher ist längst um eine virtuelle Dimension reicher geworden. Die Süddeutsche Zeitung nannte dieses virtuelle Brummen der „Twitter-Spießer“ jüngst ein „allsonntägliches Fest der hämisch schlechten Laune und einen Überbietungswettbewerb in teutonischer Witzischkeit“. Das Smartphone und der Tablet-Computer liegen mittlerweile ebenso selbstverständlich beim Fernsehgucken auf dem Sofa wie die Fernbedienung. Jeder zweite Deutsche beschäftigt sich häufig parallel zum Fernsehen mit seinem Handy, ergaben Umfragen. In Amerika sollen sogar 83 Prozent parallel im Netz surfen, während sie fernsehen, sagen die Meinungsforscher vom amerikanischen Institut Penn Schoen Berland. Das Fernsehprogramm wird kommentiert und „getagt“, „geliket“ und „gesharet“, hauptsächlich über Twitter und Facebook. Die Fachwelt hat für das Phänomen den Namen „Social TV“ erfunden. Freunde und Familienmitglieder schauen wie früher miteinander dasselbe Fernsehprogramm, obwohl sie nicht auf demselben Sofa sitzen. Und mit wildfremden Menschen kann der Zuschauer über das Programm quatschen wie sonst nur mit Freunden.

Das Rundshow-Experiment

Der Journalist Richard Gutjahr, der mit der „Rundshow“ vor zwei Jahren im Bayerischen Rundfunk selbst ein Experiment in Sachen Fernsehen und Internet durchführen durfte, gilt als Experte für den Medienwandel, der sich gerade vollzieht. Das Internet in der Hosentasche ist aus dem alltäglichen Leben eben nicht mehr wegzudenken. Da ist es kein Wunder, dass sich das Fernsehen deswegen langsam neu orientieren muss. Virtuell mit Millionen anderen über das Fernsehprogramm ablästern, obwohl die anderen weit weg sind, sorge wieder für ein Gemeinschaftsgefühl, sagt Gutjahr. In der „Rundshow“, die im Mai 2012 mit 16 Ausgaben lief, wurde besonders auf die Anbindung ans Netz und seine „Bewohner“ geachtet. Gutjahr dachte sich ein Konzept aus, bei dem der Zuschauer über eine App eigene Fotos und Videos beisteuern, aber auch seine persönliche Stimmung ins Studio einbringen konnte: Drückten zu viele Nutzer zu Hause auf dem Handy den Button für ein „Buh!“, hörten die Moderatoren im Studie ein Buh-Rufen vom Band, oder entsprechend einen Applaus, wenn viele Menschen auf „Applaus“ drückten. Sicher war die vierwöchige Reihe im BR nur ein Experiment, das auch schnell wieder vom Bildschirm verschwand. Zu klein war die Möglichkeit, tatsächlich Einfluss zu nehmen auf das Geschehen auf dem Bildschirm. Dennoch ist offensichtlich, dass die Fernsehmacher seither nach innovativen Wegen suchen, das Internet und das Fernsehen miteinander zu verbinden. Längst werben große Sender bewusst darum, das Smartphone beim Fernsehgucken zu nutzen. CNN blendet zu jedem Journalisten dessen Twitter-Namen ein. Über das Portal „iReport“ können CNN-Zuschauer eigene Handy-Videos von aktuellen Ereignissen posten, die der Sender gegebenenfalls ausstrahlt. Die Tatort-Redaktion der ARD hat ihrerseits im Mai 2012 ein Experiment unternommen, um die Internet-Nutzer mit an Bord zu holen. Der Hobby-Ermittler zu Hause konnte in einem Spiel selbst aktiv werden, Verdächtige befragen und Indizien zum ausgestrahlten Fall sammeln. Das Konzept mit dem Namen „Tatort+“ kam gut an. Mehr als 100.000 Menschen haben mitgemacht, teilte die ARD mit und brachte im Folgejahr mit „Spiel auf Zeit“ gleich eine zweite Ausgabe.

Mit dem Handy im Kino

Für Marketing-Strategen ist die Kombination aus Fernsehen und unmittelbarer Beteiligung des Zuschauers übers Netz ein Traum. Das größte Ziel gerade bei privaten, also auf Werbung angewiesenen Sendern ist es, ein möglichst großes Rauschen in den sozialen Netzwerken zu erzeugen, den „Buzz“. Umfragen, die sich allerdings auf amerikanische Nutzer beziehen, zeigen, dass drei von zehn Befragten sich deshalb schon mal eine Fernsehsendung oder einen Film angesehen haben, weil sie in den sozialen Netzwerken darüber gelesen haben. Auch im Kino selbst wird das Handy selten ausgestellt. Unter den von Penn Schoen Berland befragten Amerikanern zwischen 18 und 34 Jahren gaben mehr als die Hälfte an, bei Filmvorstellungen im Kino weiter fröhlich Textnachrichten zu verschicken. 27 Prozent sind im Kino bei Facebook aktiv, und knapp jeder Fünfte telefoniert sogar während der Vorstellung. Da ist es nur konsequent, für das Handy im Kino einen sinnvollen Einsatz zu finden: Seit Kurzem können sich die 1,4 Millionen Hörgeschädigten in Deutschland über die kostenlose Handy-App „Starks“ freuen. Sie blendet auf dem Display den Untertitel des aktuell laufenden Films ein. Außerdem hilft die ebenfalls kostenlose App „Greta“ Blinden beim Kinobesuch: Sie liefert über den Kopfhörer Filmbeschreibungen zum Film. Auch die Firma Sennheiser will im Herbst ein System namens „CinemaConnect“ präsentieren, das über ein eigenes WLAN-Netz im Kinosaal akustische Beschreibungen kostenlos auf das Handy des Besuchers streamt.

TV-Boom dank Facebook

Eine anfangs eigentlich sehr erfolglose Sendung auf RTL II erfuhr einen regelrechten Schub, nachdem die Macher Facebook mit einbanden und das soziale Netzwerk quasi als Brücke zwischen Fernsehwelt und realer Welt aufstellten. Bei „Berlin Tag & Nacht“ tun Laiendarsteller so, als würden sie ein normales WG-Leben führen. In Wirklich ist die scheinbare Live-Sendung „geskriptet“, folgt also einem Drehbuch. Ob die – hauptsächlich jugendlichen – Zuschauer dies so mitbekommen, sei dahingestellt. Bei Facebook jedenfalls posten die Darsteller so rege und authentisch Videos, Fotos und ganz persönliche Anliegen, als führten sie das Serienleben wirklich; und die Kommentare der anderen Facebook-Nutzer lassen nicht wirklich erkennen, ob den Zuschauern klar ist, dass es sich um ein fiktives Leben aus einem Drehbuch handelt. Im Jahr 2011 gestartet, erreichte „Berlin Tag & Nacht“ zunächst nicht die gewünschte Zuschauerzahl und sollte abgesetzt werden. Doch mit dem Einzug von Facebook und damit der Verbindung zum realen Leben der durchschnittlichen Teenager erreichte sie plötzlich traumhafte Quoten von über 10 Prozent. Besonders interessant wird das Fernsehen 2.0 immer dann, wenn der Zuschauer über eine eigene App an Bord geholt werden soll. Die ARD versuchte es in diesem Jahr mit der Übertragung des beliebten Handy-Spiels „Quizduell“ aufs Fernsehen. Die Idee war gut, und das Interesse groß. Leider entpuppte sich die Aufgabe als zu große technische Herausforderung. Moderator Jörg Pilawa verzweifelte anfangs fast wegen der vielen technischen Pannen, und die Kritiken waren voller Häme. Auch wenn es dann endlich klappte mit der Verbindung ins Netz da draußen, stellte die ARD das Format nach drei Wochen wieder ein. Dabei lag die Einschaltquote höher als bei der Soap „Verbotene Liebe“, die zuvor auf diesem Sendeplatz lief. Fazit: Das Interesse in der Bevölkerung ist groß, doch die Technik ist oft noch nicht reif. Auch das ZDF sucht fleißig weiter nach neuen Wegen im Internet-Zeitalter. Ebenfalls im Mai strahlte es den in den Niederlanden produzierten Film „App“ aus. Es ist der erste Kinofilm mit „Second Screen“-Technologie. Das bedeutet, dass der Zuschauer Inhalte parallel zum Fernsehbild auf seinem Smartphone präsentiert bekommt. Im 75-minütigen Thriller bekommt eine junge Studentin eine böse App auf ihr Handy gespielt, die Parallelen zu Apples Helferlein „Siri“ hat und auch so ähnlich heißt, nämlich „Iris“. Der Zuschauer, der eine ähnlich aussehende kostenlose App auf seinem Handy oder Tablet installiert hat, bekommt Mehrinformationen, andere Kameraeinstellungen oder SMS-Nachrichten, die sich die Protagonisten schicken. Die App des Zuschauers erkennt am Ton, welche Stelle des Films gerade läuft. Die Technik funktionierte, das Konzept beeindruckte, und es wäre erfreulich, derartige Sendungen in Zukunft häufiger zu sehen. Allerdings litt das Drehbuch unter der innovativen technischen Idee, sodass die Handlung von „App“ kaum zu ertragen war. Auch während der Fußball-Weltmeisterschaft in Brasilien bemühte sich das ZDF darum, die neue Technologie, die millionenfach auf den Wohnzimmertischen liegt, zu nutzen. In der Mediathek-App des Senders fand der Nutzer zusätzliche Kamera<discretionary-hyphen>einstellungen für die Fußballspiele und konnte sich spannende Szenen noch einmal ansehen. Wie selbstverständlich gehen die Moderatoren von Sportsendungen wie der WM-Show mittlerweile zudem auf Postings aus der Internet-Gemeinde ein, zeigen witzige Fotos oder Videos, die zum Thema passen. Der gemeinsame Weg von Fernsehen und Internet ist geebnet. Aber viel Betrieb ist auf diesem Weg noch nicht. (pro)
https://www.pro-medienmagazin.de/fernsehen/detailansicht/aktuell/der-fernseher-tritt-in-den-hintergrund-89207/
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