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Skandal um jeden Preis

Julia Klöckner hat ein Interview gegeben, in dem sie den Hitlergruß mit Lutz Bachmanns Hitlerbart verwechselte. Der Mob schreit Skandal, die Medien folgen – und machen sich damit unreflektiert zu Handlangern der Opposition. Eine Analyse von Anna Lutz
Von PRO
Julia Klöcker hat sich in einem Interview einen Versprecher geleistet. Das macht aber noch keinen Skandal

Foto: Stefan Thomas Kroeger

Julia Klöcker hat sich in einem Interview einen Versprecher geleistet. Das macht aber noch keinen Skandal
Berliner Journalisten sind gemeinhin dankbar dafür, wenn Politiker in Interviews frei sprechen. Zu selten verlässt gerade das Spitzenpersonal das sichere Terrain PR-tauglich vorgefertigter Reden. Deshalb ist das politische Interview eine derartige Herausforderung. Und deshalb ist es allzuoft auch eine echte Qual für den Interviewer. Julia Klöckner zählte bislang zu jenen Politikern, die gerne auch etwas freier sprachen. Künftig wird Julia Klöckner, auch zum Leid der Presse, wohl etwas vorsichtiger mit ihrer Wortwahl sein. Ein Interview mit der Deutschen Presse-Agentur, aufbereitet durch unter anderem Spiegel Online, hat ihr einen wahren Shitstorm beschert. Funktionieren konnte das nur, weil Medien, Mob und Opposition als Team agiert haben – eine Allianz, die vor allem für die Presse alles andere als rühmlich ist.

Eine Verwechslung und die Folgen

Wörtlich sagte Klöckner: „Ich mag natürlich auch keinen, der sich mit einem Hitlergruß ablichten lässt und Anführer einer Pegida-Demonstration ist. Dennoch ist das Recht auf freie Meinungsäußerung, auch wenn einem die Inhalte nicht gefallen, grundlegend für unsere freie Gesellschaft.“ Frau Klöckner sagte noch sehr viel mehr in diesem Interview. Nichts, aber auch gar nichts davon, erweckte den Anschein, sie wolle Hitlergrüße (die in Deutschland verboten sind) billigen. Auch ansonsten steht sie nicht im Verdacht, rechtem Gedankengut anzuhängen. Ganz offensichtlich hat Frau Klöckner erstens den Hitlerbart Lutz Bachmanns mit dem Hitlergruß verwechselt – ein Fehler, der ihr oder ihrem Team freilich hätte auffallen müssen. Und zweitens folgte das Interview auf das Verbot einer Pegida-Demo in Dresden, welches die CDU-Politikerin genau wie viele ihrer Kollegen offenbar zu kritisieren versuchte. Spiegel Online postete einen Artikel dazu am Dienstag auf Facebook und ließ sich dort zum begleitenden Kommentar hinreißen: „Burka tragen ist nicht in Ordnung, der Hitlergruß aber schon?“ Eine gewisse Flapsigkeit ist Programm, auch in den Social-Media-Redaktionen großer Häuser. Das ist im Normalfall auch kein Problem. Hier aber hat Spiegel Online nicht nur einen haltlosen Zusammenhang hergestellt, der den Kontext des Klöckner-Zitats völlig missachtet. Das Medium unterstellt Klöckner zudem, sie fände Hitlergrüße „in Ordnung“. Wer genau liest, erkennt, dass sie das persönlich ablehnt. Und die Redakteure greifen hier das Argument der rheinland-pfälzischen Opposition auf, die damit kurz zuvor an die Öffentlichkeit gegangen war und den Social-Media-Shitstorm erst auslöste, auf den der Post von Spiegel Online folgte. Es steht der Presse nicht gut an, ihre Metaebene zu verlassen und sich vom Argument einer Seite vereinnahmen zu lassen. Auch in den Sozialen Medien nicht.

Was sich hinter Interviews verbirgt

Wer nun immer noch der Meinung ist, Spiegel Online habe hier schlicht auf einen Skandal aufmerksam gemacht, der mag sich vor Augen führen, wie Interviews mit Spitzenpolitikern wie Klöckner entstehen. Nach der Interviewsituation schreibt der Journalist die Worte vom Band ab. So ist das ganze aber natürlich keinesfalls druckbar, geschriebene Sprache entspricht in der Regel nicht gesprochener. Also werden die Zitate neu angeordnet, sprachlich geschönt, die Reihenfolge der Fragen verändert sich je nach Newswert der Antwort, ein Großteil der Zitate fliegt raus, am Ende bleibt von einem Interview vielleicht ein Fünftel des Gesagten übrig. Erst danach geht der komplette Text noch einmal zur Freigabe in das Büro des Politikers, dessen PR-Mitarbeiter dann nochmals verändern, schönen, streichen. Über das so entstandene Ergebnis mögen Journalist und PR-Abteilung dann fröhlich streiten und es mag sein, dass der ein oder andere Änderungen wieder rückgängig macht. Fest steht aber eines: Was der Leser in einem solchen Interview am Ende bekommt, entspricht nur noch im Kern dem, was tatsächlich wörtlich gesagt wurde. Das führt zu folgendem Schluss: Klöckner mag das Zitat so abgegeben haben. Es ist aber anzunehmen, dass sie noch einiges mehr dazu gesagt hat, möglicherweise Relativierendes. Das wissen wir nicht. Wäre das Hitlergruß-Zitat aber tatsächlich genau so und im Zusammenhang mit der Meinungsfreiheitsforderung gefallen, wäre es zumindest Aufgabe des Journalisten gewesen, überrascht nachzufragen. Es mag nachvollziehbar sein, dass sich ein Redakteur beim Transkribieren im Nachhinein über einen mutmaßlichen Aufreger im Gesagten freut. Selbst dann muss er sich aber ernsthaft fragen, ob der oder die Interviewte das tatsächlich gemeint haben kann. Kommt er zu dem Ergebnis, dass das nicht der Fall ist, gehört es zur Wahrheitspflicht, das Zitat wegzuwerfen. Ist er sich nicht sicher, kann er sogar im Nachhinein noch im Büro des Interviewten nachfragen. Wer in einem Interview Hitler sagt, muss aufpassen. Julia Klöckner hat erstes getan und zweites nicht. Das war ungeschickt. Noch ungeschickter waren ihre Presse-Mitarbeiter, weil sie den Fauxpas nicht entdeckt haben. Die an der Skandalisierung beteiligten Medien aber müssen sich Unredlichkeit oder zumindest vernachlässigte Sorgfaltspflicht vorwerfen lassen. Das wiegt ungleich schwerer. Und es mag dazu führen, dass das politische Interview künftig noch mühsamer wird, nicht nur mit Julia Klöckner als Gesprächspartnerin. (pro)
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