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Sieben Wochen auf Sendung

Der Hamburger Kulturjournalist Daniel Kaiser hat seit Beginn der Coronakrise mit seinen Livestream-Gottesdiensten zigtausende Menschen erreicht. Der ehrenamtliche Prediger berichtet von seinen Gottesdienst-Erfahrungen in diesen besonderen Zeiten.
Von PRO
Die Lokalzeitung Lübecker Nachrichten beteiligte sich an dem Projekt von Daniel Kaiser und übernahm den Stream des Gottesdienstes aus der Kirche St. Georg in Lübeck-Genin

Foto: Screenshot pro

Die Lokalzeitung Lübecker Nachrichten beteiligte sich an dem Projekt von Daniel Kaiser und übernahm den Stream des Gottesdienstes aus der Kirche St. Georg in Lübeck-Genin

„Danke! Jetzt kann ich gestärkt in die Woche gehen.“ „Ich habe Sturzbäche geweint.“ „Ich bin sonst nie in der Kirche. Jetzt sitze ich jeden Sonntag am Bildschirm und feiere mit Euch.“ „Ich fühlte mich sooo getröstet!“ Die Reaktionen der vergangenen Wochen haben mich umgehauen. Die Live-Gottesdienste im Internet wurden auch für mich zu einer ganz besonderen, beglückenden Erfahrung in dieser Krise: Das Evangelium wirkt.

Es begann mit einer Frage, die ich am Tag, als alle Gottesdienste abgesagt wurden, bei Facebook stellte: „Oder soll ich mal einen Gottesdienst live streamen?“ Meine Facebook-Freunde reagierten begeistert, und so besorgte ich im Elektronikmarkt ein Stativ und ein Headset für den Gottesdienst aus einer Kirche in Lübeck, in der ich an jenem Sonntag ohnehin Predigtdienst gehabt hätte.

„Eine Stunde Trost und Licht“

Dann nahm das Projekt unverhofft an Fahrt auf. Es meldete sich nämlich ein ehemaliger Radio-Kollege, der das Streamen jetzt beruflich betreibt. Er ist, zurückhaltend formuliert, „kirchenfern“, hatte mich aber „zufällig“ (Ich sagte ihm, Christen würden in diesen Situationen nicht von Zufällen sprechen.) zwei Wochen vor Corona in derselben Kirche predigen gehört, weil einer der Kirchenvorsteher ein Bundeswehrkumpel ist. Er bot mir nun an, den Gottesdienst gratis zu streamen. Sie kamen zu dritt mit fünf Kameras und einer Drohne. Es entstanden wunderbare Bilder. Die Lokalzeitung Lübecker Nachrichten übernahm den Stream. Wir hatten mit mehr als 25.000 Aufrufen eine starke Reichweite und beschlossen, weiterzumachen. Jeden Sonntag sendeten wir live aus einer anderen Hamburger Gemeinde: unter anderem von der Flussschifferkirche im Hamburger Hafen, aus der Mennonitenkirche, aus der St.-Pauli-Kirche und aus dem katholischen „Kleinen Michel“. Die „Kirche im NDR“ und der NDR begannen, uns finanziell zu unterstützen, damit die Techniker nicht mehr umsonst arbeiten mussten.

Unser Plan war es, den Menschen in Zeiten von Breaking News und Infektions-Diagrammen „eine Stunde Trost und Licht“ zu schenken. Die Rückmeldungen waren berührend und überwältigend. Uns haben viele Fotos von Menschen erreicht, die mit uns Gottesdienst gefeiert haben: beim Frühstück, mit Gesangbuch, im Garten, bei Kerzenlicht oder beim Yoga. Ich bekam seitenlange Briefe und E-Mails aus ganz Deutschland von Menschen, die berichteten, wie sie weinend, lachend, singend und betend am Bildschirm saßen.

Wir haben bewusst keine Gottesdienste zum Konsumieren, sondern zum Mitmachen gestaltet. Die Lieder, die der Kirchenmusiker Lukas Henke (der ab dem zweiten Mal im Team dabei war) und ich in einem Mix aus traditionell (Liga „Lobe den Herren“) und zeitgenössisch („Bewahre uns Gott“) zusammenstellten, wurden angesagt, ein Ablauf mit allen Texten war im Internet zu finden. Die Predigten orientierten sich an den für den jeweiligen Sonntag vorgesehenen Texten. Ein ganz normaler Gottesdienst also. Es hatte den besonderen Charme, dass alles live und nicht perfekt war. Mal fiel ein Gesangbuch herunter, mal habe ich das Glaubensbekenntnis vergessen, mal die Strophe eines Liedes ausgelassen. User nannten meinen Gesang „mutig“. Es ruckelte, wie gerade das ganze Leben ruckelte.

„Meine Beobachtung ist, dass es in den vergangenen Wochen in vielen Medien ein besonders großes Interesse an substanziellen und auch geistlichen Inhalten gegeben hat.“

Mit der Coronakrise haben viele Gemeinden versucht, Menschen auf digitalem Wege zu erreichen. Die Reichweiten blieben meist begrenzt. Mir hat sich schnell erschlossen: Ein YouTube-Kanal allein ist noch keine Garantie für eine gute Reichweite. Mit starken Partnern wie den Lübecker Nachrichten in der ersten und dem Hamburger Abendblatt in der zweiten Woche ist es uns gelungen, sozusagen viral zu gehen und viele Menschen zu erreichen. Die anderen Gottesdienste wurden dann über ndr.de und die Sozialen Medien des Norddeutschen Rundfunks und der „Kirche im NDR“ gestreamt. Der Kontakt zu den Medien fiel uns als Medienleuten natürlich leichter. Meine Beobachtung ist, dass es in den vergangenen Wochen in vielen Medien ein besonders großes Interesse an substanziellen und auch geistlichen Inhalten gegeben hat. In mehreren Gesprächen mit Pastorinnen und Pastoren habe ich allerdings festgestellt, dass diese Bereitschaft nicht immer erkannt und genutzt wurde.

Ich traf auch manche in der Kirche, die mit der Situation fremdelten. „Ist eigentlich Corona jetzt immer der Kasus?“, las ich nach nur zwei Wochen Coronakrise in einem Predigtforum bei Facebook. Nach zwei Wochen! Man hungere nach anderen Themen, war da zu lesen. Eine sagte, sie werde über Nenas 60. Geburtstag predigen. Nach zwei Wochen Corona! Dieser Eskapismus hat mich irritiert und schockiert. Ich fürchtete, dass all die recht haben könnten, die schon immer gesagt haben, in Gottesdiensten höre man nur weltfremdes Blabla. Die Aussagen der Predigerblase standen in einem dramatischen Kontrast zu den Rückmeldungen, die wir auf unsere Gottesdienste bekamen. Was kann es Schöneres geben, als gerade in dieser Millionen Menschen erschütternden und ängstigenden Krise von der Liebe Gottes zu predigen?

Nena als Predigtthema. Also wirklich!

Menschen sind offen für das Wort Gottes

Es gab in den Gemeinden neben analog-haptischen Bemühungen vor Ort sehr viele Versuche, Gottesdienste und Predigten online zu stellen. Da war jetzt nicht alles Grimme-online-Award-tauglich. Schon klar. Aber es war liebenswert. Die Pfarrerin Katharina Scholl hat in einem Meinungsbeitrag für das Portal zeitzeichen.net diese ruckelnden, aber von einer Leidenschaft getragenen digitalen Angebote als „Filmchen“ verspottet. Sie verstieg sich zu der Aussage: „Drosten, Kekulé und Co ventilieren die Sinnfragen, stellen die Schuldfrage und trösten. Sie machen das für den Moment ziemlich gut. Trotzdem wird eines Tages der Moment kommen, in dem sie erschöpft auf die Couch sinken und wir wieder am Zug sind.“ Für mich klingt das wie die Definition einer überflüssigen Kirche. Einer Kirche, die abwartet. Einer Kirche, die wartet, dass da jemand kommt.

Meine Erfahrung der vergangenen sieben Wochen ist, dass viele Menschen, die nie in einen Gottesdienst gehen oder einen Fernsehgottesdienst aktiv einschalten würden, offen sind für Gottes Wort und das Evangelium, wenn sie nur einmal darauf gestoßen werden.

Daniel Kaiser (47) ist Kulturredakteur beim Radiosender NDR 90,3. Er hat evangelische Theologie studiert und ist als ehrenamtlicher Prediger in mehreren norddeutschen Gemeinden aktiv.

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