Vor kurzem hatte ich meine Stelle gewechselt, von der Evangelischen Allianz zu „Tearfund Deutschland“, einem christlichen Hilfswerk. Nun galt es vor allen Dingen, die Mitarbeiter schnell kennenzulernen. Manchmal muss man dafür raus aus dem Alltag, wo das Tagesgeschäft einen doch sehr in Beschlag nimmt.
Als Leitungsteam fuhren wir für anderthalb Tage zu einer Klausur in die Provinz. Nach Brandenburg. In ein Nonnen-Kloster. Außer uns waren nur die Schwestern, Benediktinerinnen, im Haus – und eine Gruppe, die schweigend Ikonen schrieb (frisch gelernter Fun Fact: Ikonen werden nicht gemalt, sondern geschrieben, so wie man im Ballon nicht fliegt, sondern fährt). Wir hatten also tatsächlich unsere Ruhe.
Fünfmal am Tag treffen sich die Schwestern zum Gebet. Wie es die Regel des Benedikt vorsieht, beten und singen sie die Psalmen. Fünfmal täglich eine halbe Stunde, in den sieben Tagen einer Woche kommt man so einmal durch den gesamten Psalter.
Eine Geste der Demut
Die Gebetzeiten sind öffentlich. Wer im Kloster zu Gast ist – ob katholisch, orthodox, evangelisch, freikirchlich, konfessionslos – ist herzlich eingeladen, daran teilzunehmen. Die Benediktinerinnen sind da herrlich undogmatisch. Wir trafen uns in der kleinen Klosterkirche zum Abendgebet. Die Texte waren weitgehend auf Latein, die Melodien gregorianisch. Ehrlich gesagt, kann ich persönlich mit diesen – für meinen Geschmack – monotonen liturgischen Gesängen wenig anfangen. Aber wenn wir schon mal da waren, wollten wir auch teilnehmen.
Ich gab mir also einen Ruck – und dann hatte ich doch tatsächlich einen „divine moment“, wie meine amerikanischen Freunde es nennen, einen „heiligen Moment“, noch bevor die Gebetszeit richtig begonnen hatte.
Wir Besucher saßen schon in den Bänken der kleinen Kapelle, als die Nonnen einzogen. In Zweierreihen gingen sie gemäßigten Schrittes durch den Kirchenraum bis nach vorne zum Altar. Dort verbeugten sie sich vor der Christusfigur und bekreuzigten sich. Und dann drehten sich jeweils zwei Schwestern einander zu und verbeugten sich voreinander.
Eine kleine Geste – die mir tief unter die Haut ging. Eine Geste der Demut, der Ehrerbietung, der Wertschätzung. So wie sie sich vor Gott verbeugten, so neigten sich die Nonnen auch vor der Mit-Schwester, sie zeigten buchstäblich ihre Zu-Neigung.
Das lateinische Psalmodieren flog an mir vorbei. Ich saß mitten in der Kapelle, allein mit meinem Gott. Mein Herz war getroffen, meine Gedanken gingen spazieren.
„Wer vor Gott kniet, kann vor jedem Menschen aufrecht stehen.“
In den Jahren zuvor, während ich als politischer Beauftragter der Evangelischen Allianz am Deutschen Bundestag arbeitete, habe ich oft diesen Satz zitiert: „Wer vor Gott kniet, kann vor jedem Menschen aufrecht stehen.“
Ein Aphorismus, der dem deutsch-kanadischen Publizisten Willy Meurer zugeschrieben wird. Ein wichtiger Satz, wenn es darum geht, die eigene Position vorzutragen, insbesondere wenn es eine Minderheitsposition ist. Wenn das, was du zu sagen hast, richtig ist, weil es von Gott kommt, insbesondere wenn es den Schutz der Würde von Menschen betrifft, dann darfst du als Christ vor den Mächtigen der Welt nicht klein beigeben.
Um es mit Luther zu sagen: „Ich bin allein meinem Gewissen und der Heiligen Schrift verpflichtet. Solange ihr mich nicht mit klaren Vernunftgründen überzeugt, nehme ich auch nichts zurück. Gott helfe mir.“
Ohne diese Standfestigkeit hätte es keine Reformation gegeben. Ohne sie hätte William Wilberforce nicht den Sklavenhandel in Großbritannien abgeschafft oder Martin Luther King für die Bürgerrechte schwarzer Menschen in den Vereinigten Staaten gekämpft.
Nun will ich mich nicht mit diesen Größen der Geschichte vergleichen. Aber es gibt solche Momente, wo jeder von uns um Gottes Willen standhaft bleiben muss. Aus Angst oder aus Opportunismus sollten wir uns vor niemandem beugen. Denn wer vor Gott kniet, kann vor jedem Menschen aufrecht stehen.
Und wie alles seine Zeit hat, so ist es mal das aufrechte Einstehen für die Wahrheit – und mal das Verbeugen vor dem Mitmenschen, in welchem sich eine Herzenshaltung spiegeln kann, wie Gott sie sich von uns wünscht.
Hier und heute berührte mich die Geste der Ordensschwestern. Wir waren, wie gesagt, zu einer Teamklausur in das Kloster gefahren. Ich war der neue Vorstand, die leitenden Mitarbeiter waren dabei. Als christliches Hilfswerk sind wir in den Ländern tätig, in denen die Not der Menschen am größten ist. Entwicklungshilfe ist Kern und Ziel unserer Arbeit. Da gibt es im Alltag viele praktische Fragen, die uns beschäftigen. Wie finden wir Mitarbeiter? Wie organisieren wir die Arbeit vor Ort, mit welchen Partnern arbeiten wir zusammen? Welche Anträge auf Fördermittel wollen wir stellen? Wie können wir Spender gewinnen, um die Eigenanteile für Projekte und die Verwaltung (den „Overhead“) zu finanzieren?
Die Würde im Anderen erkennen
Jeder, der eine mittelständische Firma oder ein Hilfswerk leitet, kennt diese Gedanken. Sie sind wichtig, um gut, konstruktiv und transparent zu arbeiten.
Doch sind die praktischen Fragen nur der äußere Rahmen unserer Arbeit, besonders als christliches Werk. Und auch meine persönliche Berufung lebt von einer anderen Wurzel. Daran erinnerte mich dieser Moment in der Klosterkirche. Der Herzschlag, dessen, was wir tun, liegt tiefer. Gerade für Verantwortungsträger ist es wichtig, immer wieder daran erinnert zu werden.
In unserem Leben und Arbeiten geht es um Gott – und um seine Geschöpfe. Wer Gott kennt, und in ihm den Schöpfer aller Menschen erkennt, der beginnt, seine Mitmenschen mit den Augen Gottes zu sehen. Der erkennt in ihnen eine Würde, die durch nichts zu zerstören ist. Nicht durch Armut, nicht durch Krankheit. Niemals.
Wer sich vor Gott verbeugt, der kann sich auf Augenhöhe und voller Respekt vor seinem Nächten, seinem Mitgeschöpf verbeugen. Wer weiß, dass er von Gott wertgeschätzt wird, der kann auch den anderen wetschätzen. Oder wie Paulus es ausdrückte: „In Demut achte einer den anderen höher als sich selbst.“ (Philipper 2,3).
Die Geste der Nonnen hat mich neu daran erinnert.