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Sie kann auch anders

Die Orgel gilt für junge Kirchenbesucher oft als Inbegriff für althergebrachte Musik. In modernen Gottesdiensten kommen Klavier und Band zum Einsatz. Doch die Orgel kann mehr als Choräle und Liturgien.
Von PRO
Orgeln sind der Inbegriff für klassische Kirchenmusik. Aber sie können viel mehr und warten mit zahlreichen verschiedenen Klangfarben auf. In dem Instrument steckt ein ganzes Orchester. Die Klickstrecke zeigt, wie das funktioniert

Foto: pro

Orgeln sind der Inbegriff für klassische Kirchenmusik. Aber sie können viel mehr und warten mit zahlreichen verschiedenen Klangfarben auf. In dem Instrument steckt ein ganzes Orchester. Die Klickstrecke zeigt, wie das funktioniert
Die Herz-Jesu-Kirche in Fachsenfeld bei Aalen ist dunkel, nur der Altarraum und die Orgelempore sind beleuchtet. Etwa 250 Besucher hören, wie Patrick Gläser in die Tasten greift. Als wären diese kleine Trampoline, springen seine Finger darüber. Die Füße tippen rhythmisch auf die Pedalen. Gläsers Blick fixiert die Registerknöpfe, dann schnellt eine Hand zur Seite, überkreuzt den anderen Arm, zieht den Knopf heraus – und schon klingt die Orgel anders. Die Lampe auf dem Spieltisch vibriert. Manchmal sieht es aus, als würde Gläser am Instrument Sport treiben. Seit 2010 gibt er mit seinem Projekt „Orgel rockt“ Konzerte in ganz Deutschland, etwa 15 im Jahr. Er spielt Filmmusik, Rock- und Poptitel auf Kirchenorgeln. „He‘s a Pirate“ aus „Fluch der Karibik“ gehört ebenso zu seinem Repertoire wie die „Bohemian Rhapsody“ von Queen oder „An Tagen wie diesen“ von den Toten Hosen. Gläser ist Musikproduzent, hat zudem eine Ausbildung zum C-Kantor gemacht und ist nebenamtlicher Kirchenmusiker der katholischen Kirchengemeinde im baden-württembergischen Öhringen. Das moderne, „unorthodoxe“ Spiel, wie Gläser es nennt, hat er sich selbst angeeignet. „Nothing else matters“ von der Band Metallica spielte er einmal in einem Gottesdienst zur Vorbereitung auf die Firmung. Das war ein erster Schritt hin zu seinem Projekt. Er erarbeitete sich ein Konzertprogramm und mittlerweile ist er auf seiner vierten Tour unterwegs. Es geht ihm nicht in erster Linie um die Musik an sich. „Natürlich macht mir die Musik Spaß. Aber ich möchte die Menschen ansprechen und berühren mit der Musik aus ihrem Alltag“, sagt er. Dies sei auch eine Möglichkeit, Menschen zu erreichen, die sonst mit Orgelmusik und auch mit Kirche selbst nicht viel anfangen können.

Rockmusik ist nicht böse

Gläser spielt auswendig, improvisiert. Noten für Orgel gibt es von diesen Stücken noch keine. Nicht an jeder Orgel kann Gläser sein Programm spielen. Er braucht mindestens 20 Register, zwei Manuale und auf jedem eine der schnarrenden Zungenstimmen. Dann hat er genügend Klangfarben und kann auch den musikalischen Charakter nuanciert variieren. Bei „I am Sailing“ begleitet er die Melodie mit einem weichen, blubbernden Klang, was sich anhört, als würden Luftblasen im Wasser aufsteigen. Bei anderen Titeln rollt der Bass, die hohen Pfeifen spucken Synkopen wie Konsonanten aus. Mit jedem neuen Register steigert sich die Klangfülle, bis Gläser sie wieder ausdünnt, indem er die Knöpfe hineinschiebt. Er moderiert seine Konzerte. Denn es geht ihm um Botschaften, auch wenn er die oft nur in Anspielungen verpackt. Zu „Skyfall“ kommentiert er, es gebe auch ein christliches Lied mit dem Titel „Wenn der Himmel in unsere Nacht fällt“. Das sei aber natürlich anders gemeint. Wie, das können sich die Zuhörer selbst überlegen. Später wird er konkreter. Er spielt ein Jugendlied aus seiner Gemeinde, den Text dazu liest er vor: „Wir glauben daran, dass Gott für unser Leben selbst die Quelle sein kann. Glaube ist Gewissheit ohne jeden Beweis.“ Gläser hat schon die Rückmeldung bekommen, sein Auftritt sei zu fromm gewesen. Darüber freut er sich. Manche Konzertbesucher wünschten sich solche Musik in ihren Gottesdiensten, sagt er. Andere sind überrascht darüber, was auf diesem Instrument überhaupt möglich ist: „Manche Stücke hören sich an, als wären sie schon immer für die Orgel gemacht. Faszinierend, wie toll Rock auf der Orgel klingt“, schreibt ein Besucher auf eine der Rückmeldekarten, die Gläser austeilt. Denn der Musiker möchte auch wissen, ob sich jemand durch sein Spielen verletzt fühlt – Rockmusik auf einem Kirchenmusikinstrument? Für Gläser selbst ist das kein Problem. Auch wenn er Grenzen hat: „Highway to Hell“ würde er nicht spielen. Aber die grundsätzliche Trennung zwischen weltlicher und geistlicher Musik findet er nicht sinnvoll. „Ich streife ja auch nicht alles andere von mir ab, wenn ich in den Kirchenraum trete, sondern ich komme als ganzer Mensch und stelle mich vor Gott.“ So sei Rockmusik auch nicht grundsätzlich schlecht. Bach habe ebenso ursprünglich weltliche Kantaten mit anderem Text in der Kirche aufgeführt. Unter jede Musik habe er „Soli Deo Gloria“ geschrieben, allein Gott zur Ehre. Darauf komme es an.

Altes Instrument mit Zukunft

Unter Organistenkollegen erntet Gläser nicht nur Verständnis. In einem Online-Orgelforum kritisierten einige zu Beginn seines Projekts, er verwende immer dieselben musikalischen Stilmittel, improvisiere eigentlich gar nicht richtig und überhaupt sei es der Niedergang, wenn sich Orgelmusik an nicht-intellektuelle Hörgewohnheiten des Publikums anpasse. Der Musikwissenschaftler und Orgelforscher Roland Eberlein begrüßt es hingegen, wenn Organisten wie Gläser von der traditionellen Spielpraxis abweichen. Er sieht darin eine neue Zukunftsperspektive für die Orgel, die Chance, die junge Generation wieder mehr für das Instrument zu begeistern. Er ist überzeugt davon, dass auch neue geistliche Lieder darauf gespielt werden können, „nur war das bisher für manche konservative Organisten beinahe eine musikalische Entweihung der Orgel“. Zudem seien sie dafür meist nicht ausgebildet. Das müsse sich ändern, meint Eberlein. Zwar gebe es bereits Studiengänge für Popkantoren. Doch Improvisieren und Begleiten im Stil von Jazz oder Popularmusik sollte auch in der normalen Organistenausbildung gelehrt werden, statt sich ausschließlich auf historische Orgelmusik zu fokussieren. An der Kirchenmusikhochschule Tübingen gibt es beispielsweise ein Profil für Popularmusik. Noch sei dieser Stil auf der Orgel ein Randphänomen, beobachtet Eberlein. Doch die Entwicklung sei in Gang gekommen.
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