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Schnell ist nicht gleich gut

Verantwortungsvoller Journalismus sollte Zurückhaltung üben, wenn es um Live-Berichterstattung geht. Denn schnelle Information ist nicht zwangsläufig mit nutzbringender Information gleichzusetzen. Ein Kommentar von Swanhild Zacharias
Von PRO
Verantwortungsvolle Journalisten sollten genau abwägen, wann sie Live-Videos einsetzen
Verantwortungsvolle Journalisten sollten genau abwägen, wann sie Live-Videos einsetzen
Live-Videos sind der neue Trend in den Sozialen Netzwerken. Wenn etwas Spektakuläres geschieht, kann der Nutzer vor Ort sofort mit seinem Smartphone filmen und live auf Facebook oder andere Plattformen übertragen. Die Online-Welt kann das Geschehen in Echtzeit vom heimischen Gerät aus mitverfolgen. Nicht nur Privatpersonen, auch Medien wie die Bild-Zeitung, das Handelsblatt, das Magazin Stern oder die ARD nutzen immer öfter die Live-Funktionen der Sozialen Netzwerke. Schneller informiert sein geht nicht. Dass schnelle Information aber nicht unbedingt mit nutzbringender Information gleichzusetzen ist, zeigt das Beispiel des erschossenen Afroamerikaners Philando Castile aus Minnesota Anfang Juli: Als eine Verkehrskontrolle eskaliert, wird er von einem Polizisten angeschossenen. Seine Freundin auf dem Beifahrersitz streamt per Smartphone alles live auf Facebook. Das Video zeigt Bilder eines blutüberströmten Mannes, der vor Schmerzen stöhnt. Später im Krankenhaus stirbt er. Auch der Terroranschlag von Nizza wurde von Augenzeugen live gefilmt und vom Facebook-eigenen Nachrichtendienst Newswire in dem Sozialen Netzwerk geteilt. Das Video zeigt nicht nur den Anschlag, auch die Personen sind identifizierbar. Nach heftiger Kritik, es sei respektlos gegenüber Opfern und Angehörigen, entfernte Facebook das Video wieder.

„Unser Weg wird im Zweifel Zurückhaltung sein“

Journalisten sind beim Thema Live-Berichterstattung zwiegespalten: Einerseits wollen sie als Erste ihre Informationen verbreiten. Andererseits lässt sich bei einer Live-Übertragung nicht vorhersehen, was passieren wird, und die Informationen sind im Vorfeld nicht überprüfbar. So ist es bei dem direkten, ungefilterten Senden möglich, dass die Aufnahmen ethischen und journalistischen Prinzipien widersprechen. Immerhin legt der Presserat in seinem Pressekodex fest, dass „die Presse auf eine unangemessen sensationelle Darstellung von Gewalt, Brutalität und Leid verzichtet“. Auch die Identität von Opfern ist in besonderer Weise zu schützen. Um die Bevölkerung über einen Anschlag zu informieren, ist es sicher nicht relevant, sterbende oder tote Menschen im Detail und deren verzweifelte Angehörige zu zeigen. Der Chefredakteur von ARD-aktuell, Kai Gniffke, sagte im Interview der Frankfurter Allgemeinen Zeitung zum Thema Live-Videos: „Unser Weg wird im Zweifel ein Weg der Zurückhaltung sein.“ Eigentlich dürften Journalisten gar keine Inhalte live übernehmen. Denn Journalismus zeichne sich durch Verifikation, Recherche, Einordnung und die Auswahl von Informationen aus. Ausnahmen für die Live-Berichterstattung sieht Gniffke bei Veranstaltungen wie Pressekonferenzen, die „einigermaßen unbedenklich“ seien. Diese Einstellung ist lobenswert. Guter und verantwortungsvoller Journalismus sollte sich abheben von der bloßen Informationsflut und Sensationslust, wie sie oft in den Sozialen Netzwerken zu finden ist. Dann braucht er sich keine Sorgen um seine Existenzberechtigung machen. Das bestätigt auch Gniffke: Die Tagesschau gewinne wieder an Zuschauern. Das Bedürfnis nach gut aufbereiteten Informationen scheint zu wachsen. Denn schnell ist eben nicht gleich gut. (pro)
https://www.pro-medienmagazin.de/journalismus/detailansicht/aktuell/fernsehen-und-handyvideos-eine-frage-der-glaubwuerdigkeit-96887/
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