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Schneider: Keine Missionierung mit Zwang



An Weihnachten werden viele Gottesdienste wieder gut besucht sein. Der EKD-Ratsvorsitzende Nikolaus Schneider freut sich auch über diejenigen, die "nur" an Weihnachten in die Kirche gehen. Ob die Pfarrer an ihren "Schäfchen" vorbei predigen, damit beschäftigt sich eine Umfrage des "Sinus"-Instituts, deren Ergebnisse Sinus-Direktor Bodo Flaig in der "Zeit"-Beilage "Christ und Welt" interpretiert.
Von PRO

Foto: EKD



"Wir wissen, dass wir um den Kern unserer Gemeinden herum viele Menschen haben, die uns wohlwollend verbunden sind und zu gewissen Gelegenheiten zu Gottesdiensten kommen", sagte Schneider der Nachrichtenagentur dpa: "Da kann es nur eins geben, dass sie beim Teilnehmen die Erfahrung machen, das war so gut, da habe ich Lust auf mehr." Im Mittelpunkt stehe nicht die Missionierung mit Zwang. Es gelte vielmehr interessierten Menschen Angebote zu machen und sie einzuladen, sich mit ihren Fähigkeiten in das kirchliche Leben einzubringen. "Aber alles unter der Überschrift, Angebot, kein Zwang, wir freuen uns auch über die, die in Halbdistanz mit uns verbunden sind", zitiert die dpa Schneider.



Gleichzeitig warb Schneider für ein Festhalten am bewährten Verhältnis von Staat und Kirche. Trotz der Zuordnung seien sie deutlich genug voneinander getrennt, was beiden eine wichtige Freiheit lasse. Zudem plädierte er für ein Festhalten am konfessionellen Religionsunterricht in den Schulen. "Da geht es darum, dass Menschen ein Verständnis für ihre Welt gewinnen, denn ohne die Traditionen, aus denen heraus sich unsere Gegenwart bestimmt, etwa in der Literatur oder in der bildenden Kunst, kann ich auch unsere Gegenwart nicht verstehen und auch nicht mich selber in der Gegenwart", plädierte Schneider.



Kirche ade



Dass die "Entkonfessionalisierung" zunimmt, zeigen die Ergebnisse der neuen Umfrage des "Sinus"-Institutes. Demnach tragen sich rund 5,5 Millionen Kirchenmitglieder mit dem Gedanken an einen Austritt. Seit der deutschen Wiedervereinigung haben 17 Prozent der Protestanten ihrer Kirche den Rücken gekehrt, in der römisch-katholischen Kirche waren es elf Prozent. In einigen Gegenden Deutschlands ist der Anteil der Menschen, die keiner Konfession angehören, auf über 80 Prozent angestiegen.

Bei der repräsentativen Studie wurden 2.000 Menschen ab 14 Jahren befragt. Der Anteil derjenigen, die zum Kirchenaustritt entschlossen sind, lag bei den Protestanten bei 3,2 und bei den Katholiken bei 1,6 Prozent. Bei den noch Unentschlossenen erwägen 12,1 Prozent der Protestanten und 9,9 Prozent der Katholiken einen Kirchenaustritt. Für den Direktor des "Sinus"-Institutes Bodo Flaig ist Deutschland damit zu einem Missionsland geworden.



Faktoren dafür sind aus seiner Sicht nicht nur der säkulare Zeitgeist, "sondern auch der demografische Wandel, der die überalterten kirchennahen Milieus im traditionellen Segment der Gesellschaft besonders hart trifft". Gleichzeitig zeigten die jungen, aber auch die kosmopolitisch gesinnten Leitmilieus eine überdurchschnittliche Austrittsbereitschaft. 59 Prozent bezeichnen sich als – in unterschiedlicher Weise – religiös. Mit ihrer Kirche verbunden fühlen sich 33 Prozent der Befragten. 28 Prozent beteiligen sich am religiösen kirchlichen Leben durch ehrenamtliche Mitarbeit oder Teilnahme an Gruppen und Kreisen. Jeder Fünfte besucht regelmäßig den Gottesdienst, jeder Zehnte betet täglich.



Religiöse Erziehung wichtig



Immerhin 40 Prozent der deutschen Bevölkerung glauben, es sei wichtig für Kinder, dass sie religiös erzogen werden. Flaig sieht "keine Belege für einen neuen religiösen Hype, aber auch kein Aufkommen einer religionslosen Epoche". Er schreibt: "Wollen die großen christlichen Kirchen weiterhin Volkskirchen bleiben, müssen sie die Menschen, ihre Wertprioritäten, Einstellungen und Befindlichkeiten verstehen, um sie zu erreichen."

Das erhobene Zahlenmaterial verdeutliche, dass es heute in allen Teilen der Gesellschaft eine gewachsene Distanz zu den Amtskirchen gebe und dass in allen Milieus die Mehrheit der Menschen von den Kirchen nicht mehr erreicht werde. Die Probleme der Kirche – eine Überalterung der Gottesdienstbesucher, ein Mangel an ehrenamtlich engagierten Mitarbeitern, ein Rückgang der Kirchenmitgliedschaft und eine hohe Zahl von Kirchenaustritten – seien bekannt.

An konkrete Alltags- und Lebensbezüge anknüpfen



Religion werde heute in anderer Form nachgefragt als es die Kirchen anbieten, der Glaube sei eher eine private Angelegenheit, der oft außerhalb der Kirchen gesucht werde. Lösungsansätze für die Kirchen sieht Flaig darin, zunächst einen detaillierten Einblick in die existierenden Lebenswelten der Menschen zu nehmen und deren "weltanschauliche, religiöse und kirchliche Orientierungen, so wie sie sind, verstehen lernen: Ein zeitgemäßes Kirchenmarketing muss an die konkreten Alltags- und Lebensbezüge der Menschen anknüpfen."



In einem weiteren Beitrag der "Zeit"-Beilage hat die EKD-Kulturbeauftragte Pfarrerin Petra Bahr all denjenigen eine Predigt gewidmet, die der Kirche an Weihnachten fernbleiben. Vielleicht sei es der Ärger über die "Kirche mitsamt dem Profi-Personal", vielleicht auch die Scham, weil die heilige Welt nicht "die Ihre ist", schreibt Bahr.



Weihnachten sei im wahrsten Sinne des Wortes eine Zumutung. Die Botschaft richte sich an diejenigen, die damit nicht gerechnet hätten und erst einmal eine Weile brauchten, um zu kapieren, dass sie gemeint sind, legt Bahr das Lukas-Evangelium aus. Die Zumutung des Christentums gründe sich geradezu lakonisch an: Gott zeige sein wahres Gesicht in einem Menschen und verspreche in einem zappelnden Neugeborenen den Heiland der Welt.



Ein Gott, der ins Diesseits drängt



Gott sei ein Gott, der ins Diesseits dränge: "Vermutlich wäre das Personal der ersten Weihnachtsgeschichte, ähnlich wie Sie, auch nicht zur Christvesper gegangen. Das ist die Szene, die Gott sich ausgesucht hat, um seine Nähe zu den Menschen zu zeigen." Gott riskiere sich in der Weihnachtsnacht selbst und suche die Nähe der Menschen bis zur Selbsthingabe: "Das ist die vollkommenste und extremste Form der Liebe und erst dann ein Trost, wenn deutlich wird, dass diese Liebe Konsequenzen für unser Verständnis von der Welt und uns selbst hat."



Die Ankunft Gottes in einem kalten Stall in der Nähe Betlehem wiederhole sich nicht nur in den vollen Kirchen: "Gott kommt auch ohne Orgel und Kantorei an all die Orte, an denen Sie geblieben sind, statt in die Christvesper zu gehen. Sie müssen nichts tun, außer mit der Möglichkeit zu rechnen, dass diese Nachricht wahr sein könnte. Dann kann Weihnachten werden", wünscht sich Bahr. (pro)

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