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“Salafisten stoßen in ein Vakuum”

Der Salafismus wird für deutsche Jugendliche attraktiv, wenn sie sich an den Rand der Gesellschaft gedrängt fühlen. Davon ist Mouhanad Khorchide, Professor für Islamische Religionspädagogik in Münster, überzeugt. Gegenüber der Wochenzeitung "Die Zeit" betont er, dass der Islam eigentlich eine "Religion der Barmherzigkeit" sei.
Von PRO

Foto: WWU Münster/Peter Grewer

Auf die Frage, warum es in Deutschland Jugendliche gebe, die vom Salafismus angezogen werden, antwortet Khorchide: "Diese Jugendlichen sind hier geboren, hier aufgewachsen, sie haben große Erwartungen an die Gesellschaft. Sie wollen ein ‘Ihr gehört dazu’ hören. Stattdessen hören sie während ihrer Sozialisation ein ‘Wir, die Deutschen – ihr, die Muslime’. Verbunden mit einem negativen Unterton." Khorchide weiter: "Jugendliche, die sich an den Rand gedrängt und nicht angenommen fühlen, bekommen da ihre Bestätigung."

Laut Verfassungsschutz ist der Salafismus derzeit die am schnellsten wachsende islamistische Bewegung, klärt die "Zeit" auf. "Die Extremisten machen Propaganda über deutschsprachige Videos im Internet und haben insbesondere unter Jugendlichen Zulauf." Nach Schätzungen gebe es zwischen 3.000 und 5.000 Salafisten in Deutschland. Khorchide bildet in Münster angehende Theologen und Lehrer für islamischen Religionsunterricht aus.

Viele der Jungen und auch Mädchen seien auf Identitätssuche. "Was die Rekrutierung für die Salafisten einfacher macht, ist eine Enttheologisierung bei den Jugendlichen." Während seiner Arbeit als Jugend-Imam habe er Jungen getroffen, die immer einen Koran in der Tasche hätten und sagten: "Mit dem bin ich stark." Doch könnten sie nicht einmal Arabisch und wüssten daher nicht, was in dem Buch steht. "Die Jugendlichen greifen auf etwas zurück, das ihnen Halt geben soll, eine Identität. Aber es ist eine Schalenidentität, ohne Kern, ausgehöhlt."

"Ernsthafte theologische Diskussion unmöglich"

In dieses Vakuum stießen die Salafisten. "Und sie argumentieren dabei nicht einmal religiös oder theologisch. Die sprechen nicht über Gott oder darüber, wie man zu Gott findet. Sie sagen: ‘Die Ungläubigen hassen uns, die wollen uns nicht, weil wir Muslime sind. Haltet euch von ihnen fern.’" Viele litten an einer Perspektivlosigkeit und dächten: "Ich bekomme keinen Job, weil ich Muslim bin; ich bekomme schlechte Noten, weil ich Muslim bin."

Salafisten suchten sich "willkürlich Zitate aus dem Koran, die gerade in ihre Argumentation passen", bemängelt Khorchide. "Das macht eine ernsthafte Diskussion unmöglich." Vielen fehle "grundlegendes theologisches Wissen". Der Wissenschaftler fügt hinzu: "Da würde jeder Erstsemestertheologe sagen: Was für ein Unsinn."

Der Herder-Verlag veröffentlicht demnächst Khorchides Buch "Islam ist Barmherzigkeit – Grundzüge einer modernen Religion". Im Islam werde zu viel über Gesetze und Rituale geredet, kritisiert der im Libanon geborene Imam. Er betont: "Gott hat den Menschen aus seiner bedingungslosen Liebe und Barmherzigkeit heraus erschaffen." Seine Studenten sollen "lernen zu hinterfragen, den Islam nicht als Quelle von Gesetzen verstehen, sondern von Spiritualität und ethischen Prinzipien, die der Vervollkommnung des Menschen dienen". Schließlich sei der Islam "eine Religion der Barmherzigkeit". (pro)

Die kommende Ausgabe des Christlichen Medienmagazins pro (3/2012) befasst sich im Titelthema ebenfalls mit dem Salafismus in Deutschland. Kostenlos und unverbindlich bestellen unter der Telefonnummer 06441/915151, via E-Mail an info@pro-medienmagazin.de oder online.
http://www.zeit.de/2012/22/C-Interview-Salafisten
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