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Säkularisierung brachte “Supermarkt der Religionen

Die Vernunft bedeutet keineswegs ein Ende des Religiösen. Davon ist der kanadische Philosoph und Politikwissenschaftler Charles Taylor überzeugt. In einem Interview mit der "Frankfurter Rundschau" erläutert er, warum "Säkularisierung" nicht bedeuten muss, dass Gott aus einer Gesellschaft verschwindet. "Die Dinge liegen viel komplizierter."
Von PRO

Foto: Committee on Global Thought / pro

Es sei "überhaupt nicht verwunderlich", dass Gott nach über 200 Jahren Aufklärung noch nicht tot sei, antwortet Taylor auf die Frage des FR-Journalisten. Vielmehr liege dieser Annahme ein "allzu schlichtes Verständnis von Aufklärung" zugrunde. Aufklärung bedeute nicht, dass die Vernunft einen Siegeszug gegen den Glauben angetreten habe oder dass die Naturwissenschaften alles Religiöse verdrängten. Taylor ist überzeugt: "Mit dem Fortschreiten der Vernunft (…) war immer auch ihre Vereinseitigung in Richtung einer bloß rechnenden, das menschliche Leben verdinglichenden Zweckrationalität verbunden." Vernunft sei nicht per se moralisch. "Sie verfügt über enorme Zerstörungskräfte und kann in ihren Geltungsansprüchen totalitär sein."

Taylor, der sich selbst als "praktizierenden Katholiken" bezeichnet, ist unter anderem Autor des Buches "Ein säkulares Zeitalter". Er verweist im Interview auf den Soziologen Max Weber, für den die Idee der einen Vernunft aus den monotheistischen Religionen erwachsen sei. "Das hat die ironische Pointe, dass aus der Religion selbst eine sie infrage stellende, sie begrenzende Instanz entstanden ist und dass umgekehrt die Herkunft von Vernunft und Aufklärung auch in den Religionen liegt." Außerdem zeige dies "die gegenläufigen Tendenzen in der Geschichte": "Je genauer wir hinschauen, desto größer ist das Gewimmel, eine Gemengelage konkurrierender und konfligierender Tendenzen, der kein vorherbestimmtes Ziel innewohnt."

"Glaube ist eine Antistruktur im System der Vernunft"

Taylor widerspricht Max Weber allerdings darin, dass mit der Aufklärung eine Entzauberung der Welt verbunden gewesen sein soll, "so als ob diese von einem Schleier des Religiösen nur befreit werden musste". Taylor setzt dem entgegen: "Die Geschichte verläuft nicht im Sinne der Subtraktionstheorie, also etwa nach der Formel: Gottesstaat minus Gott ist gleich der moderne, säkulare Staat. Die Dinge liegen viel komplizierter."

Die katholische Kirche habe in der Mitte des 15. Jahrhunderts die Erfindung des Buchdrucks vollkommen unterschätzt, sagt Taylor. "Sie hat gewissermaßen den technisch-medialen Anschluss verpasst und dadurch die Reformation durch Martin Luther erst möglich gemacht." Der Buchdruck und die zunehmende Bildung habe dann auch die Aufklärung vorangetrieben, aber ebenso andere Formen der religiösen Praxis. "Der (katholische) Ritus wurde zwar unwichtiger, auch in der Öffentlichkeit, aber dafür gab es jetzt die persönliche Zwiesprache mit Gott, die einsame, nicht mehr von einem Priester angeleitete Bibellektüre."

Taylor unterscheidet verschiedene Formen der Säkularisierung. "Da gibt es einmal die Säkularisierung in dem Sinne, dass Staat und Kirche getrennt sind und dass im Zuge dieser Gewaltenteilung die öffentliche Bedeutung der Religionen schwindet. (…) Zweitens können wir Säkularisierung als ein Schwinden religiöser Überzeugungen und Bindungen verstehen, das sich unter anderem darin zeigt, dass immer weniger Menschen die Gottesdienste besuchen oder sich kirchlich trauen lassen." Drittens sieht Taylor als eine Art Säkularisierung die Vielzahl von Glaubensangeboten. Die Menschen glaubten nicht weniger, sondern nur anders: "Im Supermarkt der Religionen stellt sich jeder seine eigene Version zusammen. (…) Hier ein bisschen Katholizismus, dort ein wenig Buddhismus und Konfuzianismus."

Während es in der abendländischen Gesellschaft im Jahre 1500 noch nahezu unmöglich gewesen sei, nicht an Gott zu glauben, gebe es in den westlichen, säkularen Gesellschaften heute einen Pluralismus, "der den Gottesglauben nicht mehr selbstverständlich sein lässt und uns zugleich eine mehr oder weniger freie Wahl lässt". Der Philosoph fügt hinzu: "Wir können uns entscheiden, nicht an Gott zu glauben, schließlich ist auch dies eine gleichberechtigte Haltung unter vielen anderen." Dieser Pluralismus bedeute nicht zwangsläufig, dass Gott verschwindet, "sondern allenfalls, dass unsere großen Religionen und ihre Kirchen an Bedeutung verlieren, gewissermaßen ihre Leitfunktion einbüßen". (pro)
http://www.fr-online.de/top_news/?em_cnt=2771541
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