In dieser Kolumne schreibe ich in der Regel über Menschen, die ich persönlich getroffen habe. Heute geht es um Sadia im Jemen. Ihre Geschichte kenne ich nur von Bildern und einem Bericht, den sie uns geschickt hat. Der Bürgerkrieg im Land, den die Huthi Milizen mit Hilfe des Iran und mit brutaler Gewalt auch gegen die eigene Bevölkerung führen, und der seit kurzem mit neuer Macht entflammt ist, macht es nicht möglich, die Region zu besuchen, in der Sadia lebt. Dass Tearfunds lokale Partner unter diesen Bedingungen mit den Frauen arbeiten und den Frauen Hoffnung schenken, ist mehr als beeindruckend. Und darum will ich heute von Sadia erzählen. Ihren Namen habe ich geändert.
Der Jemen gehört zu den ärmsten Ländern der Welt. Seit Beginn des Bürgerkriegs im Jahr 2014 leiden Millionen Menschen unter Hunger, Vertreibung und dem Zusammenbruch wichtiger Versorgungsstrukturen. Durch die erneuten Kämpfe, die vor einigen Wochen ausgebrochen sind, steht die Gesundheitsversorgung vor dem Kollaps. Hunderttausende Menschen müssen ihr Zuhause verlassen, um ihre Familien in Sicherheit zu bringen.
Schon vor dem erneuten Ausbruch der Gewalt fehlte es vielen Familien vor allem in ländlichen Regionen an verlässlichen Einkommensquellen. Für Frauen ist es oft besonders schwer, wirtschaftlich unabhängig zu werden.
Zehn Hennen und ein Hahn
Auch Sadia kennt diese Herausforderungen aus eigener Erfahrung. Als der Krieg ausbrach, verlor ihr Ehemann seine Arbeit und damit sein Einkommen. Die Familie geriet zunehmend in finanzielle Not, bis er sie schließlich verließ. Gemeinsam mit ihrem Sohn kehrte Sadia in das Dorf ihrer Eltern zurück. Dort lebten insgesamt 16 Menschen unter einem Dach. Das wenige Geld, das die Familie zum Leben hatte, stammte aus Gelegenheitsarbeiten ihres Bruders. Oft waren sie auf die Unterstützung anderer Dorfbewohner angewiesen.
Die Wende kam, als Sadia von einem Projekt zur Ernährungssicherung erfuhr. Entschlossen meldete sie sich an und wurde gemeinsam mit 299 weiteren Frauen in das Programm aufgenommen. Zum Start erhielt sie zehn Hennen, einen Hahn, Futter und Material für einen Stall. Darüber hinaus nahm sie an Schulungen teil, in denen sie, die nie eine Schule besucht hatte, alles Wissenswerte über Tierhaltung, Ernährung, Hygiene und Krankheitsprävention lernte.
Was zunächst klein begann, entwickelte sich zu einer echten Perspektive. Die Hühner liefern regelmäßig Eier und Fleisch für die Familie. Überschüsse verkauft Sadia auf dem Markt und erzielt dadurch ein eigenes Einkommen. Heute kann sie nicht nur für ihren Sohn sorgen, sondern auch ihre Großfamilie unterstützen.
Besonders beeindruckend ist, dass Sadia ihr Wissen inzwischen mit anderen teilt. Sie begleitet 19 Frauen aus ihrem Dorf beim Aufbau ihrer eigenen Hühnerzucht. Gemeinsam verkaufen sie ihre Produkte und unterstützen einander bei neuen Ideen. Darüber hinaus haben sie einen Sparfonds gegründet. Mit den regelmäßig eingezahlten Beträgen finanzieren die Frauen Futtermittel, Reparaturen oder neue Investitionen. Auf diese Weise konnten sie bereits gemeinschaftlich Ziegen erwerben und ihre wirtschaftliche Grundlage weiter ausbauen.
Sadia blickt heute mit Hoffnung in die Zukunft. „Das Projekt hat mein Leben verändert“, sagt sie. „Jetzt kann ich meine Familie ernähren und etwas zurückgeben.“ Und sie ergänzt: „Auch als Frau werde ich jetzt respektiert, auch wenn mein Mann mich verlassen hat.“
Ihre Geschichte zeigt, wie nachhaltige Hilfe funktioniert: Menschen erhalten nicht nur kurzfristige Unterstützung, sondern die Möglichkeit, sich langfristig eine eigene Existenz aufzubauen. Aus einer kleinen Starthilfe entstehen neue Perspektiven, mehr Selbstständigkeit und Hoffnung für ganze Familien und Dorfgemeinschaften. Sie stärken damit die Ernährungssicherheit ihrer Familien und schaffen Einkommen in einem Land, das weiterhin von den Folgen von Krieg und Armut geprägt ist.
Der Jemen, das sind nicht nur die Huthi. Es sind auch Frauen wie Sadia.
Der Autor leitet die Hilfsorganisation „Tearfund Deutschland“, die unter anderem im Jemen tätig ist. Zugleich gehört er dem Vorstand des Christlichen Medienwerks an, das PRO herausgibt. „Tearfund“ ruft aktuell zu Spenden für ihre Hilfsprojekte im Jemen auf. Weitere Informationen zum Spendenaufruf finden Sie hier.