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Religionssoziologe: Muslime als religiöse Gruppe anerkennen

Als Religionssoziologe hat sich José Casanova lange Zeit mit Europas Angst vor Religionen befasst. Im Interview mit "The European"-Chefredakteur Alexander Görlach spricht er über Europas Verhältnis zum Islam und darüber inwiefern eine Religion Identität stiften kann. Viele Fragen zum Islam gingen an der Sache vorbei: "Statt tatsächliche Probleme zu identifizieren, erzeugen wir neue", konstatiert der Forscher.
Von PRO

Foto: Mumpitz / fotolia

In den vergangenen 15 Jahren habe sich das Denken in Deutschland massiv verändert: Bis zu diesem Zeitpunkt habe es keine Muslime gegeben, weil sie als Türken bezeichnet worden seien. Heute seien alle Türken zu Muslimen geworden. Casanova resümiert: "Einerseits nehmen Deutsche die Gruppe der Migranten anders wahr und andererseits nehmen sich Migranten selbst anders wahr. Der Islam als generelles Konzept ist jedoch nicht das Problem."

Wir stigmatisieren alle mit einem "Islam-Problem"

Auch Einwanderer aus Ländern wie Pakistan oder dem Senegal würden automatisch zu Muslimen: "Wir haben einen künstlichen Islam konstruiert, der in dieser Form natürlich nicht existiert, und sehen nicht, dass diese Menschen zunächst Immigranten sind. Manche von ihnen sind religiös, andere nicht. Viele haben verschiedene Praktiken der Religionsausübung, aber wir stigmatisieren alle mit einem Islam-Problem." Darüber hinaus macht er die Beobachtung, dass sich Menschen ihre Konfession nicht mehr wie ein Stempel aufdrücken lassen wollen. Zudem habe ein Prozess der Individualisierung und damit auch der religiösen Pluralisierung stattgefunden: "Wir müssen es schaffen, die muslimische Gemeinschaft als religiöse Gruppe anzuerkennen."

Casanova plädiert dafür, den säkularen Staat so zu gestalten, "dass er allen Religionen, Ideologien und Weltanschauungen neutral gegenübersteht". Es gehe um ein System, das mehr Freiheit und Gleichheit für alle garantiert. Dafür müssten auch etablierte Routinen aufgebrochen werden. Eine Lösung getreu dem Motto "Religion ist Privatsache" kann sich Casanova dabei nicht vorstellen. Dies würde für alle gläubigen Bürger bedeuten, in der Öffentlichkeit ihren Glauben und damit einen Großteil ihrer Idenität aufzugeben. Statt die Religion als solche zu verbannen, gehe es um jene Praktiken, die per Definition illegal sind.

Indien etwa habe für alle seiner Religionen einen allgemein gültigen Feiertag: "Das ist eine Art, anzuerkennen, dass alle Religionen Teil des Landes sind." So  könnten Feiertage neuer Religionen in die Gesellschaft integriert werden. Jose Casanova lehrte nach seinem Studium der Philosophie und der Katholischen Theologie Soziologie in New York und Georgetown University. Seine Forschungsschwerpunkte sind Religion und Globalisierung, Migration und religiöser Pluralismus, transnationale Religionen und die Theorie der Soziologie. (pro)

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