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Raus aus dem Knast DDR

Pastor Matthias Storck erlebte eine Befreiung von zwei Gefängnissen auf einmal: Als er 1980 das Gefängnis in Cottbus verlassen durfte, durfte er zugleich auch die DDR verlassen. Vom Trauma der Haft, von seiner Rettung durch Bücher und von seiner befremdlichen Ankunft im Westen berichtet Storck in seinem mitreißenden Buch „Vaterland zum Mitnehmen“. Eine Rezension von Jörn Schumacher
Von Jörn Schumacher
Seine Zeit im DDR-Knast und seine Einreise in die damalige BRD beschreibt Pastor Matthias Storck in seinem Buch

Foto: Brunnen Verlag / pro

Seine Zeit im DDR-Knast und seine Einreise in die damalige BRD beschreibt Pastor Matthias Storck in seinem Buch

Matthias Storck wurde 1958 in eine Pfarrerfamilie geboren. Er sog Kirchenlieder, Gebete und Gemeindeleben mit der Muttermilch auf. Zunächst lernte er Buchhändler und studierte dann evangelische Theologie. Als Student wurde er wegen seines Engagements gegen den Wehrkunde-Unterricht in der DDR unter dem Vorwurf der geplanten Republikflucht verhaftet. Nach 14 Monaten in Haft wurde er von der Bundesregierung freigekauft und nach Westdeutschland entlassen. Heute ist Storck Pfarrer in Herford, Westfalen.
Das Buch „Vaterland zum Mitnehmen. Erfahrungen eines Freigekauften“ besteht aus 86 kleinen Kapiteln. Es sind Flashbacks, Erinnungsbrocken, die manchmal nur eine halbe Seite lang sind. Sie stammen aus der Kindheit, aus der Zeit der DDR oder aus dem Leben in der BRD, das er und seine Frau Tine sich erst erarbeiten mussten.
Storck gelingt es, den Leser durch eine eindrückliche, fast poetische Sprache in seine Gefühlswelt und in die jeweilige Zeit zu ziehen. Eine Biografie sollte es nicht sein, vielmehr darf der Leser mit-erleben, wie es sich anfühlt, als gläubiger Häftling in einem antiklerikalen Staatsapparat gefangen zu sein. Storck schützt sich in seiner Zelle mit Erinnerungen an Menschen, Pflanzen, Gedichte, Gebete, Lieder und Bibelstellen vor dem Verrücktwerden.

Singen trotz Verbot

„So allein war ich noch nie“, denkt er, allein in eine Zelle mit Neonlicht gesperrt. Noch auf der Fahrt von der Verhaftung ins Gefängnis lernt sein Auge hastig alles auswendig, um einen Schatz für die Gefängniszeit anzusammeln. In der Zelle denkt er sich Besucher herbei, Storck spricht von „Augenzubesuchen“: „Mein unsichtbarer Besuch kam nie mit leeren Händen. Erinnerungszitate waren die schönsten Geschenke.“
Wolf Biermann sei „jeden Abend“ gekommen. „Er brachte Seelenbrot. Voller Frühlingsgrün und Gewissheit.“ Geradezu ein Fest war es, als Storck es schafft, fünf Bände von Albert Schweitzer in die Zelle zu bekommen. Später kamen „Die Brüder Karamasow“ hinzu. Gegen das Verbot der Wachposten sang der Theologe oft, das Läuten der nahliegenden Kirchenglocken war für ihn „das Orchester“. Vor allem ist es aber der innere Schatz an Liedern, der ihn stärkt: Bach, Dylan, Biermann.
Schließlich kommt er auch an Werke Heinrich Heines. „Ich konnte es gar nicht erwarten, sie aufzuschlagen. Das war das Himmelreich auf Erden. Nichts Besseres konnte mir passieren, und noch nach über dreißig Jahren erfüllt mich diese Erinnerung mit einem tiefen Glücksgefühl.“ Heine beschreibt an einer Stelle die Bibel als das „portative Vaterland“ der Juden, das sie über die Jahrhunderte mit sich trugen in den Zeiten der Verfolgung. Dass die Bibel zum „Vaterland zum Mitnehmen“ werden kann, wenn auch hier vielleicht geistlich interpretiert, hat Storck selbst erfahren und machte den Ausdruck zum Titel seines Buches. Einen großen Geist kann man zwar einsperren. Aber er merkt fast nichts davon, wenn man ihm geistige Nahrung gibt. Und so war seine größte Sorge in der Haft, dass man ihm die Bibel wegnehmen könnte.

Literatur als Ausblick in die Freiheit

So beeindruckend Storcks Schilderung vom Haftleben ist, so mitreißend lesen sich seine Eindrücke nach dem Freikauf in den Westen. Sein Blick auf die unbekannte Welt mit Marlboro, Mercedes und duftender Seife gleicht dem eines Besuchers auf einem anderen, weiter fortgeschrittenen Planeten. Doch auch den herablassenden Blick auf die Ostdeutschen, den so mancher Westler drauf hat, lernt das Ehepaar kennen.
Für Storck hat der Umzug in den Westen doppelte Bedeutung: Er kam raus aus dem Knast in Berlin-Pankow und später Cottbus, aber auch: raus aus dem Knast DDR. Die Befreiung war für ihn daher ein doppelter Schock. Nach 14 Monaten Haft war es etwas Besonderes, unbeobachtet auf die Toilette zu gehen und das Haus zu verlassen, wann immer er wollte. Gleichzeitig macht sich bei ihm und seiner Frau Tine Angst breit: Angst vor dem Unbekannten und vor dem Versagen.
Nach der Lektüre von „Vaterland zum Mitnehmen“ beschleicht den Leser das Gefühl, oft genug vielleicht den Wert großer Literatur für eine darbende Seele zu vergessen. In der DDR war es schwierig bis unmöglich, an gute Bücher heranzukommen, die in der westlichen Welt wie selbstverständlich gehandelt werden. Der gelernte Buchhändler Storck weiß das nur zu gut. Zudem wurden viele Bücher vom DDR-Regime rigoros zensiert, „zerrupft“, wie Storck sagt. Im Gefängnis DDR, aber auch im Gefängnis in Pankow wurde Literatur – sei sie in der Erinnerung im Kopf oder als Buch in den Händen – für Storck zu einem kostbaren Quell der Hoffnung. Vor allem aber ruft das Buch dem Leser in Erinnerung zurück, was Freiheit bedeutet. (pro)

Matthias Storck: „Vaterland zum Mitnehmen. Erfahrungen eines Freigekauften“, Brunnen-Verlag, 224 Seiten, 12,99 Euro, ISBN 9783765542770

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