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Randerscheinung: Deutscher Widerstand gegen die Deportation der Armenier

Am 24. April gedenken Armenier der brutalen Deportation ihrer Volksgenossen im Osmanischen Reich vor 100 Jahren. Politiker in der Bundesrepublik streiten darüber, ob der Begriff „Völkermord“ hier angebracht ist. In einer zweiteiligen Serie beschäftigt sich pro mit der deutschen Rolle bei der Massenvernichtung.
Von PRO
Die meisten Türken wissen bis heute wenig über den Völkermord an den Armeniern – das wird im Buch deutlich

Foto: Ch. Links Verlag

Die meisten Türken wissen bis heute wenig über den Völkermord an den Armeniern – das wird im Buch deutlich
„Die Armenier werden – aus Anlass ihrer Verschwörung mit den Russen! – jetzt mehr oder weniger ausgerottet. Das ist hart, aber nützlich. Botschafter kann leider, sehr zum Nachteil unserer Politik, das Lamentieren darüber nicht lassen.“ Mit dieser handschriftlichen Anmerkung kommentierte der deutsche Militärattaché Hans Humann am 15. Juni 1915 ein Telegramm des Konsuls in Mossul, Walter Holstein. Darin hatte der Diplomat fünf Tage zuvor darauf aufmerksam gemacht, dass 614 aus Diyarbakir verbannte Armenier während einer Floßreise „abgeschlachtet“ worden seien. Er wies ausdrücklich darauf hin, dass Männer, Frauen und Kinder dem Massaker zum Opfer gefallen seien. „Hierher unterwegs befindlichen weiteren Transporten armenischer ‚Aussiedler‘ steht das gleiche Los bevor“, ergänzte er. Unter Militärs und Diplomaten des deutschen Kaiserreiches, die im Osmanischen Reich tätig waren, war Humanns Haltung vor 100 Jahren vorherrschend. Entweder hießen sie die Vertreibung der Armenier gut, oder sie ignorierten das Leiden der Christen. Dies legt der Journalist Jürgen Gottschlich in seinem Buch „Beihilfe zum Völkermord“ anschaulich dar. Er beschreibt auch die Hindernisse, die seine Recherchen etwa im türkischen Militärgeheimdienstarchiv erschwerten. Während seiner Forschungen musste er feststellen: „Je mehr ich hörte, umso mehr begann ich zu begreifen, dass ich als Deutscher in dieser Debatte kein neutraler Beobachter von außen sein konnte.“ Das Buch macht deutlich, wie wenig die meisten Türken bis heute über die Verfolgung der armenischen Minderheit im Ersten Weltkrieg wissen. Bei einem Besuch in der Ortschaft Süleymanli, die einst den Namen Zeitun trug, geht Gottschlichs Touristenführer Ahmed auf die armenische Vergangenheit ein. In dem Ort habe es einen Aufruhr gegen den Sultan gegeben. Rebellen hätten das bis dahin friedliche Zusammenleben von Armeniern und Türken zerstört. Schließlich habe die Armee eingreifen müssen, um die Aufrührer zu vertreiben, fasst Gottschlich die Ausführungen des Türken zusammen. Einen schönen Brunnen, der erst kürzlich restauriert worden war, kommentierte Ahmed mit den Worten: „Das ist alles, was von den Armeniern in Zeitun übrig geblieben ist.“ Gottschlich wertet die Vorfälle in dem Dorf als „Ausgangspunkt für die Tragödie der Armenier im Osmanischen Reich“. Dieser fielen zwischen 200.000 und 1,5 Millionen Menschen zum Opfer. Viele Christen mussten überdies ihre Religion wechseln .

„Ziel der Verschickung ist das Nichts“

Vereinzelte Aufstände boten den Herrschern immer wieder einen Vorwand für drastische Maßnahmen gegen die armenischen Christen. Bereits 1895 hatten sie einen lokalen Protest als Begründung für blutige Massaker in mehreren Städten verwendet. 1909 gab es erneut Pogrome gegen die armenische Minderheit, die mindestens 20.000 Todesopfer forderten. Während des Ersten Weltkrieges dann standen die Armenier zudem ständig im Verdacht, mit dem russischen Feind gegen die Türken zu paktieren. So behauptete die türkische Führung nach einer schmerzlichen Niederlage in einer von vornherein aussichtslosen Militäroperation an der Ostfront, viele von ihnen seien auf Seiten der Russen aktiv gewesen. Neid auf die vielerorts wirtschaftlich bessergestellten Christen dürfte ebenfalls eine Rolle gespielt haben. Am 24. April 1915 begannen die groß angelegten Deportationen der Armenier in den Osten des Osmanischen Reiches. Daraufhin kündigten die Regierungen von Großbritannien, Frankreich und Russland am 24. Mai an, osmanische Offizielle für deren Rolle dabei anzuklagen. Die Türkei reagierte drei Tage später mit dem Deportationsgesetz. Dieses legitimierte die bisherigen Maßnahmen gegen die Armenier und erlaubte, jedes Anzeichen von Ungehorsam und Widerstand mit Deportation zu bestrafen. Damit war jeglicher Willkür Tor und Tür geöffnet. Viele Verschleppte kamen ins heute syrische Aleppo. Der damalige Bürgermeister fragte per Telegramm bei Innenminister Talaat Pascha an, was mit den Scharen von Armeniern geschehen solle. Die Antwort lautete: „Das Ziel der Verschickung ist das Nichts.“ Unterwegs wurden die Deportationszüge oft Opfer von Überfällen. Die zu ihrem Schutz abgestellten Gendarmen schlugen sich meist auf die Seite der Angreifer, so dass die Deportierten ihnen ausgeliefert waren. Viele Armenier erreichten deshalb das anvisierte Ziel nicht. Hunger, Krankheiten und andere Missstände machten den Verschleppten zusätzlich zu schaffen.

Vom Armenierfreund zum NSDAP-Gründer

Das Kaiserreich stand damals in einem militärischen Bündnis mit dem Osmanischen Reich. Nur wenige einflussreiche Deutsche versuchten, dem Massenmorden Einhalt zu gebieten. Gottschlich schildert die Biographien derjenigen, die sich hierbei besonders hervorgetan haben. Er widersteht jedoch der Versuchung, sie als „Heilige“ darzustellen. Vielmehr weist er auf widersprüchliche Charakterzüge und schwer verständliche Entwicklungen deutlich hin. Ein besonders brisantes Beispiel ist der baltische Adelige Max Erwin von Scheubner-Richter. Als Vizekonsul in Erzurum setzte er sich aktiv für die Rettung der Armenier ein. In einem Memorandum an Reichskanzler Theobald von Bethmann Hollweg beklagte er die Verwerflichkeit der Vertreibung und Ermordung. Erzurum war für den Diplomaten allerdings nur eine Zwischenstation auf dem Weg nach Mossul. Während dieser Reise sah er mit eigenen Augen die Deportationszüge. Nachdem er 1916 nach Deutschland zurückgekehrt war, schrieb er erneut an Hollweg. Absurd erscheint, dass der einstige Vizekonsul Scheubner-Richter später zu den Mitbegründern der NSDAP gehörte und ein enger Freund Adolf Hitlers wurde.

Ein Pfarrer tritt für Armenier ein

Der bekannteste deutsche Armenierfreund ist sicherlich der Pfarrer Johannes Lepsius, der zu den Mitbegründern der Deutsch-Armenischen Gesellschaft gehört. Bereits 1896 nach dem ersten Pogrom appellierte er an die deutsche Führung. Der Gründer der deutschen Orientmission verfasste zahlreiche Artikel über die Lage in Anatolien. Diese veröffentlichte er unter dem Titel „Armenien und Europa. Eine Anklageschrift wider die christlichen Großmächte und ein Aufruf an das christliche Deutschland“. 1915 traf er sich mit dem osmanischen Kriegsminister Enver Pascha, um ein gutes Wort für die christliche Minderheit einzulegen. Dieser bestätigte, dass die Osmanen ein Ende mit den Armeniern machen wollten. Aus dem Auswärtigen Amt hieß es hingegen, dieses traurige Bild entspreche nicht der Wirklichkeit. Der Bündnispartner habe einen Aufstand abwehren müssen. Pfarrer Lepsius schrieb 1916 einen „Bericht über die Lage des armenischen Volkes in der Türkei“. Mit Mühe fand er eine Druckerei, Buchhandlungen standen ihm nicht zur Verfügung. Deshalb verteilte er privat 20.000 Exemplare und verschickte den Bericht an alle evangelischen Superintendenten und Reichstagsabgeordneten. Auch Kanzler Hollweg erhielt die Ausführungen. Anfang August wurde das Buch von der Militärzensur verboten und offiziell beschlagnahmt. Lepsius begab sich in die Niederlande und setzte sein Engagement für die Armenier fort. Doch war auch er ein Kind seiner Zeit. Als Patriot wollte er sich nicht mit dem Vaterland überwerfen. Deshalb sei eine echte politische Opposition undenkbar gewesen, stellt Gottschlich fest. Das ändert jedoch nichts daran, dass sich der Pfarrer positiv aus der Masse derjenigen hervorhob, die den Völkermord ignorierten oder guthießen. Auch der Sanitätsoffizier und spätere Schriftsteller Armin Theophil Wegner habe als einer von wenigen deutschen Soldaten die Massaker angeprangert. Zudem lieferte er Fotos als visuelle Belege für den Genozid. Wegner fasste das gängige Verhalten gegenüber den Deportierten zusammen: „Die Türken mieden und leugneten diese Lager. Die Deutschen gingen nicht hin und taten, als wenn sie sie nicht sähen.“ Der Konsul von Aleppo, Walter Rößler, sprach von einer falschen Grundauffassung, die alle Armenier als verdächtig ansehe. Liman von Sanders war der einzige deutsche Offizier, der eine Deportation verhinderte. Des Weiteren beschreibt Gottschlich Botschafter Paul Graf Wolff Metternich zur Gracht als einzigen verantwortlichen deutschen Politiker, der einen Vorstoß für die Armenier unternahm. Der Diplomat blieb deshalb auch nicht lange im Amt. (pro) Jürgen Gottschlich: „Beihilfe zum Völkermord. Deutschlands Rolle bei der Vernichtung der Armenier“, 344 Seiten, Ch.Links, 77 s-w-Abbildungen, 19,90 Euro, ISBN 9783861538172
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