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Quo vadis, Jugendmedienschutz?

Wie kann ein wirkungsvoller Jugendmedienschutz im Internet aussehen? Sind Verbote und Filterprogramme oder Vertrauen in Eigenverantwortung und Selbstkontrolle die richtigen Maßnahmen? Darüber haben Medienwissenschaftler, Politiker und Theologen bei der sechsten Jugendmedienschutztagung "Quo Vadis, Jugendmedienschutz?" diskutiert. ARD, ZDF sowie die beiden Kirchen hatten zu der zweitägigen Veranstaltung eingeladen.
Von PRO

Foto: pro / ZDF / Kerstn Bämsch

Jugendmedienschutz wird im Offlinebereich immer stärker geregelt, während er im Internet nahezu brach liegt. So fasste der Präsident der Bundeszentrale für politische Bildung, Thomas Krüger, die Situation zusammen.

Nachdem im Dezember letzten Jahres die Novellierung des Jugendmedienschutz-Staatsvertrages gescheitert ist, hält der Streit um geeignete Maßnahmen zum Schutz Heranwachsender an. Die Positionen bewegen sich zwischen der Forderung nach Kontrolle und Regelung seitens der Politik auf der einen und dem Grundrecht auf informationelle Selbstbestimmung auf der anderen Seite. Ab wann kann man von digitalen Mündigkeit im Netz sprechen und inwiefern lässt sich den demokratischen Strukturen der Internetgemeinschaft vertrauen? Viele Fragen tauchten auf im Konferenzzentrum des ZDF. Nicht alle wurden beantwortet.

Der katholische Bischof Gebhardt Fürst bewertete das bestehende Jugendmedienschutz-System als zu  kompliziert: Immer mehr Institutionen träfen Entscheidungen nach unterschiedlichen Verfahren. "Bei allen diskutierten Verbesserungen muss oberster Grundsatz sein, das System nicht noch komplizierter zu machen." Bewertungskriterien sollten für Eltern nachvollziehbar und transparent sein.

ZDF-Intendant Markus Schächter sprach sich für eine Beteiligung aller gesellschaftlichen Gruppen am dringend notwendigen Dialog über die Zukunft des Jugendmedienschutzes aus. Blogger, Netzaktivisten und Communities müssten einbezogen werden, um möglichst alle Positionen in einem großen Konsens zu berücksichtigen.

Internet nicht mit Mitteln des Rundfunks regulieren

Viel Zustimmung bekam Murad Erdemir von der Hessischen Landesanstalt für privaten Rundfunk und neue Medien (LPR) für seine Forderung nach einem "aufgeräumten Internet" mit klaren und einfachen Regeln. Der Jurist sieht große Chancen in der Selbstregulation einer kritischen Internetgemeinschaft. Diese könnte eine ethische Instanz sein und großen Einfluss auf Inhalte nehmen. Objektive Community Manager könnten die kommunikationsbezogenen Gefahren in Angeboten des Web 2.0 eindämmen. Der gesetzliche Jugendmedienschutz müsse "deutlich stärker als bisher auf präventive Modelle" setzen.

Für die Rolle der Kirchen stellte der neue Landesbischof der Evangelisch-Lutherischen Kirche in Bayern, Heinrich Bedford-Strohm, fest: „Es liegt an den Kirchen selbst, wie sehr sie sich auf das einlassen, was im Netz passiert und sich auf die supertollen Dinge einlassen, die es bietet.“

Gleichzeitig gelte es die Risiken und Gefahren zu sehen, gerade in Bezug auf pornographische Inhalte. Kirche habe die Aufgabe, Sexualität nicht abzuwerten, sondern sie als Gabe Gottes zu sehen. Die bisher ergriffenen politischen Maßnahmen gehen aus Bedford-Strohms Sicht in die richtige Richtung: "Aber der gesellschaftspolitische Aspekt muss noch viel stärker mitgedacht werden. Wir sind gerade dabei, Menschen auszuschließen, die keine gerechte Teilhabe an diesen gesellschaftlichen Prozessen haben", bilanziert der 51-Jährige.

Einig waren sich die meisten Redner, dass sich das Internet nicht mit den Mitteln des Rundfunks regulieren lässt und die bestehenden Altersklassifizierungen für Angebote im Netz nicht tauglich sind. Man müsse Minderjährige einerseits zu Selbstschutz befähigen, aber auch ungewollte Konfrontation mit verstörenden Inhalten im Netz verhindern. Jugendmedienschutz im Netz sei auch ein Risikomanagement, denn: "Ein sauberes Netz werden wir nicht bekommen. Das hört spätestens an der deutschen Grenze auf", mahnte der Rechtsanwalt Marko Dörre.

"Fähigkeit zum Risikomanagement stärken"

"Internet ist keine Fortentwicklung des Rundfunks. Man muss beide Bereiche durch unterschiedliche Brillen betrachten", betonte Gunnar Folke Schuppert, Staats- und Verwaltungswissenschaftler an der Humboldt-Universität in Berlin. Er stellte die Frage, welches Leitbild von Jugendschutz in der digitalen Gesellschaft bei Überlegungen zugrunde gelegt wird. "Von der Überlegung, welches Schutzniveau wir anstreben, hängen die Instrumente ab."

Medienkompetenz allein genüge nicht, ebenso reichten nur technische Instrumente nicht aus – auch in diesem Punkt waren sich fast alle Experten einig. Medienerziehung und technische Jugendschutzinstrumente müssten aber miteinander verwoben werden. "Jüngere Kinder könnten durch sichere Surfräume und bewahrende Schutzprogramme vor beeinträchtigenden Inhalten geschützt werden. Mit zunehmendem Alter der Jugendlichen sollte deren Fähigkeit zum Umgang mit Risiken und ungeeigneten Inhalten gefördert werden", so Thomas Krüger.

Wo bekommen Kinder Medienkompetenz?

Hannah Pilarczyk, Redakteurin bei "Spiegel Online", will die Medienkompetenz der Eltern viel stärker in den Vordergrund stellen und fördern. Dies unterstrich auch Petra Kain, Jugendkoordinatorin des Polizeipräsidiums Westhessen. In Vorträgen stelle sie immer wieder fest, dass Eltern "völlig überrascht seien, was es im Internet alles gibt", vor allem Mütter wüssten zu wenig. Die Jugendkoordinatorin hat in Schulklassen positive Erfahrungen gemacht: "Man muss Jugendliche kompetent machen durch Information und Gespräch – alleine schaffen sie es nicht."

Die Medienwissenschaftlerin Barbara Thomaß von der Universität Bochum sprach sich gegen ein Unterrichtsfach Medienerziehung aus. Medienkompetenz sei eine Querschnittsaufgabe: "Medien durchdringen das Leben so stark, dass eine kritische Reflexion in allen Unterrichtsfächern stattfinden sollte." Es sei eine politische Entscheidung, Medienkompetenz zu einem Bestandteil des Lehrplans zu machen.

Eltern wünschen sich Entlastung

Uwe Hasebrink, Vorsitzender des Hans-Bredow-Instituts an der Universität Hamburg, wies darauf hin, dass Eltern um die Bedeutung der Medienkompetenz bei Kindern wissen, sich aber laut der aktuellen Jugendmedienschutzstudie mehr technische Schutzmöglichkeiten im Internet wünschen. Einfach zu bedienende Jugendschutzprogramme könnten Eltern Entlastung geben.

Der Entwicklungsredakteur Stefan Schellenberg stellte die Software "JusProg" vor, die als erstes Jugendschutzprogramm von der Kommission für Jugendmedienschutz (KJM) anerkannt wurde. "JusProg" wird durch Unternehmen, Verlage und Spielehersteller, aber auch Erotik- und Pornoanbieter finanziert. Außerdem hat die KJM das Jugendschutzprogramm der Telekom positiv bewertet. Allerdings ergab die Jugendmedienschutzstudie des ZDF, dass derartige Angebote bei Eltern kaum bekannt sind. Hier besteht eindeutig noch Handlungsbedarf. (pro)

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