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Querdenker-Demos: Wenn das Kreuz missbraucht wird

Am 18. November haben „Querdenker“ in Berlin erneut gegen Corona-Maßnahmen demonstriert. Eine von ihnen hielt dabei ein Kreuz in die Höhe. Aus den Beauftragtenbüros der Vereinigung Evangelischer Freikirchen (VEF), der Deutschen Evangelischen Allianz (DEA) und der Evangelischen Kirche in Deutschland (EKD) verlautet nun Kritik gegen den Missbrauch des Kreuzes zu politischen Zwecken. Ein Gastkommentar von Konstantin von Abendroth, Uwe Heimowski und Joachim Ochel
Von PRO
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Eine Frau demonstriert am 18. November in Berlin mit einem Kruzifix gegen das Infektionsschutzgesetz

Foto: pro/Martin Schlorke

Eine Frau demonstriert am 18. November in Berlin mit einem Kruzifix gegen das Infektionsschutzgesetz

Das Kreuz geht viral. Es sind Bilder, die uns als Christen aufrütteln. Aufgenommen bei der Demonstration der Querdenker-Bewegung am 18. November in Berlin. Vor allem ein Bild prägt sich ein: Eine junge Frau hält Polizisten ein großes Kreuz mit einem Kruzifix entgegen. Sie tragen Helme und schwere Anzüge. Das Bild hält den Gesichtsausdruck der Demonstrantin fest. Er ist angespannt, geradezu beschwörend. Und dann dieselbe Demonstrantin, ein paar Stunden später fotografiert: pitschnass vom Regen der Wasserwerfer schmiegt sie sich an dieses Kreuz, als ob ihr der Gekreuzigte ganz nahe ist an diesem Ort und bei ihrem Tun. Ein fast zärtliches Bild. Und zugleich ein Ausdruck tiefer Verunsicherung. Was verstört uns an diesen Bildern und ihrer Doppeldeutigkeit?

Es sind die Assoziationen, die sie wachrufen. Zuerst: „In diesem Zeichen wirst du siegen.“ Die kriegerische Vision eines Kreuzes, die Konstantin der Große im Jahr 312 in der Nacht vor der Schlacht an der Milvischen Brücke hatte und die den Siegeszug des Christentums als Staatsreligion im Abendland einleitete und damit unzählige unselige Verquickungen von Thron und Altar möglich machte. Sodann: Die Kreuzeszeichen, die den Kreuzfahrern in der Schulterpartie auf ihre Kleidung genäht wurden, nachdem sie den Kreuzfahrereid geschworen hatten. Damit sollte für alle sichtbar gezeigt werden: Mein Tun, ja selbst mein Morden geschieht in der Nachfolge Jesu Christi, erfolgt im Sinne von: „Nehmt auf euch mein Joch!“ Und schließlich ein wiederkehrendes mediales Motiv: Das beschwörende Zeigen eines Kreuzes als Symbolhandlung bei einem Exorzismus zur Befreiung vom Bösen.

Ob diese Assoziationen den Absichten der Demonstrantin entsprechen und die Intentionen derer wiedergeben, die sich hinter ihr versammeln? Wir wissen es nicht. Aber denkbar ist es, denn sie fügen sich in ein Bild, das man von manchen Christen gewinnen muss, die sich in solcher Weise an Demonstrationen gegen die Corona-Maßnahmen beteiligen: Im Namen des christlichen Glaubens treten diese gegen die als diktatorisch verunglimpfte Staatsmacht an und scheuen dabei nicht den Schulterschluss mit Extremisten, die nichts anderes im Sinn haben, als den demokratischen Rechtsstaat zu verhöhnen und zu zerstören.

Man findet diese Verächter der Demokratie nicht mehr nur vor dem Reichstag, sondern einige sitzen in bürgerlichem Gewand auch darinnen. Und dann: Unter dem Zeichen des Kreuzes schlagen sie die Vorschriften in den Wind, leugnen oder wähnen sich geschützt vor einem Virus, das weltweit bereits Hunderttausende Tote gefordert hat. In vermeintlicher Kreuzesnachfolge handeln sie gegen jede Vernunft und breite wissenschaftliche Erkenntnisse bewusst verantwortungslos – sich selbst gegenüber und vielen anderen gegenüber auch. Das alles geschieht, während Ärztinnen und Pfleger auf den Intensivstationen an ihre Grenzen stoßen und unser Staat mit allen Mitteln um die Gefährdetsten der Gesellschaft kämpft, von den weltweiten Folgen der Pandemie und dem Anstieg extremer Armut ganz zu schweigen. Es macht uns fassungslos. Denn gerade wer auf ein Leben nach dem Tod vertraut, trägt umso mehr die Verantwortung, sich für das Leben der Mitmenschen einzusetzen.

Als Christen möchten wir dieser Demonstrantin zurufen: „Lass nicht los, lehne dich ans Kreuz, finde Ruhe für deine aufgescheuchte Seele. Doch missbrauche es nicht.“

Kämpfen wir als Christen doch nicht mit dem Kreuz gegen einen Staat, der seinem Verfassungsauftrag nachkommt, Menschenleben zu schützen und bestmöglich für unsere gesundheitliche Unversehrtheit zu sorgen. Sondern kämpfen wir mit Argumenten für bestmögliche Problemlösungen. Als Christen haben wir in unserem Staat die Freiheit dazu.

Lasst uns also den richtigen Kampf kämpfen: Die Auseinandersetzung um die besten Argumente, das ist der Kern unserer Demokratie und der Sinn einer repräsentativen Verfassung. Abgeordnete sind dazu gewählt, alle Argumente zu hören und viele Perspektiven wahrzunehmen, sie zu verarbeiten und mit den Einsichten anderer abzugleichen, damit im Namen aller das Bestmögliche für alle getan wird.

Diskutieren wir leidenschaftlich, vertreten unsere Meinung, demonstrieren wir auf verantwortungsvolle Weise. Aber wem das Kreuz etwas bedeutet, der missbrauche es nicht und verbrüdere sich nicht mit Extremisten. Denn am Ende ist es noch immer so gewesen: Sie spannen dich vor den Karren, verhöhnen dann die Christen und verspotten das Kreuz unseres Herrn Jesus Christus.

Von: Konstantin von Abendroth, Beauftragter der Vereinigung Evangelischer Freikirchen e.V. am Sitz der Bundesregierung/Uwe Heimowski, Beauftragter der Deutschen Evangelischen Allianz e.V. am Deutschen Bundestag und am Sitz der Bundesregierung/Joachim Ochel, Theologischer Referent beim Bevollmächtigten des Rates der Evangelischen Kirche in Deutschland bei der Bundesrepublik Deutschland und der EU

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