Poschardt: „Die Kirchen haben sich verrannt“

Der Publizist Ulf Poschardt beklagt eine „transzendentale Obdachlosigkeit“ – an der auch Kirchen schuld seien. Im PRO-Podcast „Glaube. Macht. Politik.“ erklärt er, was ihn an Predigten stört, und warum Christen als „Fightbürger“ protestieren sollten.
Von Nicolai Franz
Grußwort auf dem Empfang zum Neujahrsfest Rosch Haschana der Jüdischen Gemeinde Chabad Berlin

Der Journalist und Publizist Ulf Poschardt hat im PRO-Podcast „Glaube. Macht. Politik.“ scharfe Kritik an den beiden großen Kirchen in Deutschland geübt. Predigten dürften nicht klingen „wie ein Leitartikel, früher vielleicht wie im ‚Bayern-Kurier‘, heute eher wie in der ‚Frankfurter Rundschau‘ oder der ‚Taz‘“, sagte Poschardt im Gespräch mit PRO-Redaktionsleiter Digital Nicolai Franz. Es gebe eine „transzendentale Obdachlosigkeit“ und eine große Sehnsucht nach Spiritualität – bei Protestanten „im Sinne der Schrift“, im Katholizismus „im Sinne dieser Kirche und der Tradition“. Sein Fazit: „Da haben sich die Kirchen verrannt und verraten in den vergangenen Jahren.“

Seinen eigenen Glauben beschrieb Poschardt als Prägung aus dem Elternhaus und der evangelisch-methodistischen Kirche (EMK). Er sei in der methodistischen Kirche groß und eingesegnet worden, er habe eine Jugendleiterausbildung bei der EMK absolviert und seinen Zivildienst in einer EMK-Einrichtung in Hamburg-Wilhelmsburg geleistet, sagte er. Die methodistische Jugendarbeit sei damals stark friedensbewegt und „protogrünes Milieu“ gewesen, aus dem ein Teil später zu Evangelikalen und Pfingstlern abgewandert sei.

Heute gehe er eher selten in die Kirche, interessiere sich aber „grundsätzlich für die Positionierung der Kirchen“, lese viel und sei „gerne mit Theologen im Gespräch“. Dogmatisch sei er dabei nicht: „Mir ist es vollkommen fern, irgendeine Form von Dogmatik zu haben.“ Kritisch äußerte er sich zur Reformidee des Zweiten Vatikanischen Konzils und zu deren Folgen für die katholische Kirche. Die evangelische Kirche kritisierte Poschardt für eine seiner Ansicht nach zu einseitige politische Positionierung.

Poschardt, der aus einem linken Umfeld stammt, sagt zu seiner eigenen Wandlung, sein „radikales Misstrauen“ gegenüber Politik, Gesellschaft, Kultur und Medien sei in der Corona-Zeit entstanden. Er habe es nicht für möglich gehalten, dass es in Deutschland ein „Lockdown-Regime gegen die Freiheitsrechte des Einzelnen“ geben könne. Auch die Migrationspolitik Deutschlands und wachsender Antisemitismus im Land hätten ihn geprägt: Multikulturelle „Naivität“ habe Integration eher verhindert als gefördert, so Poschardt, und die Kirchen hätten sich 2015 „weitestgehend komplett blamiert“.

Shitbürger, Bückbürger, Fightbürger

Poschardt beschrieb im Gespräch die Grundidee seiner Bücher-Trilogie. Sein erstes Buch „Shitbürgertum“ erzählt aus seiner Sicht die Kulturgeschichte einer nach 1945 entstandenen linksliberalen Deutungshoheit von der sogenannten „Gruppe 47“ bis zur „Brandmauer“ gegen die AfD, wie er im Podcast erklärt. Sein zweites Buch „Bückbürgertum“ richtet sich dagegen an das bürgerliche Milieu selbst, das diesem Kulturkampf seiner Ansicht nach nichts entgegengesetzt habe. Ein drittes Buch mit dem Titel „Fightbürgertum“ ist nach Angaben Poschardts bereits in Arbeit.

Die AfD und andere Populisten ordnete Poschardt in diesem Rahmen als Reaktion ein: „Ich glaube, die neue Rechte ist das Ergebnis von Shit- und Bückbürgertum.“

Ulf Poschardt: Bückbürgertum. Westend Verlag, Neu-Isenburg 2026, 352 Seiten, gebunden, 27 Euro, ISBN 978-3-98791-370-9.

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