Thomas Rachel (CDU) ist Parlamentarischer Staatssekretär bei der Bundesministerin für Bildung und Forschung und Bundesvorsitzender des Evangelischen Arbeitskreises der CDU/CSU

Thomas Rachel (CDU) ist Parlamentarischer Staatssekretär bei der Bundesministerin für Bildung und Forschung und Bundesvorsitzender des Evangelischen Arbeitskreises der CDU/CSU

Thomas Rachel: „Das ‚C‘ hat versöhnenden Charakter“

Das „C“ im Kürzel des Parteinamens ist für CDU-Politiker Thomas Rachel das Wesensmerkmal seiner Partei. Im Interview erklärt der Vorsitzende des Evangelischen Arbeitskreises der CDU/CSU, warum er in der Gründung der Partei vor 75 Jahren ein „revolutionäres Projekt“ sieht. Nachholbedarf der CDU sieht der Unionspolitiker vor allem in den Sozialen Medien.

pro: Herr Rachel, vor 75 Jahren wurde die CDU gegründet. War es richtig, das „C“ mit in den Namen und das Kürzel zu packen?

Thomas Rachel: Die CDU-Gründung vor 75 Jahren war geradezu ein revolutionäres Projekt. Denn unmittelbar nach dem Zweiten Weltkrieg und bereits drei Jahre vor der Gründung des Ökumenischen Rats der Kirchen 1948 gab es mit der Gründung der CDU die erste interkonfessionelle politische Zusammenarbeit zwischen Katholiken und Protestanten. Die Grundidee einer „Christlich Demokratischen Union“ – und das „C" als Klammer – ist in den Konzentrationslagern, in den Gefängnissen entstanden, von Menschen, die im Nationalsozialismus brutal unterdrückt wurden. Sie hatten die Erfahrung gemacht, dass einer der vielen Gründe für das Erstarken der Nationalsozialisten war, dass die Demokraten aus unterschiedlichen konfessionellen Hintergründen sich in dieser Zeit getrennt engagiert hatten. Der Grundimpuls nach der moralischen Katastrophe des Nationalsozialismus war, ganz bewusst den Menschen als Geschöpf Gottes in den Mittelpunkt zu stellen, der in seiner Einzigartigkeit und Würde anerkannt wird. Das macht den Identitätskern der CDU aus. Auch der dritte Buchstabe, das „U“ für Union, ist wichtig, weil damit der Volksparteiencharakter deutlich ist: Die Union der unterschiedlichen Konfessionen, aber auch der unterschiedlichen sozialen Hintergründe.

Grenzt man mit dem „C“ nicht andere Glaubensüberzeugungen aus?

Hinter dem „C“ steht ein versöhnender, brückenbauender Charakter, der Menschen mit unterschiedlichen Auffassungen und Lebenshintergründen zusammenführen will. Die CDU und auch die CSU sind keine Konfessionsparteien. Beide bekennen sich zu einer lebendigen christlichen Wertegrundlage: Das christliche Menschenbild ist die Grundlage, der Kompass und die gelebte Wertvorstellung, anhand der wir politische Fragen diskutieren, entwickeln und dann auch versuchen, verantwortliche Entscheidungen zu treffen. Um das zu bejahen, muss man nicht zwingend Christ sein.

Ist die CDU für andere Glaubensüberzeugungen interessant?

Wir stellen in vielen Gesprächen fest: Weil wir ein klares Wertegerüst haben, ist die CDU auch für Menschen anderer religiöser Überzeugungen interessant, wenn sie die grundlegenden Werteentscheidungen teilen. Das bemerken Sie beispielsweise bei der Familienpolitik, oder den Diskussionen zum Anfang und zum Ende des Lebens. Bei Themen wie Sterbehilfe und Organspende hilft ein klares Wertegerüst.

Sie sind Vorsitzender des Evangelischen Arbeitskreises in einer christlich geprägten Partei. Warum braucht es die Engführung auf das Evangelische hin?

Das hat nichts mit Engführung zu tun, sondern mit Identität. Die jeweiligen Konfessionen und Kirchen sind auf ihre je eigene Art und Weise Heimat und Bezugspunkt für die Menschen. Auch das Gesamtverständnis von Kirche ist im Protestantismus ein anderes als in der Katholischen Kirche. In der Gründungsphase der CDU kamen viele aus dem „Zentrum“, der früheren katholischen Partei. Das hat sich in den vergangenen Jahrzehnten natürlich etwas verändert, auch durch die neuen Bundesländer, die hinzugekommen sind. Trotzdem ist der Anteil der Protestanten immer noch eine Minderheit in der CDU. Deshalb war und ist es richtig und wichtig, dass die Partei den Themen, die uns als Protestanten bewegen, einen eigenen Raum gibt. Der Evangelische Arbeitskreis der CDU/CSU ist insofern eine Brücke in die Kirche und aus der Kirche in die Union hinein.

Bei den Grünen liegt der Altersdurchschnitt bei 49 Jahren, bei der CDU liegt er um die 60. Was könnte aus Ihrer Sicht die CDU für junge, politikinteressierte, ökologisch-denkende, sozial-verantwortliche Menschen attraktiv machen?

Glücklicherweise ist es so, dass wir auch guten Zulauf bei ganz Jungen haben. Aber wahr ist natürlich, dass in den vergangenen Jahrzehnten viele Mitglieder altersbedingt ausgeschieden sind. Die demografische Herausforderung ist ganz klar da. Die CDU hat sich programmatisch weiterentwickelt, und das muss sie auch in Zukunft, indem sie Themen wie die Frage des Klimaschutzes oder der Generationengerechtigkeit weiter in den Blick nimmt. Auch das Engagement für Menschenrechte. Ich denke, wir haben Themen, wo wir gemeinsam mit vielen jungen Menschen unterwegs sind.

Manche ehemaligen Wähler der CDU werfen der Partei vor, dass sie zurzeit weder konservativ, noch christlich ist, und haben sich nach rechts verabschiedet. Was sagen Sie diesen Kritikern?

Dass das „C“ in unserem Namen eine glasklare Abgrenzung nach Rechtsaußen ist. Ausgrenzungen von Menschengruppen akzeptieren wir nicht, genauso wenig wie eine völkische Überheblichkeit. Wer sich insofern politisch nach Rechtsaußen entwickelt hat, der findet in der Union keine Heimat. Dann muss man auch über konkrete Themen sprechen. Es gibt Kritiker, die sagen: Ich habe eine konservative Position, deswegen bin ich für Atomkraft. Das ist eine inhaltliche Frage, wo es Dissens gibt. Damit muss man in einer demokratischen, offenen Partei – wie auch in der Gesellschaft – dann leben.

Was hat nach Ihrer Einschätzung die CDU anderen Parteien voraus, wo hängt sie anderen Parteien hinterher?

Ich glaube, dass andere Parteien sehr viel agiler und schneller unterwegs sind in den digitalen und Sozialen Medien. Die haben in dem Bereich ganz andere Kampagnenfähigkeiten. Wir haben da erheblich Nachholbedarf und müssen daran arbeiten.

Was wir anderen Parteien voraushaben, ist gleichzeitig eine Herausforderung. Wir sind Volkspartei, und als solche haben wir den Anspruch, nicht nur für einzelne Gruppen in der Bevölkerung Einzelinteressenpolitik zu machen. Wenn Sie in einer anderen Partei sind, die vielleicht zehn, acht, 14 Prozent der Wähler vertritt, dann können Sie eine Politik machen, die auf bestimmte Wählerinteressen ausschließlich abhebt, und damit in gewisser Weise sehr erfolgreich sein. Aber unser Grundgedanke als Union ist es, bereits in der Partei als Volkspartei Meinungsbildungs- und Kompromissfindungsprozesse durchzuführen, wo man nicht die eine Position durchsetzt, die vielleicht medial interessant ist, weil sie so knallhart und profiliert ist, sondern wo wir versuchen, zu verantwortlichen Lösungen zu kommen. Wo sie Arbeitnehmer, Lehrer, Landwirte, Wissenschaftler, Beamte beisammen haben, ist es sehr viel schwieriger, zu Mehrheitspositionen zu kommen. Es ist mühsamer. Aber ich finde, das ist gerade in dieser Zeit, wo die Gesellschaft immer mehr auseinanderdriftet und die individuellen Interessen in den Vordergrund rücken, umso wichtiger.

Konrad Adenauer spielt in der Parteigeschichte noch immer eine zentrale Rolle. Auch Helmut Kohl, seine Kanzlerschaft, aber auch die Spendenaffäre. Wie wird Angela Merkel als Parteivorsitzende, als Kanzlerin irgendwann der CDU in Erinnerung bleiben?

Die Frage ist natürlich zu früh, um sie zu beantworten. Denn die wird sich frühestens Ende 2021 stellen. Ich glaube, die CDU hat bisher das große Glück gehabt, interessante und starke Persönlichkeiten sowohl als Vorsitzende wie auch als Bundeskanzler zu stellen, die in entscheidenden, oft sehr schwierigen historischen Situationen das Land geführt und es auch aus Krisen herausgeführt haben. Das war bei Konrad Adenauer so, das ist bei Helmut Kohl so gewesen, und das ist auch bei Angela Merkel der Fall. Die Kanzlerin hat ein sehr hohes Renommee, nicht nur in den europäischen Nachbarstaaten, in der Europäischen Union insgesamt, sondern weltweit. Die letzten 14 Jahre waren ausgesprochen gute Jahre für Deutschland, mit einer positiven wirtschaftlichen und sozialen Entwicklung und Stabilität in einer unruhigen Welt. Angela Merkel hat die Geschicke der Bundesrepublik in einer Art und Weise geführt, die Respekt gegenüber anderen Ländern deutlich gemacht hat; ihre politischen Grundlinien hat sie dabei immer am Gemeinwohl der Menschen orientiert und entwickelt. Das geht von Fragen, wie die Europäische Union zusammenwächst, über die Frage einer neuen Verantwortung gegenüber Afrika bis zum Klimaschutz.

Was empfinden Sie anlässlich des Geburtstages und stoßen Sie mit Sekt oder mit Kölsch an?

(**lacht***) Ich würde ein Kölsch nehmen. Zum Geburtstag habe ich ein Gefühl der Dankbarkeit und freue mich auf Neues, was wir gemeinsam als Christdemokraten anpacken werden.

Vielen Dank für das Gespräch!

Die Fragen stellte Norbert Schäfer

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