Thüringens Ministerpräsident Bodo Ramelow 2014 in der Staatskanzlei

Thüringens Ministerpräsident Bodo Ramelow 2014 in der Staatskanzlei

„Vergeben kann nur, wer das Leid erlebt“

Thüringens Ministerpräsident Bodo Ramelow hat bei der Landtagswahl am Sonntag ein Rekordergebnis für die Linke eingefahren. pro sprach schon 2014 mit dem evangelischen Christen – und veröffentlicht das Gespräch aus gegebenem Anlass erneut.

pro: Herr Ramelow, wir haben Ihnen ein Geschenk mitgebracht, das Sie vielleicht an etwas erinnert. Kleiner Hinweis: pro sitzt in Wetzlar, und Gießen ist nicht weit entfernt davon.

Bodo Ramelow: (entfernt das Geschenkpapier) Ah! Das ist eine schöne Geste. Auf meinem Schreibtisch liegt die Einheitsbibel. Jetzt bekomme ich von Ihnen die Luther-Übersetzung in der aktuellen Fassung – und das Ganze laut Etikett von Karstadt Gießen: Da habe ich meine Ausbildung zum Lebensmittelkaufmann begonnen. Eine wirklich nette Geste, vielen Dank!

Sie haben schon Predigten in Kirchen gehalten und bekennen sich als Linker zu christlichen Werten. Sieht man Sie auch bei den Andachten im Thüringer Landtag?

Im Landtag bin ich seit 1999 bei den Andachten dabei. Wenn Sie da die Kollegen und die Vertreter der Kirchen befragen, würden die wahrscheinlich sagen: Der zählt zu den häufigsten Andachtsbesuchern.

Als Ministerpräsident hat man bestimmt weniger Zeit dazu.

Terminlich wird es komplexer. Aber auch meine Amtsvorgängerin Christine Lieberknecht ist gekommen. Sie und ich haben uns regelmäßig in der Andacht getroffen, donnerstags vor der Parlamentssitzung. In dem Jahr, als ich Fraktionsvorsitzender wurde, war das für meine Fraktion ein neues Erlebnis. Die Stunde vor den Plenarsitzungen wird eigentlich für letzte Absprachen genutzt. Irgendwann hatten alle verstanden: Am Plenumsdonnerstag muss man nicht nach mir suchen, denn es ist klar, wo ich bin: in der Andacht.

Was bedeutet der Glaube an Jesus Christus für Sie?

Jesus Christus ist Gottes Sohn, der die Versöhnung zwischen Gott und den Menschen ausdrückt. Ich sehe das aber eher im übertragenen Sinne. Gott ist für mich der Glaube an die Weisheit und eine Sicht jenseits der Dinge, die wir uns als Menschen vorstellen. Wichtig ist die Geschichte, die erzählt wird, die die Dreifaltigkeit zusammenfasst: Geist, Gott und Gottes Sohn, und der baut die Brücke zwischen Gott und den Menschen. Das ist das Wertvolle in unserem Glauben. Einer meiner Söhne hatte Leukämie – er hat die Krankheit überstanden. Mein anderer Sohn hatte ebenfalls Krebs – auch er hat den Krebs besiegt. Ich stand am Bett meiner Kinder und dachte: Es darf nicht sein, dass deine Kinder vor dir gehen. Ich konnte diese Situationen auch wegen meines Glaubens aushalten, der mir in meinem Leben eine beständige Hoffnung gibt.

Hoffnung worauf? Auf Heilung? Ewiges Leben?

Nein, nein, nein. Ich habe solche materiellen Hoffnungen überhaupt nicht. Als Christen hoffen wir, dass wir auch nach dem Sterben noch da sind. Wo wir dann sind, interessiert mich überhaupt nicht. Ich glaube auch nicht, dass es eine Hölle gibt. Es interessiert mich nicht, ob ich an eine Tür klopfen werde, und Petrus macht auf und sagt: Oh, der rote Ramelow steht vor der Tür. Meine unerschütterliche Hoffnung ist: Unser Leben ist kein rein materielles Leben, sondern auch ein geistliches Wirken.

Sie haben der Frankfurter Allgemeinen Sonntagszeitung 2006 gesagt: „Meine sozialistische Vision leite ich aus dem Alten Testament ab, angereichert durch das Neue Testament, nicht vom Leninismus.“ Gibt es in der Bibel wirklich sozialistische Ansichten?

Laut dem Alten Testament sollten die Menschen ihre Felder nur einmal abernten, die Nachlese sollte immer den Armen gehören. Regelmäßig alle sieben Jahre sollten die Rückzahlungsverpflichtungen aus Krediten reduziert werden. Nach 49 Jahren sollte die Schuld sogar gänzlich gestrichen sein. Damit sollte keine Schuldsklaverei ermöglicht werden. Das ist doch eine unglaubliche Botschaft! Paulus entwickelte das weiter, indem er die Gemeinden immer wieder mahnte: Tut nichts aus Eigennutz, sondern um der Gemeinschaft willen. Das ist super-modern, wie das Beispiel des derzeitigen Papstes zeigt. Ich kenne keinen größeren Kapitalismuskritiker als Franziskus. Kein Politiker formuliert grundethische Anliegen so stark wie er – und er begründet es aus unserem Glauben.

Sie sind der erste Ministerpräsident der Linken überhaupt. Können Sie die Vorbehalte vieler Menschen gegenüber einer von Linken geführten Landesregierung verstehen?

Die Linkspartei ist unter anderem aus der SED entstanden, der Staatspartei der untergegangenen DDR. Wer da Skepsis hat, hat sie berechtigt. Er will wissen, ob sich das Unrecht und die Menschenrechtsverletzungen in der DDR heute wiederholen werden. Vor wenigen Tagen habe ich mich mit der Organisation der zwangsadoptierten Kinder in der DDR getroffen. Da habe ich viel Bitternis erfahren von Eltern, die jahrzehntelang ihre Kinder suchten und von allen Behörden an der Nase herumgeführt wurden. Darum müssen wir uns kümmern. Bei meiner Antrittsrede habe ich einen Freund, der viele Jahre im Stasi-Knast saß und fast totgeschlagen wurde, um Entschuldigung gebeten.

Andreas Möller, späterer Reporter der Bild-Zeitung.

Ja. Erst durch seine Freundschaft erfuhr ich mehr vom Unrecht der DDR. Das war für mich eine wichtige Bedingung, um dieses Amt mit meinem Parteibuch überhaupt ausfüllen zu können. Vor diesem Teil der Verantwortung darf sich meine Partei nicht drücken.

Wie begegnen Sie Christen, die unter dem SED-Regime besonders gelitten haben?

Der Machtapparat der DDR hat Christen Anpassungszwänge abverlangt, Stasi-Spitzel wurden in die Kirchen eingeschleust. Als ich 1999 für die PDS kandidiert habe, saß ich am nächsten Sonntag alleine auf meiner Kirchenbank. Die anderen Gemeindemitglieder hatten kein Verständnis dafür, dass ich als Westdeutscher zu dieser Partei gehören wollte. Es gibt dieses Leid, aber es gibt auch Versöhnung. Wenn mir jemand erzählt hätte, dass ich zusammen mit Altpropst Heino Falcke, der bei Karl Barth studierte und später einer der bedeutendsten kirchlichen Mahner in der DDR wurde, im Jahr 1997 im Augustinerkloster die Erfurter Erklärung (Aufruf zur Ablösung der Kohl-Politik, d. Red.) schreiben würde, den hätte ich für verrückt erklärt. Dabei hätte Heino Falcke allen Grund gehabt, mit meiner Partei nicht sonderlich fröhlich umzugehen. Seine Stasi-Akten würden das ganze Büro hier füllen. Versöhnen und vergeben kann nur, wer das Leid erlebt hat. Niemals der, der das Leid verantworten muss.

Mehrere Linken-Abgeordnete waren früher in der SED, teils mit aktiver Mitarbeit. Wie soll es da Versöhnung geben?

Versöhnung ist das, was uns Christen stark macht. Aber das setzt voraus, dass man innerlich akzeptieren kann, dass das, was man durchlitten hat, abgeschlossen ist. Häufig gehört dazu das Bekenntnis desjenigen, der das Leid ausgelöst hat. Der Landtag ist gefüllt mit DDR-Biografien. Es gibt auch ein ehemaliges SED-Mitglied in der CDU-Fraktion. Die formale Mitgliedschaft sagt noch nicht viel aus.

„Wer ein Kreuz schwarz-rot-gold anmalt, missbraucht den Glauben“

Ex-Bundespräsident Wulff musste wegen einer Korruptionsaffäre zurücktreten, die mit einem Freispruch endete. Gleichzeitig gibt es mit Frank Kuschel und Ina Leukefeld in Ihrer Fraktion zwei Abgeordnete, die direkt oder indirekt für die Stasi gearbeitet haben. Herr Kuschel wurde sogar von der Stasi-Kommission des Landtags für „unwürdig, dem Parlament anzugehören“, erklärt. Wie passt das zusammen?

Christian Wulff war nie mein Freund, aber die Kampagne der Bild-Zeitung war ein schwerer Eingriff in unsere Freiheiten. Zu den Abgeordneten: Beiden war es immer wichtig, dass alle Sachverhalte umfassend bekannt gemacht werden. Herr Kuschel und Frau Leukefeld sind immer offen mit ihrer Vergangenheit umgegangen. Die Bedingung meiner Partei war immer, dass nur für ein Mandat kandidieren kann, wer seine ganze politische Verantwortung offen auf den Tisch legt.

Dann ist Aufarbeitung für Sie dasselbe wie Information?

Das eine setzt das andere voraus, deshalb gibt es dafür ja die Stasi-Unterlagenbehörde, die Informationen so aufbereitet, dass man die Wirkmethode des Machtapparats begreift. Ich habe einmal einen Mitarbeiter entlassen, der einen Soldaten denunziert hatte. Er hatte dessen Spind geöffnet, darin war eine Kerze mit einem Kreuz drauf. Dieser geschützte Raum war für den Soldaten sehr wichtig, trotzdem hat mein Mitarbeiter ihn verraten. Als ich diese Akte gesehen habe, habe ich ihn fristlos entlassen. Er hatte gelogen.

Warum distanziert sich die Linke nicht von Abgeordneten, die eine einschlägige Stasi-Vergangenheit haben?

Frau Leukefeld ist in ihrem Wahlkreise dreimal direkt gewählt worden – mit ihrer Verantwortung und wegen ihrer Geradlinigkeit, mit der sie offen über ihre Schuld spricht. Die Wählerinnen und Wähler haben im Wissen um ihre Biografie entschieden. Und jetzt sagen Sie, ich solle mich distanzieren? Das ist nicht mein Demokratieverständnis.

Gutes Stichwort. Auf Bundesebene der Linkspartei gab es antisemitische Äußerungen. Der Fraktionsvorsitzende Gregor Gysi wurde sogar bis auf die Toilette verfolgt. Welches Demokratieverständnis hat die Linke, wenn sie solche Aktionen nicht auf breiter Ebene verurteilt?

Der Bundestag ist ein geschützter Raum, in dem sich niemand verfolgt fühlen soll. Mich empört es, dass dieser Schutzraum von unseren eigenen Leuten zerstört wurde. Ich musste an einem 9. November erleben, dass ein Mensch jüdischer Herkunft in dieser Form angegangen wird.

Linke Fraktionskollegen haben diese Aktion zugelassen.

Die Verantwortung dafür tragen drei Abgeordnete, ja. Die Täter waren sehr seltsame Menschen, die sich als Journalisten eingeschlichen haben und bis zu Gysis Büro gebracht worden sind. So etwas darf nicht passieren. Wo wären wir denn, wenn jetzt Abgeordnete wieder gejagt werden? Allerdings bin ich der Ministerpräsident von Thüringen, nicht der Sprecher der Bundestagsfraktion. Herr Gysi hat den Vorgang übrigens für erledigt erklärt.

Es geht aber auch darum, wie eine Partei damit umgeht.

Dann fragen Sie die Partei. Ich bin der Ministerpräsident von Thüringen, führe eine Koalition aus drei Parteien und bin deren Repräsentant. Wenn Sie mich als Menschen fragen, wie ich mich gefühlt habe, als ich diese Bilder im Internet gesehen habe: Ich war entsetzt.

Im Thüringer Bad Blankenburg gibt es seit mehr als 100 Jahren die Konferenz der Deutschen Evangelischen Allianz. Können Sie sich vorstellen, wie Ihre Vorgängerin Christine Lieberknecht dort ein Grußwort zu sprechen?

Wenn ich eine Einladung bekomme und Zeit habe, werde ich sie natürlich wahrnehmen. Für mich ist religiöse Vielfalt ein Gebot des Grundgesetzes und ein Gebot meines Lebens. Die andere Frage ist, ob man mir eine Einladung ausspricht. Dazu eine Anekdote: Als der Bad Blankenburger Bürgermeister ein Linker wurde, baten mich drei CDU-Bundestagsabgeordnete um Hilfe, weil sie mich aus dem gemeinsamen Gebetsfrühstück kannten. Sie befürchteten, dass die Welt untergeht. Die Zusammenarbeit der Allianz mit dem Bürgermeister entpuppte sich jedoch als gutes, kooperatives Miteinander. Natürlich kenne ich die Evangelische Allianz. Als ehemaliger Gießener weiß ich, dass der Bible Belt entlang der Lahn verläuft, und welche christlichen Rückbindungen es dort gibt, auch außerhalb der evangelischen Amtskirchen. Ich freue mich immer über Menschen, die ihren Glauben leben. Die Menschen müssen ihre Fundamente wiederfinden – im Gegensatz zu den Pegida-Demos in Dresden. Im Internet stehen Dinge wie: „Bei uns heißen Wintermärkte Weihnachtsmärkte – und das war vor der Christianisierung schon so.“ Da frage ich mich, welche Kenntnisse über das christliche Abendland dort eigentlich vorhanden sind. Wer dann auch noch ein Kreuz schwarz-rot-gold anmalt, missbraucht den Glauben und schürt Islamfeindlichkeit. Muslime gehören genauso zu uns wie die jüdische Gemeinde, die Evangelische und Katholische Kirche oder auch die Evangelische Allianz.

Die Fragen stellten Nicolai Franz und Christoph Irion

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