Theresa Mays Brexit-Verhandlungen sind bisher nicht von Erfolg gekrönt. Das Parlament hat diese Woche für einen Aufschub des Brexits gestimmt. Egal wie es ausgeht: Die Nation geht gezeichnet daraus hervor.

Theresa Mays Brexit-Verhandlungen sind bisher nicht von Erfolg gekrönt. Das Parlament hat diese Woche für einen Aufschub des Brexits gestimmt. Egal wie es ausgeht: Die Nation geht gezeichnet daraus hervor.

Brexit: Versöhnung dringend nötig!

Freundschaften sind zerbrochen, das politische Klima ist vergiftet. Warum Kirchen nach dem Brexit-Chaos Versöhnungsarbeit leisten müssen. Eine Analyse von Mark Woods

Anfang des Jahres nahm ich an einer kleinen internationalen Konferenz für religiöse Journalisten in Mainz teil. Eine der Fragen, die viele der Anwesenden mir beim Kennenlernen stellten, war: Warum verlässt Großbritannien die Europäische Union?

Ich kann mir verschiedene Gründe dafür vorstellen. Wir hatten von Anfang an eine angespannte Beziehung zur EU. Bis zum Ende des Krieges hatten wir ein Weltreich und obwohl die Erinnerung daran mehr und mehr verblasst, hat uns das sehr geprägt: Wir sind es schlicht nicht gewohnt, gleichwertige Partner in großen politischen Zusammenschlüssen zu haben. Außerdem sind wir eine Insel. Das macht es für Briten vielleicht schwieriger, sich so richtig „europäisch“ zu fühlen, als für diejenigen auf dem Festland.

Aber es gibt auch ganz praktische Gründe. Viele Einwanderer sind von Europa ins Vereinigte Königreich gekommen. Während sich viele von ihnen hervorragend integriert haben, leiden Teile des Landes unter der Einwanderung, weil die aufnehmenden Gemeinden nicht genügend Ressourcen bekommen haben, um die Menschen angemessen einzugliedern.

Zerbrochene Freundschaften, gespaltene Nation

Diese ernstzunehmenden Schwierigkeiten haben dafür gesorgt, dass viele Briten den Brexit unterstützen. Viele haben auch die als beschwerlich empfundenen Gesetze und Regulierungen aus Brüssel kritisiert. Wachstum könne leichter erreicht werden, wenn wir nicht länger von der EU „kontrolliert“ würden, sagen die Menschen. Daher steht über allem die Frage der „Staatshoheit“: Wir sollten frei sein, tun und lassen zu dürfen, was wir wollen.

Das Ergebnis des Referendums, das der damalige Premierminister David Cameron ausgerufen hatte, im Versuch seine Partei zu vereinen und die Hetze gegen die EU zu beenden, hat die Nation gespalten. Jeder hat eine Meinung. Freundschaften sind daran zerbrochen. Eine ernsthafte Wut ist spürbar und diejenigen, die die EU verlassen wollen, und die, die bleiben wollen, haben sich in zwei getrennte Lager aufgespalten. Das einzige, was sie noch vereint, ist zunehmender Zorn über das Scheitern der Regierung, einen guten Austritt aus der EU zu verhandeln.

Ich möchte in der EU bleiben

Christen machen da keinen Unterschied. Es gibt auf beiden Seiten Christen und alle haben sie sehr engagiert für ihre jeweilige Position geworben. Vor der Wahl gab es auf der Webseite, die ich verantworte, einen Artikel des Baptistenpredigers Joshua Searle, in dem er über den derzeitigen Anstieg des rechten Nationalismus in Europa im Vergleich zu der Situation nach 1945 nachdenkt. Er schrieb: „Die Europäische Union ist von ihrer Gründung bis zum heutigen Tag das mächtigste Gegenmittel gegen die zerstörerischen und unmenschlichen Kräfte des Nationalismus und Fremdenhasses, das die Welt je gesehen hat.“

„Man kann wirklich nicht sagen, dass es einen eindeutig ‚richtigen‘ oder ‚falschen‘ Weg gebe, oder gar eine ‚christliche‘ Wahlentscheidung.“

Als jemand, der in der EU bleiben möchte, teile ich seine Ansicht. Aber es ist nicht der einzig mögliche Standpunkt. Auch der christliche Parlamentarier, David Burrows, hat sich vor dem Referendum geäußert. Er vertritt die Meinung: „Es gibt zentrale Bibelstellen, die darauf hindeuten, dass Macht eingeschränkt, verteilt und rechenschaftspflichtig sein sollte ... Die EU ist weniger verantwortlich geworden, dafür mischt sie sich aber mehr ein und ist schädlich für unseren nationalen Wohlstand geworden. Und sie rüttelt an unserer nationalen Staatshoheit. Ein aggressiver, übergeordnet-nationaler Säkularismus, der zunehmend unseren britischen und christlichen Rechtsgrundsätzen und unserer parlamentarischen Unabhängigkeit entgegensteht.“

Ich habe enge christliche Freunde, die dafür gestimmt haben, die EU zu verlassen. Ich respektiere ihre Sicht, obwohl ich sie nicht teile. Man kann wirklich nicht sagen, dass es einen eindeutig „richtigen“ oder „falschen“ Weg gebe, oder gar eine „christliche“ Wahlentscheidung.

Das findet sich bestätigt, wenn man sich anschaut, wie Christen konkret gewählt haben. Nach einer Analyse des Instituts „British Religion in Numbers“ haben genauso viele für den Verbleib wie für den Austritt aus der EU gestimmt. Unter den Methodisten und Baptisten gab es exakt gleich viele Wähler für jede Seite. Bei den Katholiken hat sich eine geringe Mehrheit für den Verbleib ausgesprochen. Christen, die der Anglikanischen Kirche angehören, haben sich mit einem Verhältnis von 60 zu 40 deutlich für einen Austritt entschieden.

Angesichts der Tatsache, dass es unter Christen so viele verschiedene Meinungen gibt, sind viele Führungspersonen in Kirchen äußerst zurückhaltend, eine der Seiten allzu deutlich zu unterstützen – und viele Pastoren, die für den Verbleib gestimmt haben, betreuen Gemeinden, deren Mitglieder die EU verlassen möchten.

Kirchen als Friedensstifter

Aber im Licht des politischen Stillstandes bei der Frage, wie es weitergehen soll, hat sich die Stimmung seit dem Referendum geändert. Kirchenleiter haben vor den Konsequenzen für die Armen im Fall eines „schlechten“ Brexit gewarnt und haben Politiker und die Gesellschaft generell dazu gedrängt, ihre Differenzen zur Seite zu legen und im Sinne des Gemeinwohls zusammenzuarbeiten. Der Erzbischof von Canterbury, Justin Welby, hat kürzlich gesagt, dass „jede Kirche ein Friedensstifter“ sein müsse. Er sagte, der Brexit habe uns vor Augen geführt, wie „unsere Politiker und die Gesellschaft über Jahrzehnte dem Allgemeinwohl nicht ausreichend Aufmerksamkeit geschenkt haben: dem gemeinsamen Leben als Mitglieder einer Gesellschaft, in der sich jeder Einzelne entwickeln“ könne. Er fuhr fort: „Jetzt ist die Zeit für alle in der Kirche, sich als Friedensstifter zu erweisen. Wir müssen unsere Rolle übernehmen, um unser Land wieder zu vereinen, und um das Verletzlichste wieder in die Mitte unseres nationalen Zusammenlebens zu rücken.

Wir dürfen die Warnungen, die wir über die gravierenden Auswirkungen, die die kommenden Monate möglicherweise auf die Ärmsten unserer Gesellschaft haben könnten, nicht ignorieren. Wir müssen uns auf Schwierigkeiten und Unsicherheiten, die eintreten könnten, vorbereiten, und wir dürfen es nicht zulassen, dass destruktive Kräfte weitere Spaltungen in unsere Gesellschaft treiben.“

Der Brexit hat nicht gut getan

Auch andere Kirchen haben einen Schwerpunkt darauf gelegt, dass wir Einigkeit und positives Denken brauchen. Die britischen Baptisten haben die Menschen aufgefordert, ihre Identität nicht daran festzumachen, ob sie die EU verlassen oder ob sie bleiben wollen. Sondern sie sollen sich stattdessen auf ihre Gemeinsamkeiten besinnen: „Menschlichkeit, wie wir alle in der Liebe Gottes geschaffen wurden.“ Die Methodisten haben ein Diskussionspapier entworfen, das Gemeinden dabei helfen soll, die Sachlage zu durchdenken. Es regt an, dass sich Christen stärker bei den großen aktuellen Themen einbringen sollten. „Als Mitglied der EU hat Großbritannien davon profitiert, Teil einer Gruppe zu sein, die mächtig bei Themen wie dem Klimawandel und den Menschenrechten mitreden und handeln konnte. Die Kirche müsste sich intensiver zu diesen Feldern äußern.“

Wie auch immer die Zukunft für Großbritannien auf weite Sicht aussehen mag: Der Brexit hat uns als Nation nicht gutgetan. Alle sind wütend und frustriert. Auch die Kirchen tun sich schwer damit, mit einer Stimme zu sprechen. Und vielleicht können sie zum aktuellen Zeitpunkt auch gar nicht viel sagen, außer vor der Gefahr des vergiftenden und rassistischen Nationalismus zu warnen; die Menschen aufzufordern, das Wohl für alle anzustreben und das Gute im Gegenüber zu sehen anstatt politische Gegener zu verteufeln. Die noch viel schwierigere Arbeit der Versöhnung und des Zusammenfindens als Nation wird auf uns zukommen, wenn die Brexit-Frage einmal endlich geklärt ist. Wie auch immer das Ganze ausgeht, es wird für lange Zeit Wunden schlagen.

Mark Woods, Jahrgang 1960, ist Baptistenpastor und Autor, der bereits für zahlreiche britische christliche Publikationen geschrieben hat. Er verantwortet die Plattform christiantoday.com.

Mark Woods, Jahrgang 1960, ist Baptistenpastor und Autor, der bereits für zahlreiche britische christliche Publikationen geschrieben hat. Er verantwortet die Plattform christiantoday.com.

Diesen Text lesen Sie auch in der Ausgabe 2/2019 des Christlichen Medienmagazins pro, die Mitte April erscheint. Pro können Sie kostenlos hier bestellen.

Den Artikel übersetzte Stefanie Ramsperger.

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