Ein Gesetz, das sich gegen unzureichende Deutschkenntnisse ausländischer Geistlicher wendet, könnte auch christliche Migrationskirchen in Deutschland treffen

Ein Gesetz, das sich gegen unzureichende Deutschkenntnisse ausländischer Geistlicher wendet, könnte auch christliche Migrationskirchen in Deutschland treffen

Seehofers Imam-Schranke trifft Migrationskirchen

Das Bundesinnenministerium will die Einreise ausländischer Geistlicher von deren Deutschkenntnissen abhängig machen. Horst Seehofer (CSU) zielt damit offenbar auf türkische Imame. Er könnte damit auch christliche Gemeinden treffen.

Die Bundesregierung plant, dass ausländische Geistliche, die hier arbeiten wollen, einen Nachweis über ihre Deutschkenntnisse erbringen müssen. Die Einreisevoraussetzungen sollen dazu entsprechend geändert werden.

Nach Ansicht des Evangelischen Presse-Dienstes (epd) zielt die Gesetzesverschärfung auf türkische „Imame, die nicht Deutsch sprechen". Die seien dem Bundesinnenministerium „schon lange ein Dorn im Auge". Dem Artikel auf evanglisch.de vom Mittwoch zufolge sind katholische und internationale christliche Gemeinden besorgt über die Regierungspläne, weil auch „christliches Personal aus aller Herren Länder" hier tätig sei.

Gesetzesverschärfung bedeutet Erschwernis für christliche Gemeinden

Der epd hat beim Ökumenischen Rat Berlin-Brandenburg nachgefragt. In Berlin kooperieren demnach alt-katholische, armenisch-apostolische, finnisch-lutherische bis hin zu serbisch- und syrisch-orthodox geprägten christlichen Gemeinden. Dem Artikel zufolge begrüßt der Rat grundsätzlich das Anliegen. Er betone aber ausdrücklich, „dass den Seelsorgern der aus dem Ausland stammenden Gläubigen eine wichtige Brückenfunktion" zur Vermittlung der deutschen Kultur zukomme.

„Die äthiopisch-orthodoxe Gemeinde in Berlin wäre mit dieser Regelung in Schwierigkeiten geraten“, erklärt Hans-Joachim Ditz, Geschäftsführer des Ökumenischen Rats Berlin-Brandenburg, im Hinblick auf die geplante Verschärfung. In der Gemeinde sei erst kürzlich ein Seelsorger in den Ruhestand gegangen. Die Stelle habe die äthiopische Gemeinde mit einem Landsmann neu besetzt. Der äthiopische Seelsorger habe zum Zeitpunkt der Einreise nach Deutschland verständlicherweise kaum über Deutschkenntnisse verfügt. „Ein erheblicher Teil der Geistlichen und Seelsorger in fremdsprachlichen christlichen Gemeinden stammten aus dem Ausland", sagt Ditz auf Anfrage von pro. „Ich plädiere daher für mehr Augenmaß.“

Muttersprachler sind wichtig für Migrationskirchen

Für fremdsprachige christliche Gemeinden könne die Gesetzesverschärfung eine Erschwernis bedeuten – etwa wenn sie Pastoren aus dem Heimatland nach Deutschland holen wollten. Das erklärte Claudia Währisch-Oblau, Leiterin der Abteilung Evangelisation der Vereinten Evangelischen Mission (VEM), auf Anfrage von pro. Sie findet es aber grundsätzlich positiv, von einreisenden Geistlichen zumindest Grundkenntnisse in der deutschen Sprache zu verlangen. Es sei ein Problem von Migrationskirchen, dass ihre Pastoren oft nur ganz wenig Deutsch könnten und darum tendenziell schlechter integriert seien als die Mitglieder ihrer Gemeinden. „Es wird ja nicht verlangt, dass die Geistlichen jetzt nur noch auf Deutsch predigen sollen", erklärt Währisch-Oblau. Diese Forderung würde sie nicht unterstützen. „Aber ich denke, dass es den Gemeinden gut täte, wenn ihre Pastoren auch Deutsch sprechen könnten."

Für Migrationskirchen sei es wichtig, dass sie Gottesdienste in der Muttersprache oder einer vertrauten Zweitsprache wie Englisch oder Französisch feiern könnten. Spätestens ab der zweiten Generation seien jedoch auch deutsche Sprachkenntnisse wichtig. „Es entstehen starke Spannungen, wenn die Elterngeneration in der Kirche eine Heimat fern der Heimat sucht, Kinder und Jugendliche diese Heimat aber kaum kennen und sich eher in Deutschland verwurzelt fühlen", erklärt Währisch-Oblau. Migrationskirchen, die die zweite Generation halten wollten, müssten irgendwann anfangen, auch Angebote in deutscher Sprache anzubieten. Sonst würden die Jugendlichen wegbleiben.

Um einer Radikalisierung von Muslimen entgegenzuwirken, hält sie andere Dinge als die deutsche Sprache für bedeutsam: „Ich glaube, dass sich junge Musliminnen und Muslime radikalisieren, weil ihnen viel zu häufig signalisiert wird, dass sie in Deutschland nicht dazugehören." Es brauche klare Signale, dass der Islam zu Deutschland gehöre. „Schlicht und einfach, weil es Muslime mit deutscher Staatsangehörigkeit gibt", sagt Währisch-Oblau. Frauen mit Kopftuch sollten alle Berufe ausüben können, Burkinis im Schwimmbad ganz normal sein. Hindernisse, die dem Bau von Moscheen entgegenstünden, müssten abgebaut werden. „Die Radikalisierer unter den Muslimen leben doch davon, dass sich junge Muslime ausgegrenzt fühlen", sagte die Theologin. Sie wolle „Muslimen die gute Botschaft von Jesus Christus weitergeben, nicht ihnen das Leben in Deutschland schwer machen".

Michael Gruber, Sprecher der Vereinigung Evangelischer Freikirchen, warnte vor einer stark restriktiven Regelung. Das würde zu kurz greifen und könne Schaden anrichten: „Denn erstens kann gerade die Muttersprache für einen Geistlichen das Medium sein, um seine Landsleute zu erreichen – und sie zum Beispiel zur Integration zu ermutigen. Zweitens ist das Deutschlernen in Deutschland am einfachsten und könnte hier nachgeholt werden.“ Die Sprachanforderungen könnten auch Pastoren internationaler christlicher Gemeinden treffen, die dann im Zweifel nicht mehr einreisen dürften.

Von: Norbert Schäfer

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