„Das Interesse an Religion ist ungebrochen“, sagt Bundespräsident Frank-Walter Steinmeier

„Das Interesse an Religion ist ungebrochen“, sagt Bundespräsident Frank-Walter Steinmeier

Steinmeier: „Glaube ist mit Wucht zurückgekehrt“

Bundespräsident Frank-Walter Steinmeier hat am Dienstag im Schloss Bellevue erklärt, das Interesse der Menschen an Religion sei ungebrochen. Zwar würden die Kirchen leerer, aber viele suchten im Glauben nach Heimat, Zugehörigkeit und Orientierung. Eine neue Vielfalt der Religionen sorge vermehrt für Konflikte.

„Das Interesse an Religion ist ungebrochen“, sagte Bundespräsident Frank-Walter Steinmeier am Dienstag bei einer Veranstaltung im Schloss Bellevue. Die Religion „in volkskirchlicher Gestalt“ verliere zwar an Bedeutung. Trotz rückläufiger Mitgliederzahlen der Kirchen verstünden sich aber zwei Drittel der Menschen im Land als religiös. Viele, etwa Zuwanderer, sehnten sich nach Heimat und Zugehörigkeit und suchten dies in einer Religion. Aber auch „rastlose“ Deutsche suchten dort nach Orientierung. „Die These von der stetig fortschreitenden Säkularisierung greift zu kurz“, sagte Steinmeier.

Islam gehört zu Deutschland

Deutschland erlebe eine neue Vielfalt von religiösen Ausdrucksformen, auch durch Zuwanderung. Religiöse Vielfalt führe zu Konflikten. Das zeige sich auch an den Debatten um Sterbehilfe, kirchlichem Arbeitsrecht oder religiösen Beschneidungen. Glaubensfragen seien „mit einiger Wucht“ in die Öffentlichkeit zurückgekehrt. Dies darf laut Steinmeier aber nicht zur Ablehnung von Menschen anderer Überzeugungen führen: „Keinesfalls dürfen wir zulassen, dass Menschen angegriffen werden, weil sie ein Kopftuch, eine Kippa oder ein Kreuz tragen.“

Steinmeier sagte, viele Streitfragen, die heute im Islam ausgetragen würden, kenne auch das Christentum. Als Beispiele nannte er die Frauenordination und den Umgang mit Homosexuellen. Die Frage sei nicht, ob der Islam zu Deutschland gehöre, denn das sei angesichts der vielen muslimischen Bürger in Deutschland längst geklärt. Stattdessen müsse gefragt werden, welcher Islam zu Deutschland gehöre.

Religionskritik gleich Religionsfeindlichkeit?

Gäste im Schloss Bellevue bei der Gesprächsreihe „Forum Bellevue“ waren die Zeit-Journalistin Evelyn Finger, Religionssoziologe Hans Joas und Islamwissenschaftler Mouhanad Khorchide. Finger betonte die Relevanz von Religionskritik, auch durch Journalisten. Sie sei keine Religionsfeindlichkeit, sondern ziele darauf, Dinge zum Besseren zu verändern. Als Beispiel nannte sie die Missbrauchsfälle in der katholischen Kirche. Da habe sich eine Religion so selbst überhöht, dass sie nicht mehr in der Lage sei zu sehen, dass in ihrem Innern Verbrechen geschähen.

Joas widersprach Finger. Er würde gerne untersuchen, in welchem Maße es in Deutschland nach wie vor massive religiöse Vorurteile gebe und inwiefern das auch Journalisten beeinflusse. „Das gibt es schon“, sagte er. Dennoch müssten sich religiöse Einrichtungen wie die Kirchen aber der Kritik von außen stellen. Dramatisch sei es, dass die Kirchen Dinge vertuschten, um ihr Ansehen zu bewahren. Eine „Selbstsakralisierung“ in der Katholischen Kirche müsse überwunden werden und die Rolle der Laien gestärkt werden. Die Kirche erkenne sich selbst nur, wenn sie sich im Verhältnis zu anderen Konfessionen und Glaubensrichtungen sehe und ihre Kritiker in den Blick nehme. Das sei „eine wahnsinnige Herausforderung, wenn man das ernst nimmt“, sagte Joas.

Christentum und Islam teilen Streitfragen

Islamwissenschaftler Mouhanad Khorchide sagte, der Islam in Deutschland sei auf einem guten Weg zu einer solchen Öffnung. Islamische theologische Lehrstühle und Religionsunterricht an Schulen böten einen reflektierten Zugang zum Glauben. Als problematisch schätzte er aber ein, dass viele, die sich für Religion interessierten, auch auf der Suche nach Identität seien und Abgrenzung auf sie deshalb attraktiv wirke. Das erschwere eine Öffnung und spiele Vertretern des politischen Islams und Rechtspopulisten in die Hände, die auf eine Spaltung der Gesellschaft aus seien.

Khorchide erkannte im Streit zwischen liberalen oder konservativen Muslimen viele Parallelen zu vergangenen Streitigkeiten im Christentum. Es gehe unter anderem um die Lesart der Schrift und darum, welchen Stellenwert göttliche Gesetze hätten. Khorchide machte auch seine Position klar: Wichtig sei vor allen Dingen die Beziehung des Gläubigen zu Gott.

Von: Anna Lutz

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