Michael Kretschmer ist der jüngste Ministerpräsident in Deutschland

Michael Kretschmer ist der jüngste Ministerpräsident in Deutschland

„Wir müssen Demokratie klug vorleben“

Als Michael Kretschmer (CDU) am 13. Dezember 2017 sächsischer Ministerpräsident wurde, war er der jüngste Regierungschef aller Bundesländer. Er scheut sich nicht vor klaren Worten zur Leitkultur und zu seinem christlichen Glauben. Im pro-Interview spricht er aber auch darüber, wie er Niederlagen verkraftet und woher er seine Zuversicht nimmt.

pro: Herr Kretschmer, Sie gehören zu den Initiatoren des „Aufrufs zu einer Leit- und Rahmenkultur“ einiger Unionspolitiker. Dadurch gelten Sie in der medialen Öffentlichkeit als Hardliner. Zugleich engagieren Sie sich für eine Arbeit mit Suchtkranken des methodistisch geprägten Vereins „come back“. Wie passt das zusammen?

Michael Kretschmer: Ich bin gegen jede Form der Ausgrenzung und Spaltung. Genau darum geht es auch in dem Papier, das Sie ansprechen. Es geht um die Frage, was das Fundament unseres Zusammenlebens ist. Welche Werte, welche Dinge machen uns aus und geben Halt und Orientierung? Solidarität und Freiheit gehören dazu, gegenseitiger Respekt und vieles andere. Ich bin glücklich, in dieser Zeit in Deutschland, in Sachsen zu leben. Und ich finde es nicht verkehrt, deutlich zu sagen, dass ich dieses Land und die Menschen mag. Ich habe auch gewaltigen Respekt vor den vielen Menschen, die zum Zusammenhalt und zum Funktionieren unseres Gemeinwesens beitragen. Dazu gehören auch Leute wie die vom Verein „come back“, die Bewundernswertes leisten.

Sie sind Vollblutpolitiker. Wie und wo spannen Sie aus?

Oder auch: Mit wem? Da steht ganz oben meine Familie! Wenn ich mit unseren Söhnen durch Museen gehe oder auf dem Fußballplatz bin oder wenn ich mit meiner Lebensgefährtin auf Pferden durch die Natur reite, dann sind das wunderbare Formen der Entspannung und von Glück, für das ich dankbar bin.

Welche Bedeutung hat das „C“ – das Christliche – für die Partei, der Sie angehören?

Das Christliche ist weniger eine Frage der Entspannung als der Anspannung: Es ist eine Haltung, zu seinem Glauben zu stehen, das christliche Menschenbild als Maßstab unserer Politik zu nehmen. Ich bin nach meiner Vereidigung in die Frauenkirche in Dresden gegangen, weil ich den Segen für meine Arbeit erbitten und mich noch einmal ganz bewusst an so einem Tag meines Fundaments vergewissern wollte.

Wie wollen Sie mit dazu beitragen, den konservativen Kern zu stärken?

Für den Zusammenhalt in der Gesellschaft und für die Akzeptanz der Demokratie ist es wichtig, dass wir verschiedenen Einstellungen und Auffassungen Raum geben. Das gilt auch für meine Partei, die dann besonders überzeugend ist, wenn alle Flügel – der christlich-soziale, der liberale und der konservative – stark schlagen. Dafür will ich mich immer einsetzen.

Im politischen Berlin gelten Sie als gut vernetzt. Wo sehen Sie Themenfelder, die zukünftig nicht nur von einer Partei, sondern über Fraktionsgrenzen hinweg behandelt werden müssen?

Wir brauchen zum einen eine gesellschaftliche Befriedung beim Thema Flüchtlinge und Migration in der Bundesrepublik. Dazu ist eine klare, konsequente und verlässliche Linie nötig. Allen Demokraten muss es außerdem gemeinsam gelingen, die Entfremdung zwischen einem Teil der Bevölkerung und denen „da oben“ zu stoppen und neues Vertrauen aufzubauen. Es gilt, klug vorzuleben, was eine Demokratie aus- und starkmacht: Der faire und an der Sache orientierte Streit, die Suche nach Lösungen und Kompromissen. Es kommt auch darauf an, dass Deutschland stärker wird in Zeiten von Digitalisierung und Globalisierung. Wichtig sind deshalb nicht nur Investitionen in Beton, sondern vor allem in Köpfe und Initiativen, die den gesellschaftlichen Zusammenhalt stärken.

Im September 2017 haben Sie Ihr Bundes­tags-Direktmandat im Wahlkreis Löbau-Zittau an den AfD-Mitbewerber Tino Chrupalla eingebüßt. Im Oktober wurden Sie als Ministerpräsident in Sachsen vorgeschlagen. Was hat diese Achterbahnfahrt mit Ihnen gemacht?

Niederlagen sind nie schön. Aber sie gehören zum Leben dazu, auch zu meinem – und sie gehören auch zur Demokratie. Für mich ist wichtig, dass vieles bestehen bleibt, was ich als Abgeordneter von Berlin aus für meine Heimat angeschoben und erreicht habe. Ich habe meine Aufgaben im Wahlkreis immer ernstgenommen. Auch deswegen war der Wahlabend für mich hart. Aber es hat mich nicht umgehauen. Ich neige nicht dazu, den Kopf in den Sand zu stecken, wenn es schwierig wird. Oder wenn es dann plötzlich ganz anders kommt im Leben, als gedacht.

Was macht die AfD besser als die Union? Insgesamt haben drei CDU-Politiker ihr Direktmandat an AfD-Politiker verloren, obwohl sie als CDU-Hochburgen galten.

Die Bundestagswahl war in erster Linie eine Abstimmung über die Berliner Asyl- und Flüchtlingspolitik. Es wurde versäumt, Fehler zu benennen, eine Befriedung herbeizuführen. Das hat viele Menschen zu Recht verärgert und verunsichert. Und das hat dann auch denen geholfen, die versiert darin sind, Ängste zu schüren. Hinzu kommt, dass auch in Sachsen einige Dinge nicht gut gelaufen sind. Wir haben das sozial gerechteste Bildungssystem in Deutschland, einerseits. Andererseits haben wir seit einer Weile große Mühe, genügend Lehrer zu finden. Auch die Kriminalität gerade in Grenzregionen spielte eine Rolle. Entscheidend ist nun, dass wir selbst die Dinge anpacken und verlässlich arbeiten. Wir wollen in der Sache überzeugen.

Sie twittern eifrig: Kann man mit diesem Medium gut politische Inhalte vermitteln?

Ja, klar. Ich mag es, Dinge auf den Punkt zu bringen. Twitter ist ein wichtiger Baustein in der Kommunikation, direkt und schnell. Mir ist klar, dass nicht jede Diskussion über komplexe Sachverhalte mit wenigen Zeichen umfassend geführt werden kann. Aber Diskussionsanstöße sind allemal möglich.

Sie sind mit 42 Jahren aktuell einer der jüngsten Ministerpräsidenten: Ist das eine Bürde oder führt es dazu, eher unbefangen an Themen heranzugehen?

Weder noch. Die Aufgaben und Erwartungen sind so, dass ich demütig und mit großer Ernsthaftigkeit ans Werk gehe. Ich bin dankbar, dass ich bisher viele Erfahrungen auf kommunaler Ebene und im Bund machen konnte, die mir bei der Lösung der aktuellen Probleme helfen.

Sie sind evangelisch, ledig und haben zwei Kinder. Im Bundestag waren Sie gegen die „Ehe für alle“ und haben eine Lanze gebrochen für die traditionelle Ehe. Wie passt das zusammen?

Ich fand die Art und Weise, wie es zur Abstimmung im Bundestag kam, nicht gut. Das wurde der Sache nicht gerecht. Wir haben in Deutschland schon vor der Entscheidung eine weitestgehende Gleichstellung der partnerschaftlichen Lebensformen gehabt. Das fand ich gut und ausreichend, damit die Ehe zwischen Mann und Frau unter dem besonderen Schutz bleibt, der ihr nach meiner Überzeugung auch zusteht.

Was wird Ihre schwierigste Aufgabe in den kommenden Jahren?

Ich gehe gern fröhlich und zuversichtlich an meine Aufgaben heran, deshalb denke ich nicht über die Schwierigkeiten nach. Ich arbeite dafür, dass die Bürgerinnen und Bürger mir vertrauen und ich meinen Beitrag zu einer stabilen Demokratie leiste. Ich möchte mit den Sachsen zusammen dafür arbeiten, dass unser Freistaat eine gute Heimat ist, in der der Zusammenhalt stark und die Neugier auf die Zukunft groß ist, in der die Wirtschaft gute Arbeit gibt, Schulen und Hochschulen jungen Menschen Chancen eröffnen und wir in einer generationengerechten Gesellschaft anständig und respektvoll miteinander umgehen.

Vielen Dank für das Gespräch.

Michael Kretschmer, Jahrgang 1975, ist seit 13. Dezember 2017 Ministerpräsident des Freistaates Sachsen. Der gebürtige Görlitzer war von 2002 bis 2017 Mitglied des Deutschen Bundestages. Er wurde im Dezember 2017 Vorsitzender der CDU Sachsen. Von 2009 bis 2017 war er stellvertretender Fraktionsvorsitzender der CDU/CSU-Bundestagsfraktion. Kretschmer ist Diplom-Wirtschaftsingenieur. Er lebt in Dresden sowie bei Zittau und ist mit der einstigen MDR-Journalistin und derzeitigen Sprecherin des Sächsischen Staatsministeriums für Soziales und Verbraucherschutz, Annett Hofmann, liiert. Das Paar hat zwei gemeinsame Söhne.

Die fragen stellte Johannes Blöcher-Weil

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