Konstantin von Notz gilt als kühler Kopf der Grünen im politischen Berlin. Pro hat ihn zum Gespräch getroffen.

Konstantin von Notz gilt als kühler Kopf der Grünen im politischen Berlin. Pro hat ihn zum Gespräch getroffen.

„Religion war bei den Grünen immer wieder Konfliktthema“

Konstantin von Notz ist nicht nur Vizechef der Grünen im Bundestag – sondern dort neuerdings auch für Fragen der Religion zuständig. Mit pro hat der Protes­tant darüber gesprochen, warum das Thema Glaube Zankapfel in seiner Partei ist, wie weit der Spaß bei Religionssatire gehen darf und wo die Kirche in Sachen Digitalisierung dazulernen muss.

pro: Herr von Notz, in dieser Legislaturperiode beerben Sie Volker Beck im Amt des Religionsbeauftragten in der Grünen-Fraktion. Es mangelt Ihnen nicht an anderen Ämtern, warum übernehmen Sie ausgerechnet dieses wenig prestigeträchtige Ressort?

Konstantin von Notz: Ich habe seit langem eine hohe Affinität zu diesem Thema. Ich komme aus einem nichtkirchlich geprägten Haus, wurde als kleines Kind nicht getauft. Meine liberalen Eltern haben mich aber dennoch in den Konfirmandenunterricht geschickt und da habe ich mich wohlgefühlt und mich aus eigener Überzeugung taufen und konfirmieren lassen. Ich habe Zivildienst in der Bahnhofsmission in Frankfurt gemacht und interessiere mich seitdem – auch juristisch – für die politische Seite von Religion und deren Einfluss auf Politik.

Warum haben Ihre nichtkirchlichen Eltern Sie zu den Konfirmanden geschickt und was hat Sie dort gehalten?

Meine Eltern waren beide sehr liberal und fanden, man solle Kinder nicht in eine Form pressen, erst recht nicht bei so essentiellen Fragen wie dem Glauben. Ich hatte das große Glück, in Frankfurt-Sachsenhausen eine Gemeinde mit einer sehr guten Jugendarbeit zu finden, und habe dann selbst lange Konfirmandenfreizeiten begleitet. Der Glaube und das Bedürfnis, mit jungen Menschen über Glaubensfragen zu sprechen, hat mich dort gehalten. Auch die Freizeiten, das gemeinsame Liedersingen, haben einen Nerv bei mir getroffen.

Sie sind Vater von zwei Kindern. Geben Sie ihnen Glaubensinhalte weiter?

Meine Frau und ich haben das sehr intensiv diskutiert und uns letztendlich dazu entschieden, unsere Kinder taufen zu lassen. Aber wir wollen sie sehr liberal und offen erziehen. Sie sollen irgendwann selbst entscheiden, ob sie einer Kirche angehören wollen oder nicht. Wir nehmen sie manchmal mit in den Gottesdienst, aber wollen ihnen auch nichts vorschreiben. Eigenbestimmtheit ist in religiösen Fragen eine sehr wichtige Sache, finde ich.

Sie haben sich bereits als Netzpolitiker einen Namen gemacht. Gibt es Schnittstellen zwischen Religions- und Internetpolitik?

Ja. Die Digitalisierung durchwirkt unsere Gesellschaft bis in die letzten Verästelungen und damit natürlich auch die Religion. Ich glaube, dass die beiden großen Kirchen in diesem Prozess der Digitalisierung eine große Rolle spielen müssten. Immerhin haben wir es hier mit fundamentalen gesellschaftlichen Umbrüchen zu tun, die dramatischer sind als die der Industrialisierung.

„Den Kirchen fehlt eine umfassende Digitalisierungsstrategie."

In einem Essay in der Zeit bezeichnet der Autor Hannes Leitlein die Digitalisierung als einen zutiefst protes­tantischen Prozess, weil er „keine Trennung zwischen Sendern und Empfängern, keine Hierarchien, keine Orthodoxie“ zulasse. Der Evangelischen Kirche in Deutschland wirft er zugleich vor: „Anstatt die neuen Möglichkeiten in ihren Dienst zu stellen, herrschen Berührungsängste, Unverständnis und Desinteresse.“ Teilen Sie diese Kritik an der Kirche?

Ich würde es nicht so sehr als Kritik formulieren. Stattdessen möchte ich der Kirche Mut machen, sich endlich sehr viel stärker in diese Prozesse hineinzubegeben. Sie sollte versuchen, zu verstehen, was für Transformationsgewalten da am Werk sind: bei der Art, wie wir arbeiten, produzieren, kommunizieren, zusammenleben, interagieren, Informationen rezipieren. Die Kirchen haben eine so relevante Rolle in unserer Gesellschaft als große Institutionen, dass sie sich dem zwingend stellen müssen. Zumal nicht gesagt ist, dass die Veränderungen durch die Digitalisierung nur positiv sind. Schauen Sie sich die Kämpfe um Demokratien westlichen Typs an, die wir gerade erleben. Die Frage „Was ist Wahrheit?“ ist allgegenwärtig. Der Rechtsstaat ist nicht mehr selbstverständlich. Das haben viele nicht verstanden und diskutieren lieber darüber, ob die Kinder in der Schule ein iPad brauchen. Das ist zweifelsohne auch wichtig, aber das Thema Digitalisierung ist sehr viel mehr.

Anders gesagt: Die Digitalisierung ist schuld daran, dass es heute mehr Politikverdrossenheit in Deutschland gibt?

Nicht nur. Aber wir wissen doch vor dem Hintergrund der deutschen Geschichte, welchen Einfluss Medien auf politische Entwicklungen haben. Nicht umsonst haben wir in der Bundesrepublik einen Regulierungsrahmen für Medien, der seinesgleichen sucht. Das ist geschehen, um die Abgründigkeit dieser Macht­instrumente einzuengen. Für das Internet gibt es einen solchen Regulierungsrahmen noch nicht. Zugleich löst die Digitalisierung bei Teilen der Bevölkerung Veränderungsdruck und Angst aus. Auch dadurch werden Populismus und Extremismus befeuert – nicht nur in Deutschland.

Was ist die Aufgabe der Kirchen in diesem Prozess?

Zu fragen, inwieweit Christinnen und Christen Digitalisierung mitgestalten können, anstatt immer hinter der Entwicklung herzulaufen und sich darauf zu beschränken, W-Lan in Kirchengemeinden zu installieren. Der Kirche fehlt eine umfassende Digitalisierungsstrategie. Es gibt einzelne Landeskirchen, die durchaus einen Blick auf das Thema haben. Ich will da auch nicht schwarzmalen. Aber insgesamt fehlt es der Kirche an einer Gesamtstrategie und einem Gesamtverständnis für das Thema. Aber damit stehen sie wirklich nicht alleine. Auch die Bundesregierung verfolgt bisher eher ein unterkomplexes Verständnis von den Dingen.

Bei den Grünen gab es bis vor kurzem eine eigene Kommission zum Thema „Weltanschauungen, Religionsgemeinschaften und Staat“, der Sie angehörten. Warum ist das Thema Glaube Ihrer Partei so wichtig?

Bei den Grünen gibt es viele, die starke kirchliche Bezüge haben, aber genauso Menschen mit einer säkularen Prägung. Eine Reihe von Grünen haben Kirche als etwas Repressives erlebt und sich im Laufe ihrer politischen Entwicklung von ihr emanzipiert. Aber es gibt auch das Gegenteil bei uns: Menschen, für die Religiosität ein ganz wichtiger Teil ihres Lebens und politischen Wirkens ist. Auf unseren Parteitagen ist seit langem zu beobachten, dass das Thema Religion immer wieder Grund für starke Konflikte war. Es gibt bei uns starke Kritiker des Kooperationsprinzips von Kirche und Staat mit guten Argumenten. Ich selbst aber bin der festen Überzeugung, dass der harte Laizismus wie etwa in Frankreich überhaupt nicht weiterhilft. Religionsgemeinschaften sollen eine Stimme im demokratischen Meinungsbildungsprozess mit zum Ausdruck bringen können. Weil das Thema Religion also bei den Grünen so kontrovers diskutiert wird, haben wir eine Kommission gegründet, die sich speziell dieses Punktes, aber auch vieler anderer Fragen angenommen hat. Dadurch haben die Grünen eine gemeinsame Linie in sehr vielen religiös-politischen Fragen gefunden.

„Satire darf alles“

Und wie sieht die aus?

Wir schätzen das Recht auf Religionsfreiheit – und zwar die positive und negative – sehr hoch und sehen es als Gradmesser für gesellschaftliche Freiheit. Niemand soll sich mit seinen Überzeugungen verstecken müssen, das ist der Grundsatz einer Gesellschaft, wie wir sie uns wünschen.

Sie fordern mit Ihrer Kommission unter anderem die Streichung des Blasphemieverbots ...

Ich halte das Strafrecht nicht für ein effektives Mittel der Korrektur in diesem Bereich. Ich stehe zu dem Grundsatz: Satire darf alles. Und eben nicht nur fast alles. Im Zweifel müssen wir für die Freiheit einstehen, auch wenn das allen viel abverlangt. Schauen Sie sich an, was für Abgründe sich im Falle der französischen Satirezeitschrift Charlie Hebdo aufgetan haben ...

... Islamisten hatten 2015 das Verlagsgebäude in Paris überfallen und zwölf Menschen erschossen ...

Wer den Anspruch hat, mit seinem Weltbild, in dem er lebt, Hegemon zu sein, der wird sich schwer tun mit Kritik an selbigem.

Verletzt solche Satire nicht auch Ihre eigenen religiösen Gefühle als Christ?

Das kann schon sein, aber in einer freien Gesellschaft müssen und können wir so etwas aushalten. Aber ich habe durchaus Verständnis dafür, dass andere sich verletzt fühlen, wenn zum Beispiel der Papst lächerlich gemacht wird oder der muslimische Prophet Mohammed. Aber das Strafrecht ist eben immer das schwächste Mittel, um solche Konflikte zu lösen.

Vielen Dank für das Gespräch!

Dieser Artikel stammt aus der aktuellen Ausgabe 1/2018 des Christlichen Medienmagazins pro. Bestellen Sie pro kostenlos und unverbindlich unter Telefon 06441-915-151, per E-Mail an info@kep.de oder online.

Die Fragen stellte Anna Lutz

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