Die Kirchen sind heute ein zuverlässiger Partner der SPD. Das war nicht immer so.

SPD und Kirche: Freundschaft mit Startschwierigkeiten

Am Donnerstag feiert die SPD ihr 150-jähriges Bestehen. Zeit für einen Rückblick auf ihr Verhältnis zur Kirche. Gleichgültigkeit, militante anti-religiöse Propaganda und scharfe Kirchenkritik bestimmten lange Zeit das Denken in den sozialdemokratischen Milieus. Dennoch war die Sozialdemokratie in ihrer Mehrheit nie eine anti-religiöse, kämpferisch-atheistische Partei.

Es war nicht in erster Linie Karl Marx, der den Atheismus in die Sozialdemokratie hinein getragen hatte. Marx' berühmter Ausspruch von der Religion als dem „Opium des Volkes“ machte erst in den zwanziger Jahren des 20. Jahrhunderts richtig Karriere. In der Sozialdemokratie dominierte lange die Erwartung eines schlichten „Absterbens“ der Religion. Sie orientiert sich an Friedrich Engels' fortschrittsoptimistischer Annahme, die Religion würde in dem Maße verschwinden, wie der vernunftgeleitete Mensch die „phantastische Wiederspiegelung“ unverstandener, ihn beherrschender, äußerer Mächte überwinde und die Herrschaft über Ökonomie, Staat und Gesellschaft übernähme. Die Sozialdemokratie blieb bis weit in das 20. Jahrhundert hinein eine vom neuzeitlichen Materialismus und der Religionskritik der Aufklärung geprägte Partei.

Die konfrontative Haltung zur Religion wurde durch die obrigkeitsstaatliche Verfassung des Protestantismus, sein offenkundiges Versagen in der „sozialen Frage“ und den „Geisteskampf“ kirchenleitender Organe gegen die Sozialdemokratie befördert. Christentum und Sozialismus stünden sich wie „Feuer und Wasser“ gegenüber, formulierte 1874 der langjährige sozialdemokratische Parteivorsitzende August Bebel. Das Erfurter Programm 1891 brachte die Haltung der Partei auf die pragmatische Formel: Erklärung der Religion zur Privatsache und strikte Trennung von Staat und Kirche. Zahlreiche Mitglieder der Partei waren gleichgültig und distanzierten sich von der Religion, hielten aber gleichzeitig an formaler Kirchenzugehörigkeit fest. Einige gaben sich auch pointiert anti-kirchlich, was sich in gelegentlichen Kirchenaustrittsbewegungen äußerte. Die Partei widerstand aber allen Versuchungen, eine aktive Anti-Kirchen-Politik (etwa durch die Forderung nach obligatorischem Kirchenaustritt für Parteimitglieder) zum Zentrum ihrer religionspolitischen Programmatik und politischen Praxis zu machen.

Godesberg: Religion wird öffentlich

Das Godesberger Programm von 1959 leitete eine grundlegende programmatische und praktisch-politische Wende ein. Die „christliche Ethik“ wurde als eine Wurzel des „Demokratischen Sozialismus“ entdeckt. Die Weltanschauungspartei mit sehr bestimmten philosophischen (marxistischen) Grundauffassungen wandelte sich zur begründungspluralistischen, offenen linken Volkspartei. In dieser konnten Menschen mit unterschiedlicher Religionszugehörigkeit und von verschiedenen philosophischen Traditionen geleitet, miteinander auf Basis der Grundwerte Freiheit, Gerechtigkeit, Solidarität für die Ziele der Sozialdemokratie eintreten.

Viele religiöse Menschen fanden seit dieser Zeit den Weg in die Sozialdemokratie und haben Programmatik und praktische Politik der SPD wesentlich geprägt. Dazu gehören beispielsweise Adolf Arndt, Ludwig Metzger, Gustav Heinemann, Herbert Wehner, Johannes Rau und Erhard Eppler. Für sie wurde die Sozialdemokratie politische Heimat und sie traten aktiv für den Dialog mit den Kirchen ein. Seit Godesberg ist Religion für Sozialdemokraten keine „Privatsache“ mehr, sondern eine öffentliche Angelegenheit.

Ein epochaler Wandel

Trotz dieser epochalen Wende waren die praktischen Beziehungen zu den Kirchen, namentlich der katholischen, lange Zeit von gegenseitigem Misstrauen geprägt. Dafür stehen etwa die heftigen Auseinandersetzungen um den „Abtreibungsparagraphen“ 218 in der Amtszeit des sozialdemokratischen Justizministers Hans-Jochen Vogel, eines praktizierenden Katholiken, der 1987 SPD-Parteivorsitzender wurde.

Diese konfrontativen Phasen sind inzwischen programmatisch und praktisch-politisch überwunden. Das Berliner Programm 1989 unterstrich die „besondere und rechtliche Stellung, die das Grundgesetz den Kirchen und Religionsgemeinschaften einräumt“. Sozialdemokraten unterstützen die Freiheit und Eigenständigkeit der Kirchen in „Verkündigung, Seelsorge und Diakonie“ und begrüßten ihre Mitarbeit im gesellschaftlichen und politischen Leben. Im Hamburger Programm der SPD von 2007 werden als religiöse und weltanschauliche Wurzeln der sozialen Demokratie „Judentum und Christentum, Humanismus und Aufklärung“, „marxistische Gesellschaftsanalyse“ und die „Erfahrungen der Arbeiterbewegung“ genannt. Das Verhältnis der SPD zu den Kirchen ist heute weitgehend von Entspannung, Offenheit und Dialogfähigkeit geprägt, eine, gemessen an den Anfängen der Sozialdemokratie, geradezu epochale Wandlung.

Herausforderung Laizisten

Schon 1973/74 richtete der Parteivorstand der SPD zwei Kirchenreferate ein, die den regelmäßigen Dialog mit den Kirchen organisierten. Nach der Wiedervereinigung 1990 fanden zahlreiche evangelische Pfarrer (die an der Gründung der DDR „SDP“ beteiligt waren) den Weg in die SPD. Fast drei Viertel der Parteimitglieder haben eine zumindest formale kirchliche Bindung. Die seit den siebziger Jahren aktiven Arbeitskreise „SPD und Kirchen“ verstanden sich als Vermittler und gaben aus christlicher Motivation heraus zahlreiche Impulse für grundsätzliche Fragen sozialdemokratischer Religionspolitik und andere Politikfelder. Seit 2008 ist der „Arbeitskreis Christinnen und Christen in der SPD“ vom Parteivorstand der SPD als parteioffizielle Arbeitsgemeinschaft anerkannt und wirbt „für eine Politik, die den Menschen in den Mittelpunkt stellt und die den Grundwerten Freiheit, Gerechtigkeit und Solidarität verpflichtet ist“.

Die politische Herausforderung nicht nur für den Arbeitskreis, sondern für die gesamte Partei ist der stetig zunehmende religiöse und kulturelle Pluralismus und der Umgang mit daraus entstehenden Konflikten sowohl in der Zivilgesellschaft als auch auf staatlich-religionsrechtlicher Ebene. Hier gibt es eine Reihe religionspolitischer Baustellen, die der Bearbeitung bedürfen, vor allem im Blick auf die Integration des Islam und die wachsende Konfessionslosigkeit. Auch aus Kreisen der SPD („Laizisten in der SPD“) kommen verstärkt Forderungen nach Überprüfung und Veränderung des geltenden Staatskirchenrechtes und Beschneidung der vermeintlichen „Privilegien“ der Kirchen. Die SPD sollte nach 150 Jahren politischer Erfahrungen im Kampf für Freiheit, Gerechtigkeit und Solidarität selbstbewusst und konzeptionell kompetent genug sein, eine vernünftige Balance zwischen Laizismus-Forderungen und „fördernder Neutralität“ des Staates gegenüber den Religions- und Weltanschauungsgemeinschaften zu finden.

Dr. Johannes Kandel ist Politikwissenschaftler und Historiker, langjähriger Mitarbeiter der SPD-nahen Friedrich-Ebert-Stiftung, seit 43 Jahren Mitglied der SPD und war viele Jahre in verschiedenen Arbeitskreisen zu Kirche und SPD aktiv.

Von: Johannes Kandel

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