Politik ohne Gott: Wie ein Navigationssystem ohne Satellit

Es ist mittlerweile eine wichtige Tagung, die die Konrad-Adenauer-Stiftung und die Evangelische Allianz in Deutschland in Berlin veranstalten: Das "Forum: Christ und Politik". Bereits zum dritten Mal stellten sich Politiker, Theologen und Leiter christlicher Organisationen den Fragen nach der Vereinbarkeit und den Konsequenzen von Glaube und gesellschaftlichem Handeln.

Von Andreas Dippel

Nicht nur oberflächlich, sondern sehr konkret und damit praktisch waren die Thesen und Positionen, die führende Politiker und engagierte Christen in Vorträgen und Podiumsdiskussionen auf der Tagung "Christ und Politik" ausbreiteten. Das Motto der Tagung lautete "Gerechtigkeit erhöht ein Volk" - und das füllten die Redner mit praktischer Umsetzung.

Denn die Vereinbarkeit von Glaube und Politik ist nicht immer einfach, schon gar nicht immer selbstverständlich. "Ich kann als Christin meine Entscheidungen in der Politik nicht aus der Bergpredigt ableiten oder alle Anleitungen zu Entscheidungen in konkreten Fragen nicht in den Briefen des Paulus finden", sagte denn auch die Grünen-Bundestagsabgeordnete und Vizepräsidentin des Deutschen Bundestages, Katrin Göring-Eckardt. "Was aber Politiker aller Parteien, die Christen sind, verbindet, ist das Wissen, dass es einen Höheren gibt als den Menschen selbst."

Gröhe: "Mission und gesellschaftliches Engagement kein Gegensatz mehr"

Hermann Gröhe, Justiziar der CDU/CSU-Bundestagsfraktion im Deutschen Bundestag, forderte die rund 200 Teilnehmer des Forums auf, sich als Christen vermehrt gesellschaftlich zu engagieren. Dabei sei es erfreulich, dass auch unter Christen in den vergangenen Jahren ein Umdenken stattgefunden habe. Mission und Evangelisation auf der einen und politischer und gesellschaftlicher Einsatz auf der anderen Seite würden längst nicht mehr als Gegensätze betrachtet, so Gröhe. "Christlicher Glaube und der Wunsch, Gesellschaft zu gestalten, sind keine sich ausschließenden Aspekte mehr. Denn auch Christen haben erkannt, dass es immer schwerer wird, zum Glauben an einen menschenfreundlichen Gott einzuladen, ohne sich auch gesellschaftlich zu engagieren", so der CDU-Politiker.

Herausforderung: Neuer Atheismus

Diese Verbindung zwischen Glaubensbezeugung und gesellschaftlichem Engagement sei auch angesichts eines neu aufgekommenen Atheismus in Deutschland wichtig, so Gröhe. "Grundsätzlich ist es gut, dass Religion wieder ein Thema in der Öffentlichkeit ist. Es ist gerade einmal neun Jahre her, dass ein Bundeskanzler die Eidesformel 'So wahr mir Gott helfe' mit der Begründung abgelehnt hat: Glaube ist Privatsache. Genau das ist aber der Glaube nicht mehr", sagte Gröhe. Insofern sei es gut, dass das Thema Glaube wieder ein "Gesprächsthema auf dem Marktplatz" sei.

Dabei habe eine gleichzeitig zu beobachtende Säkularisierung wesentliche Auswirkungen auf eine Gesellschaft. "Säkularisierung und Kinderlosigkeit sind eine Folge davon, dass immer mehr Menschen die Messlatte für ihr Leben nur noch im Hier und Jetzt anlegen." Überspitzt formulierte der Politiker: "In Häusern, in denen Bibliotheken stehen, werden keine Kinder mehr geboren, und da, wo Kinder geboren werden, stehen keine Bibliotheken." Diese Beobachtung müsse umgekehrt werden, so Gröhe.

Die Grünen-Politikerin Göring-Eckardt, die auch Mitglied der EKD-Synode ist, sieht angesichts einer "durchaus vorhandenen Sehnsucht nach Orientierung" in der Gesellschaft auch die Kirchen in Deutschland in der Pflicht, auf diesen Trend zu reagieren und damit einem verankerten Atheismus entgegentreten. "Kirchen müssen sich die Frage stellen, ob die Sehnsucht der Menschen nach Orientierung überhaupt die Türschwellen der Gotteshäuser überschreitet. Für viele Menschen gerade in den neuen Bundesländern bestehen das Innere einer Kirche und damit auch die Inhalte des Glaubens aus einer nebulösen Vorstellung und Unkenntnis", so die gebürtige Thüringerin. In der ehemaligen DDR habe es einen staatlich verordneten Atheismus gegeben, der Grund dafür sei, dass heute vielen Menschen im Osten grundlegendes Wissen über Glaube und Religion fehle. Dabei sei die vorhandene Säkularisierung jedoch nicht nur ein Fakt in den neuen Bundesländern. Dies sei eine Herausforderung, der auch die Kirche auf neuen Wegen begegnen müsse.

Eckstein: Gottesbezug und Navigationsgerät

Hans-Joachim Eckstein, Professor für Neues Testament an der Evangelisch-theologischen Fakultät in Tübingen, bezeichnete auf der Tagung die Feindesliebe als ein elementares Element der Gerechtigkeit, wie sie in der Bibel vermittelt werde. "Zur christlichen Gerechtigkeit gehört die Feindesliebe, die dem Gegenüber auch dann entgegengebracht wird, wenn dieser Aggression und mangelndes Entgegenkommen zeigt. Denn biblische Gerechtigkeit sagt: 'Ich gebe, weil mir gegeben worden ist' und nicht: 'Ich gebe, damit auch du mir gibst'", so Eckstein.

In der Frage der Vereinbarkeit von christlichem Glauben und politischem Handeln bedeute dies, dass "wir uns als Christen nicht mit den Maßstäben des Rechts begnügen, sondern die biblische Gerechtigkeit leben, die vergibt und immer den Weg zum Heil aufzeigt", so der Tübinger Theologe. Diese Orientierung gehöre auch sehr praktisch in politische Grundlagentexte, etwa in die Verfassung eines Staates. "Denn", so Eckstein, "eine Verfassung ohne Gottesbezug ist wie ein Navigationssystem ohne Satelliten."

Verantwortung im Kampf gegen Armut

Christen seien auch zu einem Engagement für eine "Gerechtigkeit weltweit" aufgerufen, sagte der Leiter des Arbeitskreises Afrika der CDU/CSU-Fraktion, Hartwig Fischer. In einer Diskussion, an der auch der Geschäftsführer des internationalen Hilfswerks "World Vision", Christoph Waffenschmidt, und der Vorsitzende des Arbeitskreises "Micha Initiative" der Evangelischen Allianz, Rolf Zwick, teilnahmen, forderten die Experten eine Erweiterung des Blickfeldes von Christen auf weltweite Herausforderungen von Armut und Entwicklungsförderung etwa in Afrika. "Angesichts einer steigenden Zahl von Menschen, die in Armut leben, gilt es, den Anspruch der Gerechtigkeit gerade auch in solchen Ländern umzusetzen, in denen die Menschen in bitterer Armut leben", so Fischer.

Kanzleramtschef de Maizière: "Große finanzielle Förderung von Familien"

Der Chef des Bundeskanzleramtes und Minister für besondere Aufgaben, Thomas de Maizière, bezeichnete die Gerechtigkeit Gottes als Maßstab für menschliches Handeln. Dennoch sei es Menschen unmöglich, diese geforderte Gerechtigkeit immer und überall umzusetzen. Dies gelte auch in der Politik. "Gerecht zu handeln ist ein Anspruch, der an jeden gestellt ist. Gerechtes Handeln ist Aufgabe der Menschen untereinander", so de Maizière. Gott habe jedem Menschen die Fähigkeiten und Gaben gegeben, um Leben selbstbestimmt zu gestalten. In Familien finde die maßgebliche Unterstützung für diejenigen statt, die mit dieser gegebenen Verantwortung überfordert seien, so de Maizière.

Familien würden auch aus diesem Grund vom Staat finanziell gefördert. "Wir haben es nur geschafft, diese finanzielle Unterstützung so zu vernebeln, dass es keiner mehr merkt", so de Maizière. Kinder würden heute "so stark wie noch nie zuvor finanziell gefördert". Aus diesem Grund sei er "vorsichtig geworden", wenn von verschiedenen Seiten gefordert werde, dass Eltern für die Erziehung ihrer Kinder grundsätzlich weitere staatliche Förderung erhalten sollten. "Wir müssen aufpassen, dass Menschen nicht nur aus dem Grund Kinder bekommen, wenn sie dafür auch Geld vom Staat erhalten. Diese Verknüpfung ist fatal", so de Maizière. Einzig an finanzielle Unterstützung könne das Wohl der Familien und die Akzeptanz von Kindern nicht geknüpft werden. Wichtiger sei ein Umdenken gerade unter jungen Menschen, Kinder wieder als Garanten für die Zukunft unserer Gesellschaft und ihre individuelle Zukunft zu sehen, so der CDU-Politiker.

Was tun für vernachlässigte Kinder?

Auch der Sorge und notwendigen Hilfe für benachteiligte Kinder wurde auf der Tagung "Christ und Politik" breiter Raum eingeräumt. Der Gründer des Kinder- und Jugendhilfswerks "Die Arche", Pastor Bernd Siggelkow, attestierte ein nicht mehr vorhandenes Verständnis für Armut und vernachlässigte Kinder in Deutschland. "Es geht in unserer Gesellschaft beinahe ausschließlich ums Geld", so Siggelkow. Das sei auch der Grund dafür, dass Menschen mit keinem oder extrem geringem Einkommen sich ausschließlich über materielle Werte oder Gegenstände definierten. Eine totale Ausrichtung auf Geld sei damit nicht nur ein Problem in einigen Kreisen der Wirtschaft, sondern auch unter armen Menschen.

Siggelkow kritisierte das Ziel der Politik, vernachlässigte Kinder in einer Ganztagseinrichtung zu betreuen. Es müsse nicht nur den Kindern, sondern auch den Eltern geholfen werden, so der "Arche"-Gründer. Kinder könnten zudem durch die von der Politik gestellte "Hartz IV"-Zahlung von rund 2,70 Euro pro Tag nicht gesund ernährt werden. Es sei eine grundlegende Änderung des Systems der gebotenen Hilfe für benachteiligte Kinder und Familien notwendig, so Siggelkow.

Wilfried Franz, Gründer und langjähriger Geschäftsführer der Ladenkette "Spiele Max", kritisierte darüber hinaus das "mammongesteuerte Handeln" von Managern und Unternehmern, die einzig auf die Maximierung des Gewinns achteten. "Doch auch Christen stehen in der Gefahr, sich von dem Dämonen Mammon regieren zu lassen", so Franz. Hier müssten Christen durch ihren Lebensstil eine gänzlich andere Orientierung aufzeigen.

Der CDU-Bundestagsabgeordnete Philipp Mißfelder forderte die Christen auf, sich wesentlich stärker im Kontakt zu Politikern zu engagieren. "Es gibt unzählige Lobbygruppen, die ständig bei uns Politikern vorsprechen. Christen tun das zwar auch, aber in noch zu geringem Maß." Wenn christliche Themen auf der Tagesordnung bleiben oder verstärkt vorkommen sollten, müssten sich Christen auch an den Schaltstellen der Politik zu Wort melden, so Mißfelder.

Gerade dieser letzte Programmpunkt des "Forums: Christ und Politik" zeigte deutlich, dass christlicher Glaube immer in die praktische Tat und Verantwortung führen muss. Geht es doch beim engagiert gelebtem Glauben nicht um Thesen und Programme, sondern um Wesentlicheres: den Menschen.

Von: ad

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