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Papa Bernds Glaubensbekenntnis



Bernd Siggelkows Geschichte wäre eine Erfolgsgeschichte, wenn sie keinen traurigen Hintergrund hätte. Der Gründer und Leiter des Berliner Arche-Projekts gibt in seiner jetzt erschienenen Biographie "Papa Bernd" zu, dass der gesellschaftliche Erfolg der "Arche" ein Misserfolg der Gesellschaft ist. Am heutigen Mittwoch wurde sein neues Buch der Öffentlichkeit vorgestellt.
Von PRO

Foto: ZDF/ pro

Wer in Bernd Siggelkows Biographie eintaucht, versteht manches von dem,
was ihn in seiner Arbeit antreibt. Als Kind des Hamburgers Stadtteils
St. Pauli groß geworden, begegnet er früh dem Thema Armut. Seine Mutter
verlässt die Familie, der Vater schlägt sich – mehr schlecht als recht –
als Geschäftsmann durch. Finanzielle Probleme sind keine Seltenheit,
einmal ist sogar der Gerichtsvollzieher zu Besuch. Vielleicht ist dies
ein erstes Indiz dafür, dass sich Siggelkow heute so gut in die
Situation armer Kinder hinein versetzen kann.


Glaube und Kirche spielen in seiner "Familie" keine Rolle. Im Alter von 11 Jahren wird Siggelkow eher durch Zufall zum Kirchgänger, was der Vater toleriert. Mit 15 bekommt er Kontakt zur Heilsarmee, der er noch heute angehört, und beginnt dort als ehrenamtlicher Mitarbeiter. In der theologischen Diskussion mit den Mitgliedern findet er nicht nur zum lebendigen Glauben, sondern lernt auch, im "Zweifelsfall mal einen Alleingang zu wagen". Wie er in der Rückschau feststellt, eine weitere Eigenschaft, ohne die es die Arche wahrscheinlich nie gegeben hätte. Nach der Schule entscheidet sich der Heranwachsende für das Berufsleben und damit für die Unabhängigkeit von seinem Vater. Mit 16 verlässt er das Elternhaus und wohnt in einem Haus der Heilsarmee. Drei Jahre später entscheidet er sich für den hauptamtlichen theologischen Dienst.



"Hier musste etwas passieren"



In Bochum beginnt er mit seiner Ausbildung. Dort lernt er nicht nur seine Frau kennen, sondern beginnt auch mit dem Aufbau einer Kindergruppe. Auf verschlungenen Wegen kommt er schließlich 1995 als Jugendreferent einer Freikirche nach Hellersdorf/Marzahn. In dem Berliner Plattenbau-Stadtteil lässt ihn die soziale Kälte und Not nicht los: "Hier musste etwas passieren." Von Kinderarmut, so Siggelkow, sei in den deutschen Medien damals noch keine Rede gewesen.



Trotz seines Berufs ist er gezwungen Sozialhilfe zu beantragen. Mit ein paar Freunden zieht er von Spielplatz zu Spielplatz und lädt Kinder zu seiner  Kinderstunde im eigenen Wohnzimmer ein. Es ist die Geburtsstunde der Einrichtung, die bald offiziell "Die Arche Berlin – Christliches Kinder- und Jugendwerk e. V." heißt. Im Hause Siggelkow wurde zunächst Gitarren- und Theaterunterricht angeboten. Wie es in dem Buch heißt, war es dem Ehepaar wichtig, "mit dem Zauberwort Liebe Potential bei Kindern zu wecken, das ansonsten verschüttet geht." Beim Aufbau und der strukturellen Verankerung der Arbeit wehte Siggelkow politischer Gegenwind ins Gesicht. Er wahre nicht die notwendige Distanz zu den Kindern, lautete der Vorwurf eines Linken-Bezirkspolitikers. Andere ereiferten sich, dass in der Arche "über den Magen" missioniert werde.



Heute nutzen 2.000 Kinder das Angebot in den zehn deutschen Archen. Im nächsten Jahr sollen fünf weitere hinzukommen. Die Angebote sind altersspezifisch. Alle Kinder bekommen nach der Schule eine warme Mahlzeit. In der Arche stehen Billard, Kicker, Gesellschaftsspiele, Kletterburg, aber auch ein Ruhe- und ein Werkraum zur Verfügung. Die 13- bis 20-Jährigen profitieren von Workshops, Jugendcamps, Berufsberatung und Hilfe bei der Suche nach einem Ausbildungsplatz. Im Jahr 2010 lag der Etat der Arche in Deutschland bei 8 Millionen Euro. 75 Prozent werden durch private Spenden abgedeckt, ein Viertel durch die Unterstützung von Unternehmen. Mittelfristig strebt Siggelkow eine 50:50-Lösung an. Staatliche Unterstützung erhält die "Arche" keine.


Die Sicht der Kinder einnehmen

"Es sind in den letzten zehn Jahren gesellschaftlich viel zu viele Missstände eingetreten, die logisch waren, aber worauf niemand richtig reagiert hat", beklagt Siggelkow im Interview mit pro. Erst peu a peu sei es gelungen, die Politiker aus dem Dornröschenschlaf zu wecken. Siggelkow, auch "EU-Botschafter für das europäische Jahr gegen Armut und Ausgrenzung", wünscht sich: "Wir müssen dazu kommen, die Sicht der Kinder und nicht  die der Politiker einzunehmen." Laut aktueller Daten leben in Deutschland mehr als zwei Millionen Kinder unterhalb der Armutsgrenze.


Das Buch ist übrigens nicht auf die Initiative des bescheidenen Theologen entstanden. Siggelkow setzt nicht auf Selbstdarstellung. Menschen aus seinem Umfeld haben für die Entstehung plädiert, um aufzuklären und mehr auf die Not der Kinder hinzuweisen. "Es kommt nicht auf ausgeklügelte pädagogische Konzepte an, sondern auf Beziehung und Nächstenliebe in einer Gesellschaft, die immer anonymer wird", wie er sagt.



Frustrierend wird es für ihn dann, "wenn man jahrelang versucht, sich für die Belange der Menschen einzusetzen und viele Leute immer noch nicht begriffen haben, worum es geht." Bestimmten Politikern gelinge es, mit Floskeln bestimmte Bevölkerungsschichten als faul zu stigmatisieren. "Dies macht die Arbeit für diejenigen schwer, die sich bemühen aus dem Hartz IV-Kreislauf herauszukommen. Wenn Kinder perspektivlose Eltern erleben, fühlen sie sich auch aufgegeben." Siggelkow macht die Probleme an einem Beispiel anschaulich, mit denen die Kinder und ihre Eltern fertig werden müssen: Für Mobilität sind im HartzIV-Regelsatz 10 Euro monatlich vorgesehen.



Gänsehaut bekommt Bernd Siggelkow, wenn er von "seinen" Kindern persönliche Briefe bekommt, sie sich gegenseitig in den Arm nehmen oder nach langer Abwesenheit um den Hals fallen. "Dann ist es schön zu wissen, dass man gebraucht und geliebt wird." Wenn "Papa Bernds" eigentlicher Wunsch in Erfüllung geht, wäre sein Arbeitsplatz gefährdet – nämlich dann, "wenn die Arbeit in der Bedürftigkeit der Menschen nicht mehr gebraucht würde". Seine Vision ist es, jedem der Arche-Kinder einen Ansprechpartner zur Verfügung zu stellen, der es sein Leben lang begleitet.



So stark wie das Team ist, so stark ist auch die Arbeit

Siggelkow ist aber Realist: "Angesichts der Not der Kinder ist die Arbeit der Archen ein Tropfen auf den heißen Stein." Die Notwendigkeit werde in Zukunft noch wachsen, was daran liege, dass Deutschland seiner sozialen Verantwortung nicht mehr gerecht werde. "Eine Masse von Kindern fällt durch das soziale Netz, weil sie sich ihrer Armut schämen. Da können wir doch nicht sagen, dass uns das egal ist", so Siggelkow.


"Wir bieten den Kindern unser Herz und unsere Liebe. Die Nachhaltigkeit der Arbeit wird dadurch gewährleistet, dass Mitarbeiter über Jahre die gleichen Kindern betreuen", beschreibt Siggelkow das Konzept der Arche gegenüber pro. Die Liebe und die Nächstenliebe, die Jesus für die Kinder hatte, präge den "Geist der Arche". Um diesen zu verstehen, müssen alle Mitarbeiter zunächst ein paar Wochen in Berlin arbeiten. Dort sollen sie erfahren, wie das Team den Kindern die Liebe Gottes vermittelt.



Die Kinder haben immer Priorität

Ein Teil seiner Arbeitszeit muss Siggelkow in das Aufbringen von Spenden investieren. Er bedauert, dass ihm dadurch Zeit für das "Kerngeschäft", die Arbeit mit den Kindern, fehlt. Denn diese ist seine Leidenschaft: "Eine meiner wenigen Begabungen ist, die von Gott gegebene Liebe zu den Kindern. In deren Probleme kann ich mich, glaube ich, deswegen gut hineinversetzen, weil ich selbst vieles durchlebt habe." Um in seiner täglichen Arbeit nicht den Blick für den Einzelnen zu verlieren, steht seine Bürotür immer offen. "Da macht es auch nichts aus, wenn prominente Geldgeber bei mir im Büro sitzen. Die Kinder haben immer Priorität."



Eines seiner menschlichen Vorbilder ist Martin Luther. Luther hat, so schreibt Siggelkow in der Biographie, "alles über Bord geworfen, was in seiner Zeit, Kultur und Gesellschaft Gültigkeit hatte" – und das er aufgrund gewonnener Erkenntnisse einer Überprüfung unterziehen wollte. In der Rückschau betont Siggelkow, dass es für den Erfolg der Arche zwei Faktoren gab: harte Arbeit und das notwendige Glaubensfundament. "Ohne ein Glaubensfundament würde ich heute wahrscheinlich einen anderen Beruf ausüben und ohne meinen Glauben gäbe es wohl keine Arche in Deutschland: Nur durch meinen Glauben kann ich das tun, was ich tue."

Bernd Siggelkow,

Wolfgang Büscher, Markus Mockler; Papa Bernd: Arche-Gründer Bernd Siggelkow – Ein Leben für die vergessenen Kinder, adeo-Verlag, 2010. ISBN 978-3-942208-18-5. (pro)

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