Serge Varga ist Leiter der Schulsozialarbeit an der Freien Evangelischen Schule Lörrach. Er sagt, Mobbing gibt es auch an christlichen Schulen.

Serge Varga ist Leiter der Schulsozialarbeit an der Freien Evangelischen Schule Lörrach. Er sagt, Mobbing gibt es auch an christlichen Schulen.

„Kinder brauchen definitiv Zuwendung und Aufmerksamkeit ihrer Eltern“

Ärgern, ausgrenzen, bedrohen: Jeder sechste 15-Jährige wird in Deutschland regelmäßig Opfer von Mobbing, heißt es in der aktuellen PISA-Studie. Wie können sich Kinder schützen und Eltern helfen? Gibt es Mobbing auch an christlichen Schulen? pro hat mit einem Experten darüber gesprochen.

Schule kann zur Qual werden: In Deutschland wird jeder sechste 15-Jährige mehrmals im Monat Opfer von Mobbing in der Schule. Das geht aus der kürzlich veröffentlichten Sonderauswertung der PISA-Studie 2015 zum Wohlbefinden von Jugendlichen weltweit hervor. Schüler, die häufig gemobbt werden, gaben eher an, dass ihre Eltern ihnen nicht bei Schwierigkeiten in der Schulen helfen, als diejenigen, die nicht gemobbt werden.

Ein weiterer Aspekt aus der PISA-Studie ist, dass Kinder mit einer Wahrscheinlichkeit von 60 Prozent mit ihrem Leben zufrieden sind, wenn ihre Eltern einfach nur mit ihnen reden. Das Einbringen der Eltern wirkt sich demnach stärker auf das Wohlbefinden aus als viele Schulfaktoren.

pro hat mit Serge Varga, Leiter der Schulsozialarbeit an der Freien Evangelischen Schule Lörrach, über Mobbing, den Schutz der Kinder und die Verantwortung der Eltern gesprochen. Er plädiert dafür, Mobbing so schnell wie möglich offen zu legen, und dass Eltern in die Beziehung zu ihren Kindern investieren.

pro: Jeder sechste 15-jährige Schüler in Deutschland wird regelmäßig Opfer von Mobbing, zeigt die PISA-Studie. Woher kommt es, dass Kinder gemobbt werden?

Serge Varga: Überall, wo es Menschen gibt, gibt es Konflikte. Das war schon von Anfang an so. Konflikte und auch Mobbing stecken in den Herzen der Menschen. Kinder und Jugendliche sind in Deutschland verpflichtet, in die Schule zu gehen und verbringen viel Zeit auf engem Raum dort. Hinzu kommt der Leistungsdruck in unserem Schulsystem mit wenig Ausgleich. Das sind die Komponente, die zu unschönen Situationen führen.

Welche Formen von Mobbing gibt es?

Das klassische Mobbing, das es schon vor den Sozialen Medien gab, ist klassenintern. Eine Gruppe von Schülern ärgert oder beleidigt über eine längere Zeit einen anderen Schüler. Das passiert oft verdeckt. Neben dem klasseninternen Mobbing gibt es das auch auf dem Schulhof mit Schülern, die nicht zu einer Klasse gehören. In den vergangenen Jahren ist das Mobbing über Soziale Medien, WhatsApp-Gruppen und Klassenchats stark angewachsen und damit unübersichtlicher und komplizierter zu durchschauen geworden.

Wie geht Ihre Schule speziell gegen Mobbing vor?

Einerseits: Prävention so früh wie möglich. Prävention ist nicht mit einem Mal gemacht. Sie muss sich wiederholen in verschiedenen Altersgruppen und unterschiedlichen Methoden. Ich glaube viel mehr an Präventions- als an Reaktionsarbeit. Leider muss man öfter reagieren, als man präventiv arbeiten kann. Da sind wir dran, einen roten Faden von der Grundschule her bis hin zur weiterführenden Schule zu erarbeiten. Daran sind nicht nur die Schulsozialarbeiter beteiligt, sondern auch die Klassenlehrer, Eltern und Schulleitung.

Wenn es wirklich zum Mobbing-Fall kommt, müssen wir zuerst herausfinden, welche Form es ist und wer involviert ist. Dann entscheiden wir, wie wir damit umgehen. Das kann ein Einzel- oder Kleingruppengespräch bedeuten. Das kann aber auch auf Klassenebene sein, es kann Eltern involvieren oder Externe bis hin zur Polizei.

Hat sich das Mobbing über die Jahre verändert?

Ja, definitiv. Vor fünf bis sieben Jahren, als die Sozialen Medien noch nicht so verbreitet waren, konnte ich in eine Klasse gehen und herausfinden, wer mit welcher Rolle in das Mobbing involviert ist oder mit welcher Art von Mobbing wir es zu tun haben. Dann, je nach Situation, habe ich zum Beispiel die Gruppe der Schüler zur Seite genommen, mit ihnen gesprochen und das in der Klasse thematisiert und offengelegt. Normalerweise war dieser Konflikt dann schon geregelt. Damals habe ich für einen Mobbing-Fall in einer Klasse ein paar Gespräche und ein bisschen Recherche gebraucht. Nach ein paar Tagen hatte man das normalerweise im Griff.

Heutzutage mit den Neuen Medien ist das anders. Es verbreitet sich viel schneller, viel weiter. Das ist teils klassen- oder schulübergreifend. Es ist sehr schwer herauszufinden, wer alles involviert ist, wie es angefangen hat, wie weit es gegangen ist. Bis ich heutzutage überhaupt an den Kern des Problems komme, dauert es wochenlang. Oft habe ich dann gar nicht alle im Boot, die involviert waren. Das hat sich schon stark verändert.

Sieben Prozent der befragten deutschen 15-Jährigen sagen, dass andere Schüler über sie fiese Gerüchte verbreiteten. Gleichzeitig geht aus der PISA-Studie hervor: Die Zufriedenheit deutscher Schüler liegt leicht über dem OECD-Durchschnitt.

Sieben Prozent der befragten deutschen 15-Jährigen sagen, dass andere Schüler über sie fiese Gerüchte verbreiteten. Gleichzeitig geht aus der PISA-Studie hervor: Die Zufriedenheit deutscher Schüler liegt leicht über dem OECD-Durchschnitt.

Wer ist am Mobbing beteiligt?

Normalerweise sind es zwei, drei „Haupttäter“, die sich ein „Opfer“ aussuchen. Dann gibt es etliche Mitläufer. Und schließlich die ganzen Beobachter, die Mobbing in irgendeiner Form mitbekommen, aber nichts machen und reagieren. Mit diesen Gruppen kann ich arbeiten.

Welche Rückmeldung bekommen Sie von Opfern im Rahmen und nach einer Mediation?

Der Schüler wird über längere Zeit begleitet, über Monate teilweise, und immer wieder gefragt: Wie geht’s dir, gibt es noch etwas? Das geschieht entweder durch uns, oder durch Fachleute, wenn er therapiert wird. Wir haben ein großes Netzwerk von Kinderärzten, Therapeuten, Kinder- und Jugendpsychologen. Wir bieten auch Coolness-Training für Schüler an, die eher aggressiv sind. Das ist eine leichte Form des Anti-Aggressionstrainings. Nach dem Training werden Schüler auch über einen längeren Zeitpunkt begleitet.

Hat Mobbing für die Seele der Kinder langwierige Auswirkungen?

Ja, aber jedes Kind geht anders damit um. Es sind so viele Faktoren, die eine wichtige Rolle spielen, ob das Kind schnell gesund wird oder nicht: die Persönlichkeit des Kindes, das Familienumfeld, der Freundeskreis, sonstige Aktivitäten wie die Mitgliedschaft in einem Verein, einer Gemeinde oder einem Jugendkreis.

Wie können sich Kinder vor Mobbing schützen?

Ein Kind sollte Mobbing so schnell wie möglich ans Licht bringen, sich Hilfe holen und mit jemandem darüber reden. Das wäre der ideale Fall. Aber oft können Kinder, die gemobbt werden, selber gar nicht mehr reagieren.

Sollte es den Täter auch direkt konfrontieren?

Es ist schwierig. Es gibt verschiedene Ansätze. Das hängt stark vom Charakter des Kindes und von der Art des Mobbings ab. Manche Eltern sagen, sie haben ihrem Kind gesagt, es soll sich wehren. Mobbing bedeutet immer: Eine Gruppe ist gegen eine Person. Es ist schwierig für eine Person, sich gegen eine Gruppe zu wehren. Das kann gefährlich sein, vielleicht noch Öl aufs Feuer gießen. Ein Kind sollte so schnell wie möglich mit den Eltern reden – wenn das Vertrauen da ist –, mit anderen Erwachsenen oder unbeteiligte Vertauenspersonen wie Freunden, Bekannten, Klassenlehrern, Schulsozialarbeitern und sie mit reinnehmen in die Situation und sie offenlegen.

„Die Gesellschaft fordert: Beide Elternteile sollen erwerbstätig sein. Das sind alles Faktoren, die Druck auf die Familie ausüben und die den Familienalltag schwerer machen.“

Was können Eltern tun?

In der Zukunft wird Elternarbeit und Elterntraining immer wichtiger werden. Ich erlebe das in den vergangenen drei bis fünf Jahren immer häufiger mit WhatsApp-Gruppen. Eltern kommen an die Schule und beschweren sich, dass ihr Kind via WhatsApp gemobbt wird. Es gibt Klassen- und Schulchats. Im Verlauf des Chats sehen wir aber, dass die Kinder hauptsächlich von zu Hause schreiben. Da müssen die Eltern daheim mehr Verantwortung übernehmen und auch mehr kontrollieren. Ich behaupte, Eltern können auch bei 16-Jährigen regelmäßig auf das Handy schauen.

Ein weiterer Aspekt aus der PISA-Studie ist: Kinder sind mit 60-prozentiger Wahrscheinlichkeit mit ihrem Leben zufrieden, wenn Eltern einfach nur mit ihren Kindern reden. Das Verhalten der Eltern wirkt sich also stärker auf das Wohlbefinden aus, als viele Schulfaktoren. Wie erklären Sie das?

Ich beobachte eine Entwicklung auf Familienebene: Ich erlebe immer weniger „gesunde, intakte“ Familien, wo beide Elternteile oder mindestens ein Elternteil daheim für die Kinder da ist. Viele Erwachsene kämpfen selbst – etwa finanziell oder beruflich. Das sind Stressfaktoren, die meiner Meinung nach die Aufmerksamkeit und die Nähe zu den Kindern erschweren.

Hinzu kommt der Druck der Gesellschaft auf die Familien. Mütter, die ihre Kinder zu Hause erziehen und nicht oder spät in eine Kita geben, werden oft schräg angeschaut. Die Gesellschaft fordert: Beide Elternteile sollen erwerbstätig sein. Das sind alles Faktoren, die Druck auf die Familie ausüben und die den Familienalltag schwerer machen. Das ist nicht hilfreich, damit die Eltern mit ihren Kindern reden. Die Kinder brauchen aber definitiv die Zuwendung und Aufmerksamkeit ihrer Eltern.

Wie können Eltern agieren, wenn sich ein Kind verschließt, aber sie wissen von der Wichtigkeit, mit dem Kind zu reden? Wie kommt man an die Kinder heran?

Wenn ich dafür Zauberformeln hätte, hätte ich diese auch bei meiner Familie benutzt. Manchmal ist es hilfreich, out-of-the-box zu denken nach dem Motto: Wie kann ich mein Kind überraschen? Wo können wir eine Verbindung bekommen, etwa durch gemeinsame Aktivitäten, Hobbys, das bewusste Schaffen von Zeitfenstern. Ich habe selbst vier Kinder, die mittlerweile erwachsen sind. Das war für mich immer eine große Herausforderung.

Die Beziehung zwischen Eltern und Kindern soll stets hochgehalten werden, sagt Schulsozialarbeiter Varga – auch in Situationen wie der Pubertät oder dem Rebellieren des Kindes

Die Beziehung zwischen Eltern und Kindern soll stets hochgehalten werden, sagt Schulsozialarbeiter Varga – auch in Situationen wie der Pubertät oder dem Rebellieren des Kindes

Auch in den Phasen, in denen man schwerer an die Kinder herankommt, ist es aber wichtig, ihnen zu zeigen, dass man sie lieb hat und für sie da ist.

Genau. Und ich ermutige die Eltern stets, sich selber schneller professionelle Hilfe zu holen. Es gibt beispielsweise erziehungspsychologische Beratungsstellen vom Landratsamt, bei denen sie sich Ratschläge holen können. Wenn man körperliche Schmerzen hat, geht man schnell zum Arzt. Wenn die Seele nicht klar kommt, ist es für viele Menschen noch eine Überwindung zu sagen, ich hole mir Hilfe als Seelsorge oder bei einer Beratungsstelle.

Inwieweit kommt Mobbing auch an christlichen Schulen vor?

Christliche Schule heißt nicht einsame Insel oder Wolke 7. Allerdings sind christliche Schulen Privatschulen, und die Eltern zahlen Schulgeld. Das gibt uns andere Möglichkeiten, an bestimmte Situationen anders heranzugehen als eine staatliche Schule. Außerdem erlebe ich, dass viele Eltern daran interessiert sind zu kooperieren oder das Gespräch zu suchen, um gemeinsam zu arbeiten.

Am wichtigsten finde ich aber: Wir haben andere Aktivitäten und Schwerpunkte als an staatlichen Schulen. Ich bin davon überzeugt, dass es die Atmosphäre prägt, wenn der Tag in der ersten Schulstunde mit einer kurzen Andacht des Lehrers begonnen und der Blick auf Gott gelegt wird und Eltern die Schule im Gebet im Hintergrund tragen. Das ist unabhängig davon, ob die Kinder gläubig sind oder nicht. Aber das heißt nicht, dass wir keine Probleme haben.

Vielen Dank für das Gespräch.

Die Fragen stellte Martina Blatt. (pro)

Von: mab

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