Christliche Eltern wollen ihren Kindern meist ihren Glauben vermitteln

Christliche Eltern wollen ihren Kindern meist ihren Glauben vermitteln

Christliche Erziehung in Familien: Kein Auslaufmodell

Christliche Erziehung ist kein Auslaufmodell und steckt gleichzeitig mehr denn je in einem Dilemma. Diesen Befund erbringen die Autoren Tobias Künkler und Tobias Faix in einer Studie, zu der sie auch ein zahlreiche Aspekte umfassendes Buch verfasst haben. Eine Rezension von Miriam Anwand

Geschlechterrollen, Gespräche über den Glauben, aber auch das Thema Gewalt: Die neue Studie „Aufwachsen in einer christlichen Familie. Eine empirische Studie zur christlich-familiären Erziehung“ beleuchtet unterschiedliche Facetten der christlichen Erziehung. Das Forschungsinstitut empirica führte sie durch. Neben dem Forschungsbericht und einem Erziehungstest haben die Autoren Tobias Künkler und Tobias Faix auch ein Buch zur Studie verfasst mit dem Titel „Erziehung Zwischen Furcht und Freiheit. Das Dilemma der Christlichen Erziehung“.

Der Anstieg der Scheidungsraten, das immer höhere Heiratsalter, der Rückgang der Geburten und die Zunahme alternativer Familienstrukturen fernab von Vater-Mutter-Kind – für Kulturpessimisten sind das Indizien für den Niedergang der traditionellen Familie. Die Jugend von heute sei bindungsunfähig. In zwischenmenschlichen Beziehungen herrsche Wegwerfmentalität. Verantwortung für Kinder zu übernehmen werde auf die lange Bank geschoben oder ganz abgelehnt. Würden doch Kinder geboren werden, dann erlebten sie die falsche Erziehung: zu wenig Regeln, zu wenig Grenzen. Eltern hätten kaum noch Zeit für ihre Kinder, weil beide, Mann und Frau arbeiten gehen. Und die Kinder, die oft ebenfalls ausgeplant seien, legten kaum Wert auf Zeit mit der Familie, es sei denn auf einen Austausch per WhatsApp. Viele Christen unter den Kulturpessimisten sehen dahinter ganz klar einen Verfall christlicher Werte.

Populärwissenschaftlich, ohne an Qualität zu verlieren

Nicht so die Autoren der Studie. Unter der Fragestellung „Wie sieht christliche Familienerziehung heute aus?“ haben der Erziehungswissenschaftler Tobias Künkler und der Theologe Tobias Faix einen Blick hinter die Kulissen christlicher Familien geworfen. Von 2014 bis 2016 arbeitete das Team der Forschungseinrichtung empirica, die an der CVJM-Hochschule in Kassel beheimatet ist, an der Umfrage. Das Buch zur Studie wird am Samstag im Rahmen eines Symposiums in Kassel interessierten Eltern, Mitarbeitern von Gemeinden, Pädagogen und Wissenschaftlern vorgestellt.

Es ist bewusst populärwissenschaftlich gehalten, ohne dass seine Qualität leiden würde, wie der Vergleich mit dem rein wissenschaftlichen Forschungsbericht zeigt. Im Buch bringen die Autoren – anders als im Forschungsbericht – ihren eigenen Standpunkt klar zum Ausdruck, der Mut machend, entspannt und angenehm unaufgeregt ist. Ergebnisse haben sie im Buch in Form von Porträts einzelner christlicher Eltern oder als wortgetreue Wiedergabe von längeren Antworten den Zahlen, Fakten und Grafiken zur Seite gestellt. Dadurch gewinnen diese an Inhalt und machen die Umfrageergebnisse lebendig. Dem Forschungsprojekt gelingt so ein wichtiger Schritt, der von Wissenschaft und Forschung oft nicht gemacht wird, nämlich wissenschaftliche Ergebnisse einer nicht nur wissenschaftlichen Öffentlichkeit nahe zu bringen.

Multioptionalisierung vergrößern Unsicherheiten und Wahlmöglichkeiten

Ergebnis der Studie ist, dass Familien lebendig sind. Von einer Scheidungsrate auf Bindungsunwilligkeit in der Bevölkerung zu schließen, sei genauso kurzgegriffen wie aus der längeren Dauer früherer Ehen höhere geistige Reife und stärkere Bindungsfähigkeit, geschweige denn glücklichere Ehen zu folgern. Die aktuelle Scheidungsrate ließe sich auch mit höheren Ansprüchen an eine Ehe erklären. Die Dauer einer Ehe allein sei heute kein Selbstzweck mehr. Ein Anspruch an die Ehe sei häufig die Gleichwertigkeit von Mann und Frau, was sie konfliktreicher mache, weil sie mehr Aushandlungs- und Kompromissbereitschaft von den Ehepartnern verlange.

Ähnlich verhalte es sich auch mit dem Kinderwunsch. Auch hier seien die Ansprüche an die materiellen Umstände, aber auch an die eigene Leistung als Erziehender gestiegen. Die Beziehung sei egalitärer, also gleichwertiger, geworden und so steige das Aushandlungspotential zwischen Eltern und Kind deutlich an. Diesen Ansprüchen gerecht zu werden, scheine vielen Eltern bei höchstens zwei Kindern realistisch. Die Entscheidung junger Menschen für eine Ehe und für Kinder unterliege außerdem dem beschleunigten sozialen Wandel, durch den Erfahrungen und Werte, auf denen Zukunftsentscheidungen aufbauen, immer schneller veralten. Multioptionalisierung, also die geringer werdenden gesellschaftlichen Vorgaben für bestimmte Lebensbereiche, vergrößern sowohl Unsicherheiten als auch Wahlmöglichkeiten. Die Gesellschaft und damit auch die Familien unterlägen somit einem Wandel, doch dieser sei nicht per se schlecht, die „alten Zeiten“ nicht per se „gut“, interpretieren Künkler und Faix den Forschungsstand.

An der Studie durften Eltern teilnehmen, die sich selbst als christlich bezeichnen und mindestens ein Kind im Alter zwischen vier und 18 Jahren haben

An der Studie durften Eltern teilnehmen, die sich selbst als christlich bezeichnen und mindestens ein Kind im Alter zwischen vier und 18 Jahren haben

Ein Vorbild im Glauben sein

Dieser Wandel der Familie allgemein mache vor christlichen Familien nicht Halt, auch wenn er sich hier langsamer vollzogen habe. Er stelle keinen Verfall christlicher Werte dar. Im erhellenden Exkurs „Familie in der Bibel“ machen die Autoren darauf aufmerksam, dass die traditionelle Vater-Mutter-Kind-Familie an sich kein christlicher oder biblischer Wert sei, die Beziehungen zwischen Eltern und Kindern aber Bespiele für das Verhältnis zwischen Gott und den Menschen. Trotz des Wandels gäben christliche Familien ihre Identität nicht auf. Erziehung in christlichen Familien folge dem allgemeinen Trend hin zu mehr emotionaler Wärme und Unterstützung sowie mehr Mitbestimmung der Kinder. Das allein sei herausfordernd für Eltern von heute.

Noch schwieriger sei die Lage, wenn es um die Glaubenserziehung geht. Die Mehrheit der befragten Eltern strebe nach möglichst freiheitlicher Erziehung, fürchte aber beim Thema Glaube, dass ihre Kinder diese Freiheit tatsächlich nutzen und sich gegen den Glauben entscheiden. Christliche Erziehung bewege sich so immer zwischen Furcht und Freiheit. Die Autoren ermutigen dazu, Freiheit auch in der Glaubenserziehung walten zu lassen. Sie wecken das Bewusstsein dafür, dass Glaube nicht erzogen und gemacht werden könne, sondern ein Geschenk sei. Mehr als jede Methode habe das Vorleben eines aktiven Glaubens entscheidende Prägekraft.

Hoher Bildungsgrad der Befragten

Zu diesen Ergebnissen führte die Auswertung der Antworten von 1.752 Elternteilen, die den quantitativen Online-Fragebogen durchführten. Teilnehmen durften Eltern, die sich selbst als christlich bezeichnen und mindestens ein Kind im Alter zwischen vier und 18 Jahren haben. Da die Studie in enger Zusammenarbeit mit der SCM-Verlagsgruppe entstanden ist, wurden über diese auch Zugangswege zu potentiellen Probanden eröffnet. So generiert sich ein Teil der Befragten aus den Lesern bestimmter Zeitschriften der Verlagsgruppe, wie etwa der Family, Joyce oder MOVO. Darüber hinaus wurden über christliche Internetportale, wie evangelisch.de und katholisch.de sowie durch private Kontakte der Wissenschaftler über Facebook, Twitter und E-Mail christliche Eltern im sogenannten Schneeballverfahren auf die Befragung aufmerksam gemacht. Letztgenannte machen den größten Teil der Befragten aus, was den hohen Bildungsgrad der Teilnehmer begründen könnte, da sie aus dem Umfeld der Wissenschaftler stammen. Dieser Umstand zeigte sich durch den Abgleich der Stichprobe mit zwei Vergleichsgruppen, die sie aus der Allgemeinen Bevölkerungsumfrage der Sozialwissenschaften (ALLBUS) generierten. Diese erhebt alle zwei Jahre aktuelle Daten über Einstellungen, Verhaltensweisen und Sozialstruktur der Bevölkerung in Deutschland. Die Zahl derer mit abgeschlossenem Studium war in der Vergleichsgruppe beinah nur halb so hoch, wie in Künklers und Faix‘ Studie. Sie stellten jedoch fest, dass der Bildungsstand derer, die auf anderem Weg auf die Studie aufmerksam wurden, nicht weniger hoch ist.

Hochgebildet, weiblich, landeskirchlich

Neben dem überdurchschnittlichen Bildungsstand kennzeichnet die Teilnehmergruppe einen höheren Anteil von Frauen, sowie die Zugehörigkeit zu unterschiedlichen Denominationen. Rund ein Drittel (35 Prozent) der Befragten gehören der Evangelischen Kirche an, womit wohl die Evangelische Kirche in Deutschland (EKD) gemeint ist. Sie wird gefolgt von Freien evangelischen Gemeinden (18 Prozent). Evangelische Gemeinschaftsbewegung und sonstigen Freikirchen, Pfingstkirchen/charismatische Gemeinden halten sich mit rund 12 Prozent die Waage. Schlusslicht bilden die Baptisten, die Römisch-Katholische Kirche und Christen, die keiner christlichen Gemeinschaft angehören. Hier liegt die Hauptkritik an der Studie. Auch wenn sich die Autoren der Verteilung bewusst sind, wird diese nicht kritisch kommentiert. Wie die Studie zeigt, unterscheiden sich Antworten auch je nachdem, welcher Kirche der Befragte angehört.

Die absolute Mehrheit der Befragten stimmt der Aussage „Körperliche Strafe ist biblisch und darum einzusetzen“ „überhaupt nicht“ oder „nicht“ zu. Dennoch räumen die Autoren dem Thema viel Platz in ihrer Auswertung ein und besprechen intensiv, wie eine gewaltgeprägte Erziehungspraxis entstehen kann und welche Folgen sie haben kann.

Es wäre auch interessant gewesen zu sehen, welcher Denomination die stark vertretene Leserschaft der Zeitschrift Family angehört. Hinzukommt, dass die Autoren über diesen Zugang vermutlich jene Eltern erreicht haben, die ohnehin recht bewusste Eltern sind und sich viel mit ihrer Erziehungspraxis beschäftigen, weshalb sie die einschlägigen Zeitschriften lesen. Ob man andere Eltern allerdings zur Beantwortung eines 25-minütigen Fragebogens hätte bewegen können, bleibt dahin gestellt. Darauf verweist die Quote derer, die den Fragebogen nicht bis zum Ende beantworteten. Dabei handelte es sich vor allem um Menschen, die einer explizit christlichen Erziehung nicht so viel Bedeutung beimessen.

Studienautoren nennen Form der Datenerhebung als „nicht ideal“

Dass die Abfrage von Bereichen wie „Wärme in der Glaubenserziehung“ bestimmte Aspekte nicht berücksichtigen kann, ist wohl ein Problem jeder quantitativen Studie, besonders wenn es um Emotionen geht. Um sie handhabbar zu machen und in Zahlen zu übersetzen, müssen Themenfelder in eine überschaubare Anzahl möglichst stichhaltiger Fragen eingedampft werden. So gilt in der Studie von Künkler und Faix eine hohe Zustimmung zur Aussage „Sie sagen Ihrem Kind, dass es von Gott geliebt wird“ neben anderen als Indikator für eine emotional-warme Glaubenserziehung. Während diese Zuordnung nachvollziehbar ist, bleibt die Aussage „Sie erleben zusammen mit Ihrem Kind die Nähe Gottes“, die den gleichen Zweck hat, sehr unkonkret in Bezug auf ein warmes Erziehungsklima.

Die Autoren sind bemüht, ihr Vorgehen und mögliche Schwächen ihrer Studie darzulegen, wie zum Beispiel die Tatsache, keine Meinungen von Kindern selbst einbezogen zu haben. Ebenso bezeichnen sie ihre Form der Datenerhebung als „nicht ideal“. Durch den Onlinefragebogen scheiden sämtliche Eltern ohne Internetzugang aus. Wie jede Studie ist auch diese bei Rückschlüssen auf die Gesellschaft mit Vorsicht zu genießen. Dennoch erscheinen die empirischen Aussagen innerhalb der Studie schlüssig und geben einen interessanten Einblick ins christliche Familienleben. Spannend sind auch die zehn Statements der Autoren, die das Buch zur Studie beschließen und Diskussionen anregen wollen, wie zum Beispiel: „Kinder sollten auch andere Weltanschauungen und Religionen kennenlernen – nicht nur in der Schule und bei Freunden, sondern im Elternhaus.“ (pro)

Von: man

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