Christliche und muslimische Kinder sollen einer Studie zufolge weniger gerne teilen
Christliche und muslimische Kinder sollen einer Studie zufolge weniger gerne teilen

Sind religiöse Kinder wirklich egoistischer?

Kinder aus religiösen Familien sind weniger großzügig und befürworten Strafen eher als Kinder aus atheistischen Haushalten. Das besagt eine im Fachmagazin Current Biology veröffentlichte Studie. Deutsche Medien haben die Ergebnisse unkritisch übernommen – dabei gibt es durchaus Einwände zur Wissenschaftlichkeit der Studie.

Entgegen einer verbreiteten Annahme haben religiös erzogene Kinder nicht die besseren Werte. Eine international durchgeführte Studie, deren Ergebnisse vergangene Woche in der Zeitschrift Current Biology veröffentlicht wurden, will sogar das Gegenteil herausgefunden haben: Kinder, die aus einer christlichen oder muslimischen Familie kommen, seien weniger altruistisch.

Zwischen dem Altruismus, also der Selbstlosigkeit, eines Kindes und seiner Religiosität gebe es weltweit einen negativen Zusammenhang. Mit fortschreitendem Alter nehme die Tendenz, nicht teilen zu wollen, unter den religiös erzogenen Kindern sogar noch zu, so die Forscher. Zudem neigten religiöse Kinder eher dazu, bei Regelverstößen im sozialen Verhalten harte Strafen zu befürworten. Die Studie kommt zu dem Schluss, die Ergebnisse stellten in Frage, ob Religion für die moralische Entwicklung wichtig sei. „Eine Verweltlichung des moralischen Diskurses wird die Menschenliebe nicht reduzieren – ganz im Gegenteil.“ An der Studie nahmen rund 1. 200 Kinder aus den USA, Kanada, China, Jordanien, der Türkei und Südafrika statt. Etwa ein Viertel dieser Kinder stammte aus einem Elternhaus, das sich selbst als christlich identifizierte.

Zu diesen Ergebnissen gelangten die Wissenschaftler durch ein Experiment mit Stickern und durch die Reaktionen der Kinder auf einen Film, der Menschen zeigte, die andere Menschen anrempelten und mit ihnen zusammenprallten. Die Kinder durften sich zehn Lieblingssticker aussuchen. Danach erhielten sie die Information, dass es zu wenige Sticker für alle Kinder gebe, sie aber die Möglichkeit hätten, zu teilen. Die religiös erzogenen Kinder teilten weniger Sticker. Anschließend wurde den Kindern ein Film mit Rangeleien gezeigt. Die Kinder aus religiösen Familien forderten anschließend strengere Strafen für die im Film gezeigten Übeltäter.

Wo die Studie Schwächen zeigt

Weltweit haben Medien wie die britische Tageszeitung The Guardian, das australische Journal ScienceAlert, die Zeitschrift Focus und der Berliner Tagesspiegel die Ergebnisse der Studie mehr oder weniger kritiklos übernommen. Dabei gibt es sowohl an den Methoden der Studie als auch an den weitreichenden Schlussfolgerungen einiges auszusetzen. Der Religionswissenschaftler Michael Blume erklärt in seinem Blog Scilogs, bei der Studie sei ein entscheidender Faktor für die Entscheidung der Kinder, zu teilen oder nicht zu teilen, außer Acht gelassen worden: Die Anzahl der Geschwister.

Religiöse Familien hätten im Durchschnitt mehr Kinder. Bei der Entscheidung, ob man seine eigenen Stickter mit zu kurz gekommenen teilt oder nicht, kalkulierten diese Kinder bereits mit ein, auch einige Sticker an die Geschwister abzugeben.

Das Onlinejournal „From Quarks to Quasars“ bringt noch stichhaltigere Einwände: 1.200 Kinder seien nicht repräsentativ für über 2,2 Milliarden Kinder weltweit, schreibt dort die bekennende Atheistin Jolene Creighton. Zudem könne man von der einmaligen Entscheidung, einen Sticker zu verschenken oder nicht, keinesfalls auf den Altruismus eines Kindes schließen. Es sei nicht auszuschließen, dass die Kinder in einer anderen Situation völlig anders handeln würden, etwa wenn es um Grundbedürfnisse wie Nahrung oder Wasser gehe.

Des weiteren werde außer Acht gelassen, dass angeborene Faktoren wie Persönlichkeit, Temperament und Empathiefähigkeit bei der Entscheidung eine größere Rolle spielen könnten als die Religionszugehörigkeit der Eltern. Die Studie ignoriere die tatsächlichen Glaubensinhalte der Eltern, die innerhalb einer Religion stark variieren könnten, und was sie ihren Kindern tatsächlich weitergäben. Auch der regelmäßige Besuch einer Kirche oder Moschee sage noch nichts über die tatsächliche Religiosität eines Menschen aus, denn auch gesellschaftlicher Druck oder soziale Gewohnheiten könnten eine Rolle spielen. Ausschlaggebend für die Entscheidung, zu teilen, seien letztendlich auch kulturelle Faktoren wie die soziale Schicht, Nationalität, das Familienleben, Geschlecht, und Alter des Kindes. Auch die Vermögensverhältnisse der Familie seien nicht in die Studie mit einbezogen worden. Über den Zusammenhang von Altruismus und Religiosität bei Kindern könne die Studie daher letztendlich wenig aussagen. (pro)

Von: jus

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