Sonderpädagogin, Autorin, Bloggerin – und Mutter von zwei Töchtern: Für Rachel Macy Stafford hat die Familie wieder Vorrang
Sonderpädagogin, Autorin, Bloggerin – und Mutter von zwei Töchtern: Für Rachel Macy Stafford hat die Familie wieder Vorrang

Wieder mehr Mama sein

Smartphone ausschalten, Zeit genießen: Genau das ist Rachel Macy Stafford nicht gelungen. Gehetzt vom Alltag und Terminen verpasste die erfolgsorientierte Sonderschulpädagogin zwei Jahres ihres Lebens – und damit auch das Geschenk, Zeit mit ihren Kindern zu verbringen. Von Anne Klotz

Rachel Macy Stafford lebt ihren Tag in Eile, Hektik und Stress. Sie hat Erfolg im Beruf, bei ihren Kollegen ist sie beliebt. In der Gemeinde hilft sie ehrenamtlich, organisiert dort Veranstaltungen, Gottesdienste und Gruppenstunden. Andere sagen ihr, sie mache ihre Aufgabe gut. Gerne wird sie für weitere Arbeiten angefragt. Zwischendurch geht sie eine Runde joggen. E-Mails und SMS beantwortet sie, während sie mit ihrem Auto an der roten Ampel steht, oder wenn sie zu Hause ist und währenddessen den Tisch abräumt, sich mit ihrem Mann unterhält oder die Kinder ins Bett bringt. Alles lässt sich irgendwie regeln. Sie wird den vermeintlichen Ansprüchen der anderen gerecht, die aber vielmehr ihre Ansprüche an sich selbst sind. Es freut sie, wenn sie Aufgaben erfolgreich abgeschlossen hat.

Doch bei all dem Erfolg bleibt vor allem eins auf der Strecke: ihre Familie. Und sie selbst. Nach einem Nervenzusammenbruch will sie ihren Lebensstil verändern. „Zum ersten Mal beantwortete ich aufrichtig die Frage, die mich jahrelang so stolz gemacht hat: Wie schaffe ich das nur alles? – Indem ich mein Leben verpasse – so schaffe ich das alles. Ich verpasse das, worauf es wirklich ankommt.“

„Mach mal Pause!“

„Der Tag, an dem ich aufhörte, ‚Beeil dich’ zu sagen“ war ein Beitrag in der Onlinezeitung Huffington Post, der im August 2013 über Nacht rund sieben Millionen Mal angeklickt wurde. Stafford, die Autorin, machte daraus kurzerhand ein Buch gleichen Namens. Darin beschreibt sie den Ausschnitt ihres Lebens, der bestimmt war von Terminen und Tätigkeiten, von elektronischen Benachrichtigungen, Klingeltönen und wenig Schlaf – und in dem sie auch versuchte, ihren Blick wieder auf die Familie zu lenken. Das gerade auf Deutsch erschienene Ratgeber- und Selbsttherapiebuch soll jenen eine Hilfe sein, die ebenfalls unter Stress, Hektik und Perfektionismus leiden und kurz vorm Burnout stehen – oder allen anderen eben prophylaktisch. Denn nach ihrem Zusammenbruch entwirft Stafford das „Hands free“-Konzept, das sie, bestückt mit zahlreichen Anekdoten aus ihrem Leben, in ihrem Buch beschreibt. Sie will ihre Hände frei haben für das Leben und nicht mehr für ihr Smartphone oder ihren Terminkalender. In konkreten Handlungsanweisungen wie „Sei Du selbst“, „Mach mal Pause“ oder „Erkenne die Bedeutung der Gegenwart“, die gleichzeitig die Kapitelüberschriften sind, will sie die Leser ein Stück ihres Weges mitgehen lassen und Hilfestellung leisten.

Stafford zeigt eindrücklich, wie wertvoll Familie ist und welche kostbaren Momente mit den eigenen Kindern verloren gehen, wenn man nur im Rekordtempo durch den Tag hetzt. In vielzähligen persönlichen Anekdoten, deren Hauptfigur immer wieder Staffords Tochter Avery ist, fordert sie die Rückbesinnung auf das Wesentliche, das Zwischenmenschliche, Ruhe und inneren Frieden. Sie sensibilisiert für diesen Perspektivwechsel und schafft anhand alltäglicher Beispiele Momente, die zum Nachdenken anregen. So war es auch Avery, die jüngere der beiden Töchter, die Stafford auf kindliche Art „eine Dosis Wirklichkeit“ verpasste, indem sie auf Papier ein Bild malte, das ihre Mutter mit dem Laptop zeigt: „Mama, jeder in unserer Familie hat ein Problem, an dem er oder sie arbeiten muss. Deines ist, dass du zu viele Geschichten schreibst.“

In der Schule des Nein-Sagers

Stück für Stück lernt Stafford, sich Freiraum für die Menschen in ihrer Umgebung zu schaffen – für ihre Kinder, ihren Ehemann und ihre Freunde. Der Abwasch bleibt einfach mal stehen, weil sie die Zeit lieber nutzt, um mit ihren Kindern im Regen zu tanzen. Das Handy bleibt aus, damit sie nicht abgelenkt wird, während sie sich mit ihrem Mann unterhält. Stafford verändert die Prioritäten in ihrem Leben wieder zu dem, was sie einmal waren. „Meinen Kindern in die Augen zu sehen, war besser, als auf den Bildschirm meines Smartphones zu starren. Das Lachen geliebter Menschen gewann haushoch über das ständige Piepsen eingehender E-Mails. Lachen, Spiel und Entspannung trösteten meine erschöpfte Seele.“ Auch in der Gemeinde sagt Stafford nicht mehr bei jeder Anfrage zu, sondern beschränkt sich auf wenige Aufgaben, die sie allerdings umso herzerfüllter angeht, schreibt sie in dem Buch. In den manchmal kitschig-rosig anmutenden Beschreibungen macht sie eins klar: Ist ihre Familie fröhlich, spricht das für den Erfolg ihres Konzepts.

Das Thema des Buches liegt am Puls der Zeit: Die Gesellschaft leidet unter zeitlicher Überforderung, vieles geht schneller, nur Multitasker können dem Druck scheinbar standhalten. Soziale Überforderung macht sich breit sowie der Druck, allen gerecht werden zu müssen. Die Relevanz des Themas übertönt jedoch, dass „Hands free“ lediglich die Neuauflage einer längst bewährten Methode ist, um sich zeitlichen Freiraum zu schaffen: Nein sagen.

Ein weiteres Erfolgsmodell

Auf ihrem Weblog „Hands Free Mama“ schreibt Stafford, dass Gott ihr diese zwei Jahre der Überlastung gegeben habe, um herauszufinden, wie sie ihr Leben eigentlich verbringen möchte. „Und auf Grund meines Glaubens habe ich verstanden, warum Gott mich ausgewählt hat. Er wählte mich aus, um anderen erzählen zu können, worauf es wirklich ankommt.“ Daher wirbt die Sonderpädagogin in ihrem Buch dafür, sich vom Leistungsdenken zu befreien und die Prioritäten zu sortieren. Allerdings ist sie dabei nicht konsequent. Dass nämlich auch Stafford nur ein weiteres Erfolgsmodell entwirft und ihrem Wunsch nach Leistungsoptimierung gerecht werden will, wird schnell deutlich.

Sieht sie, wie gut ihr Mann mit ihren Töchtern umgehen kann, spornt das den wetteifernden Teil in ihr an, ebenso unangestrengt Zeit mit den Kindern zu verbringen. Hört sie, wie begeistert ihre Töchter von den Autofahrten mit einer Bekannten erzählen, will sie in der vermeintlichen Rangliste ihrer Töchter mindestens gleichwertig auftauchen. „Nach ein paar Wochen hatte ich mein Ziel erreicht! Wenn ich den Kindern der Fahrgemeinschaft mitteilte, dass ich an diesem Tag nicht dran war, sie abzuholen, flüsterten sie sich zu: ‚Ich finde es toll, wenn Rachel uns abholt. Sie ist lustig und erzählt immer so tolle Geschichten.’“

Stafford weiß, dass das „Hands free“-Konzept ein Lebensprojekt sein wird, denn jeden Tag müsse sie aufs Neue entscheiden, wie sie ihre kostbare Zeit verbringen wolle. „Ich dachte, es wäre einfach, in jedem Augenblick gegenwärtig zu sein“, bekennt die zweifache Mutter. „Es wird nie eine Ziellinie geben. Aber etwas viel Besseres. Jedes Mal, bei dem ich begreife, worauf es wirklich ankommt, umarme ich das Leben. Und das Leben wird auch mich umarmen.“(pro)

Rachel Macy Stafford: „Der Tag, an dem ich aufhörte, ‚Beeil Dich‘ zu sagen“, Ullstein, 304 Seiten, 9,99 Euro. ISBN 9783548375731

Von: ak

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