Netter alter Herr oder „konservativer Knochen“? Mit seiner Bemerkung zum Schlagen von Kindern griff Papst Franziskus daneben
Netter alter Herr oder „konservativer Knochen“? Mit seiner Bemerkung zum Schlagen von Kindern griff Papst Franziskus daneben

Der Papst und der Klaps

Ein Klaps auf den Hintern ist okay, hat Papst Franziskus vergangene Woche gesagt – und Kritik geerntet. War das einfach unbedacht oder fordert er tatsächlich die Prügelstrafe? Eine Presseschau

In der Generalaudienz ging es um die Rolle der Väter in der Erziehung: „Ein guter Vater versteht es, zu warten und zu vergeben, aus der Tiefe seines Herzens. Natürlich weiß er aber auch mit Entschlossenheit zu korrigieren: Er ist kein schwacher, nachgiebiger, sentimentaler Vater.“ Dann fügte Franziskus abweichend vom Redetext eine kurze Anekdote ein. Ein Vater habe ihm gesagt, dass er seine Kinder ab und zu ein wenig schlagen müsse, jedoch nie ins Gesicht, um es nicht zu erniedrigen. „Wie schön“, kommentierte Franziskus dies. Der Vater habe Sinn für Würde. Er müsse strafen, tue dies aber gerecht. Diese Äußerung brachte dem Papst viel Kritik ein und wurde ihm teilweise als Aufruf, Kinder zu schlagen, ausgelegt.

Journalisten waren sich nicht einig darin, ob sie die Aussage gänzlich verurteilen sollten oder Franziskus an die Macht des Wortes erinnern sollten. Friederike Haupt macht sich in der Frankfurter Allgemeinen Sonntagszeitung gleich Sorgen ums christliche Abendland, weil die Deutsche Bischofskonferenz dem Papst nicht deutlich genug widerspreche. Da sei etwas faul, schreibt sie. Zumal die Katholische Kirche in ihrer Geschichte ohnehin ein Problem mit Missbrauch von Kindern habe. Katholische Verbände in Deutschland hätten sich zwar ausdrücklich von jeglicher Gewalt gegenüber Kindern distanziert. Aber die Bischöfe hätten offenbar beschlossen, „die Sache auszueiern“, indem sie auf die Erklärung des Vatikansprechers Frederico Lombardi verwiesen. Der hatte betont, der Papst habe keineswegs zur Gewalt gegen Kinder aufgerufen. Doch das lässt Haupt nicht gelten – „als wäre das Lob des gemäßigten Hauens damit vom Tisch“. Immerhin, so ihr leidlicher Trost, habe Franziskus nicht gesagt, dass es im Sinne Jesu sei, Kinder zu schlagen.

Das wahre Gesicht des Papstes?

Einige Kommentatoren meinen in der Äußerung das wahre, konservative Gesicht des Papstes zu erkennen, auch wenn er oft so leutselig auftrete. Die katholische Journalistin Christiane Florin macht in der Wochenzeitung Die Zeit deutlich, dass Franziskus nicht als kinderlieber, „Heiliger Opi“ verkannt werden dürfe. Denn sein Familienbild sehe so aus, dass „Mutti mit Liebe ein gemütliches Heim“ bereite, während Vati „für Zucht und Ordnung“ sorge. „Mein Gott, Franz! Es gibt ein Recht auf körperliche Unversehrtheit“, empört sie sich. An diesem Menschenrecht gebe es „nichts zu relativeren“ und dafür könne die Kirche streiten.

Bei aller Freude über Franziskus und seine herzliche, offene Art werde vergessen, dass er „im tiefsten Inneren ein konservativer Knochen ist“, meint Ulrike Bieritz von radio eins des RBB. Kinder seien manchmal Tyrannen. Dies rechtfertige aber keine Schläge – „Egal, wohin. Das sollte auch ein Papst wissen.“ Statt Erziehungsratschläge zu geben, sollte sich der Papst lieber um die Missbrauchsprobleme seiner Kirche kümmern. Allerdings, erklärte Bieritz, sei es nicht per se schlecht, konservativ zu sein. Denn dies bedeute, das Gute zu erhalten und zu bewahren. „Aber das ewig Gestrige gehört abgeschafft, wie die Prügelstrafe.“

Wer redet, hat Verantwortung

Dass Kinder ihren Eltern die Nerven rauben können, weiß auch Spiegel-Online-Redakteur Birger Menke. Aber diese dürften nie mit Gewalt strafen. Die Worte des Papstes seien „ein Schlag ins Gesicht für alle Eltern, die gewaltfrei erziehen, die sich nicht einmal erlauben, ihr Kind anzuschreien“. Es sei „unsäglich“, dass der Papst einen Vater lobt, weil er sein Kind nicht ins Gesicht, dafür aber woanders hin schlägt. Dies würdevoll und gerecht zu nennen, ist für Menke „unfassbar“. Gewalt gegen Kinder dürfe nicht relativiert werden. „Wenn Erwachsene gegen Kinder Gewalt anwenden, ist das Machtmissbrauch.“ Man könne Franziskus zugutehalten, dass er spontan und natürlich spreche. Das mache ihn nahbar. Doch er habe für das, was er sagt, Verantwortung, denn: „Er ist für Millionen Menschen eine moralische Leitfigur.“

Spontan daneben

Darauf hebt auch Matthias Drobinski von der Süddeutschen Zeitung ab. Der Satz sei kein Skandal, aber er gehöre sich nicht für einen Papst. Franziskus müsse sich der öffentlichen Wirkung und Verantwortung seines Amtes bewusst werden. Seine Äußerung könne falsch interpretiert werden: „Eine ordentliche Tracht Prügel hat noch keinem geschadet – nur Hiebe auf den Kopf machen dumm. Zu lange haben die christlichen Kirchen Gewalt gegen Kinder gerechtfertigt, gern mit dem Satz aus dem Alten Testament, dass sein Kind züchtigt, wer es liebt. Die Folgen waren furchtbar. Das lebt noch in zu vielen Köpfen zu vieler Väter, die sich jetzt von Franziskus bestätigt sehen können, ob der das will oder nicht.“ Zwar sei es gut, dass dieser Papst in seinen Reden etwas riskiere und das Amt des Pontifex entstaubt habe. „Aber diesmal, mit Verlaub, Heiliger Vater, ging es daneben.“

Mit Spontanität mache sich der Papst angreifbar, meint Jürgen Erbacher auf dem ZDF-Blog Papstgeflüster. Franziskus müsse lernen, dass seine Worte Gewicht haben, damit er seine Glaubwürdigkeit als moralische Instanz nicht leichtfertig verspiele. Mit Aussagen wie der vom Klaps untergrabe er sein eigenes Anliegen, Kinder mit allen Mitteln zu schützen.

Gudrun Sailer von Radio Vatikan weist ebenfalls darauf hin, dass der Papst nicht alle seine Worte auf die Goldwaage lege oder theologisch absegnen lasse. „Das ist Teil seines Selbstverständnisses und Teil seines Pontifikats.“ Er rege gern an und auf. Daher sollten die Katholiken in ihren Gemeinden darüber diskutieren, wie sie es mit dem Klaps auf den Hintern der Kinder halten. „Ich wünsche mir, dass ein unumwundenes Nein dabei herauskommt.“ (pro)

Von: JSt

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