Wieviel Netz ist in der Schule erlaubt? So viel wie möglich, forderten Referenten auf der Netz-Konferenz "re:publica" in Berlin
Wieviel Netz ist in der Schule erlaubt? So viel wie möglich, forderten Referenten auf der Netz-Konferenz "re:publica" in Berlin

Schule: Das Internet lässt sich nicht wegsperren

Ist das Internet des Teufels oder ein Geschenk Gottes? Sollte es Kindern nahe gebracht werden? Und wenn ja, wie? Mit dieser Frage hat sich die Netzkonferenz „re:publica“ am Mittwoch beschäftigt. Experten warnten vor einer zu großen Netz-Angst.

In Sachen Netz konkurrieren derzeit in Deutschland Kulturpessimismus und Technologiegläubigkeit – doch die Angst vor neuen Medien dominiert. Das haben am Mittwoch Schüler, Lehrer und Netzexperten in Berlin festgestellt und kritisiert. Der Medienpädagoge Max Woodtli sprach sich gegen den derzeit dominierenden Frontalunterricht an Schulen und ein Ende der „Belehrungskultur“ aus. Stattdessen wünscht er sich verstärktes Lernen in Gruppen, genannt Peer-to-Peer-Learning – auch mithilfe des Internets. Bei dieser Form des Unterrichts besprechen und erarbeiten Schüler gemeinsam ein Thema, es regiert das Prinzip: Jeder lernt von jedem.

Wie dies ganz praktisch mit Laptop und Smartphone umgesetzt werden kann, erklärte die Lehrerin Hilli Knixibix. Sie ist in einer geschlossenen Kinder- und Jugendpsychiatrie tätig und machte irgendwann die Erfahrung, dass es ihr persönlich hilft, die oft belastenden Ereignisse des Tages in einem Blog zu verarbeiten. Dieses Erlebnis wollte sie auch den Kindern ermöglichen – und ließ sie im Internet Tagebuch führen. Heute bloggen ihre Schüler regelmäßig, anonym oder unter Klarnamen. Manche seien dadurch aufgeblüht, auch, weil sie durch das Feedback der Leser in ihrer Persönlichkeit wachsen könnten, erklärte Knixibix auf der „re:publica“. „In Sachen Internet gibt es kein einheitliches Konzept an deutschen Schulen“, kritisierte sie. Es herrsche „totale Wildnis“. Sie plädierte ebenso wie Woodtli dafür, Schüler aktiv an der Gestaltung im Netz teilhaben zu lassen.

Das Internet lässt sich nicht aussperren

Der Blogger Maxim Loick berichtete von Kursen zum Thema Internet, die er in Grundschulen gegeben habe. Bei Kindern sei mehr Netzkompetenz vorhanden als viele Erwachsene annehmen – so hätten zum Beispiel nahezu alle Grundschüler bereits E-Mail-Adressen und wüssten, wie man einen Computer anschaltet. Über seine Erfahrungen mit Recherche- und Blogübungen mit Schülern sagt er: „Die Kinder waren plötzlich aktiviert, als sie merkten: Ihr könnt nicht nur was rausholen aus dem Netz, ihr könnt es auch benutzen, um euch mitzuteilen.“ Der Netzunternehmer Stephan Noller, der diese Kurse gemeinsam mit Loick durchgeführt hat, ergänzte: „Die Lehrer hatten keinen Schimmer davon, wie weit die Kinder in Sachen Netz schon sind.“ Zudem bestehe eine „pädagogisch komische Situation“: Die Kinder seien in diesem Themenfeld viel weiter als die Lehrer. Noller plädierte dafür, das Fach Computing in der Schule einzuführen, wie es etwa in Großbritannien der Fall sei.

Die Abiturientin Saskia Pfeil berichtete von der Situation an ihrer Schule: Dort sei das Internet gesperrt, weil der Schulleiter besorgt sei, dass kinderpornografische Inhalte heruntergeladen würden. Deshalb recherchierten die Schüler nun mithilfe ihrer Handys oder zu Hause. „Dass ich jetzt ein Smartphone habe, ist mein Glück“, sagte Pfeil. Noller bedauerte, dass diese Angstbesetztheit, was das Internet angeht, derzeit dominiere. Loick erklärte, dass die Schüler trotz Sperre selbstbestimmt mit den Smartphones lernten, zeige vor allem: „Das Internet können wir nicht mehr wegsperren. Wir müssen uns dem Thema stellen, sonst kommt es zu Wildwuchs.“

EDV natürlich in Unterricht integrieren

Schüler der Berufsschule Oskar-von-Miller in Kassel stellten vor, wie sie mithilfe moderner Technik frei gestaltet lernen. In einem Lernschrittplaner strukturieren die Schüler sich ihre Lernwoche selbst. Jeder hat bestimmte Lernziele zu erreichen, kann sich den Weg dorthin aber selbst gestalten. Ob die Jugendlichen das in Gruppen oder allein tun möchten, steht ihnen frei. So werde unter anderem die Sozialkompetenz der Schüler gefördert. Im Rahmen eines Pflichtpraktikums führten die Schüler ihren Praktikumsbericht zum Beispiel online in Form eines Blogs und erstellten unter anderem Netzvideos zu ihrer Arbeit. Die verschiedenen Arbeitsschritte besprechen die Schüler am Ende eines bestimmten Zeitraums einzeln mit ihren Lehrern.

„Echte Teamarbeit ist der Kern, um Schule zu verändern“, sagte der stellvertretende Schulleiter Wilfried Dülfer. Auch starre Stundenpläne verhinderten ein effektives Arbeiten, weil die Lehrer nach einer festgesetzten Zeit nicht mehr ansprechbar seien. Dülfer sprach sich gegen ein Fach EDV aus. Stattdessen müssten moderne Technologien ganz natürlich in den Unterricht integriert werden. Neben den Lehrern seien auch die Schüler füreinander verantwortlich. Das versuchten die Lehrer zu vermitteln, indem sie den Schülern ans Herz legten, nicht nur die Lehrer anzusprechen, wenn sie Fragen hätten – sondern auch ihre Mitschüler. (pro)

Von: al

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