Sich kümmern, um das Schlimmste zu verhindern

H a m b u r g (PRO) - Jedes dritte Vorschulkind in Deutschland hat sprachliche und motorische Defizite. Bei Einschulungsuntersuchungen können diese Kinder kaum einen kurzen Satz nachsprechen, sie können keine Schnürsenkel binden und keinen Ball fangen. Diese traurigen Erkenntnisse dokumentierte die Sendung "Was Hänschen nicht lernt", die im Rahmen der ARD-Themenwoche "Kinder sind Zukunft" am Montag ausgestrahlt wurde.

Ellen Nieswiodek-Martin

In Deutschland werden Kinder bereits ein knappes Jahr vor der geplanten Einschulung durch einen Kinderarzt untersucht. Jedes dritte Kind fällt bei den Tests durch Sprachfehler, schlechte Aussprache oder einen zu geringen Wortschatz auf. Kinderärztin Marianne Reuter erklärt in der Sendung die Hintergründe von Entwicklungsstörungen auch mit der Sprachlosigkeit in den Familien: "Viele Eltern können sich nicht mit ihren Kindern unterhalten." Ihrer Ansicht nach findet heute kaum noch Erziehung statt. Eltern legten keinen Wert mehr auf Rituale, viele Familien äßen nicht einmal gemeinsam am Tisch.

Kinder brauchen Sprache, Bewegung und Erfahrungen in der Natur

Aber: "Wie ein Kindergartenkind seinen Tag verbringt, prägt seine Entwicklung", so die Ärztin. Viel zu oft und zu unkontrolliert säßen Kinder vor dem Fernseher oder verbrächten den Großteil der Freizeit alleine mit der Mutter in der Wohnung. Zu wenige Eltern gehen nach Ansicht der Ärztin mit den Kindern hinaus in die Natur, wo die Jüngsten sinnliche Erlebnisse machen könnten und Erfahrungen, die zu einer gesunden motorischen und geistigen Entwicklung nötig wären.

Viele Kleinkinder bekommen zu wenig Angebote und Förderung: zu wenig sinnliche Erfahrungen, zu wenig Sprache, zu wenig Bewegung. Einer der Gründe dafür: Vier von 13 untersuchten Fünfjährigen haben bereits einen eigenen Fernseher im Kinderzimmer.

Entscheidende Weichen werden bereits im Kindergarten gestellt

Doch was Kinder in ihren ersten Lebensjahren an Strukturen nicht mit auf den Weg bekommen, holen sie später kaum mehr auf, sagt der Ulmer Hirnforscher Manfred Spitzer. Er wies einmal mehr darauf hin, dass die Bildschirmnutzung im Kindergartenalter die Entwicklung der Kinder beeinträchtige und bereits über deren Bildungskarriere entscheide.

Das hat auch Auswirkungen auf den Schulalltag: "Mein Beruf hat sich komplett verändert", erzählt die Lehrerin Chris Hoffmann. Wenn sie von Erstklässlern verstanden werden will, muss sie mit Händen und Füßen reden. Sie übt Regeln und Rituale, versucht aufzufangen, was im Elternhaus versäumt wurde. Viele Kinder könnten nicht einmal mit einem Ball spielen, weil sie es nie gemacht hätten. Das versucht sie im Sportunterricht zu trainieren. Bei einer Klassenstärke von 18 bis 25 Kindern könne man aber nicht wirklich fördern, nur versuchen, zu helfen und da zu sein. Sich kümmern, um das Schlimmste zu verhindern. Mehr Personal wäre der Schlüssel zu besserer Förderung – dies allerdings verursacht Kosten. Im Bereich der Bildung und Förderung mehr zu investieren, würde sich aber lohnen, denn die Folgekosten von schlecht geförderten und mangelhaft ausgebildeten Kindern seien um ein Vielfaches teurer, so Hoffmann.

Die Kinderärztin Marianne Reuter spricht von der "zweiten Elterngeneration, die nicht mehr erziehen kann". Ihrer Ansicht nach sind Eltern überfordert mit der Erziehung der Kinder, viele haben es selbst nicht anders gelernt. Die Leidtragenden sind die Kinder. Abhilfe könnten Ganztagsangebote in Kindertagesstätten und Grundschulen schaffen, wo alle Kinder unabhängig vom Elternhaus individuell gefördert werden. Begleitend könnten Eltern in "Elternschulen" angeleitet und unterstützt werden, so die Ärztin.

ARD-Themenwoche: publizistisches Großereignis

Während der ARD-Themenwoche "Kinder sind Zukunft" werden mehr als 860 Fernsehbeiträge mit einer Gesamtsendelänge von 566 Stunden in ARD, ARTE, 3sat, Phoenix und Kinderkanal ausgestrahlt. Damit übertrifft das Programmvolumen der "Kinderwoche" nach Aussagen der Verantwortlichen das der ARD-Themenwoche "Krebs" im vergangenen Jahr um mehr als das Dreifache.

Die ARD-Themenwoche endet am Sonntag, 21.April. Am Samstag um 11 Uhr überträgt die ARD einen ökumenischen Gottesdienstes aus Bremen. Landesbischöfin Margot Käsmann und Karl Kardinal Lehmann gestalten dort die Überleitung der ARD-Themenwoche "Kinder sind Zukunft" in die "Woche für das Leben", die die evangelische und die katholische Kirche gemeinsam vom 21. bis zum 28. April veranstalten.

In dem Berliner Gespräch "Kinder sind Zukunft" aus dem ARD-Hauptstadtstudio wollen die Veranstalter der Themenwoche gemeinsam mit verantwortlichen Politikern Bilanz der Woche ziehen. Frank Plasberg moderiert das Gespräch, zu dem bisher Heide Simonis, Bundesvorsitzende von Unicef, und Armin Laschet, Familienminister Nordrhein-Westfalen ihre Teilnahme zugesagt haben. Der Sender Phoenix überträgt die Sendung am Samstag live von 17 bis 18.15 Uhr.

Von: Ellen Nieswiodek-Martin

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