"Fremdbetreute Kinder reagieren aggressiver"

W a s h i n g t o n (PRO) - Kinder, die von klein an in Kindertagesstätten betreut werden, entwickeln sich in der Schule eher zu Störenfrieden als Altersgenossen, die von ihren Eltern betreut werden. Dabei spielt die Qualität der Betreuungseinrichtung keine Rolle, heißt es in einer Studie US-amerikanischer Wissenschaftler.

Für jedes Jahr, das ein Kleinkind mindestens zehn Wochenstunden in einer Kindertagesstätte verbracht habe, stiegen die später von den Lehrern beobachteten Verhaltensauffälligkeiten um ein Prozent. "Diese Studie macht deutlich, dass es nicht nur um die Qualität von Fremdbetreuung geht", zitiert die „Frankfurter Allgemeine Zeitung“ in einem Bericht den Psychologen Jay Belsky, einen der Hauptautoren der Studie.

Aggressionen und Ungehorsam der beobachteten Kinder hielten sich allerdings "im Rahmen von Verhaltensweisen, die nicht unnormal für gesunde Kinder" seien, so die Wissenschaftler. Die Studie gebe keine Erklärungen dafür, warum Kinder, die früh eine Kinderkrippe besucht haben, häufiger Verhaltensprobleme zeigen. Allerdings fanden die Wissenschaftler heraus, dass die Qualität der Betreuung durch die Eltern ein wichtiger Indikator für die späteren schulischen Leistungen und für das Sozialverhalten seien.

"Fremdbetreuung" von Kleinkindern ist auch in Deutschland ein umstrittenes Thema. Die neuen Forschungsergebnisse könnten die Diskussion um die beste Art der Kinderbetreuung neu entfachen: Die Forscher stellten nämlich auch fest, dass Kinder, die durch Tagesmütter oder Kinderfrauen betreut wurden, keine der genannten Auffälligkeiten zeigten.

Wissenschaftler forschen über Situation von amerikanischen Kleinkindern

Die Studie des „National Institute for Child Health and Human Development“ (NICHD) läuft seit 1991 und ist noch nicht abgeschlossen. Die Schweizer Zeitung "Weltwoche" erklärt die Hintergründe der Studie so: "In den USA befinden sich rund siebeneinhalb Millionen Kleinkinder in nichtmütterlicher Betreuung... Da es in den USA keinen Mutterschutz wie in den meisten europäischen Ländern gibt, kehren viele Frauen nach einer Geburt möglichst rasch an den Arbeitsplatz zurück, weil sie diesen nicht verlieren wollen. Anfang der neunziger Jahre wurde unter Fachleuten die Sorge laut, zu viel außerhäusliche Betreuung so kurz nach der Geburt könne dem amerikanischen Nachwuchs schaden.“

Aus diesem Grund wurde die „NICHD Study of Early Child Care“ ins Leben gerufen. Entwicklungspsychologen an zehn Universitäten verfolgen seit über 16 Jahren die Entwicklung von 1.364 Kindern aus Familien unterschiedlicher sozialer Herkunft in zehn städtischen und ländlichen Gemeinden von Geburt an bis zur Pubertät. Die amerikanische Fachzeitschrift "Child Development" stellt regelmäßig die neuesten Ergebnisse vor.

Neue Grundlagen für Kinderbetreuungs-Diskussion in Deutschland?

Bisher gab es nur wenige Langzeitstudien über Krippenbetreuung. An der Universität Göteborg etwa wurden 150 Kinder, die unterschiedlich betreut wurden, bis ins Erwachsenenalter beobachtet. Die schwedischen Wissenschaftler fanden dabei nur minimale Unterschiede bezüglich Lern- und Sozialverhalten.

Der Betreuungsforscher und Diplompädagoge Burghardt Behncke beschäftigt sich seit Jahren mit den Bereichen Bindung, Betreuung und Frühkindalter. In einem Interview mit dem Deutschlandradio bewertete er die NICHD-Studie als "große und international anerkannte Studie", an der niemand vorbei komme.

Qualitätsrichtlinien für gute Kindertagestätten

Behncke sieht ein Problem der Studie darin, dass einige Wissenschaftler eine Auswahl an positiven Ergebnissen präsentierten, die sich auf Einrichtungen mit hohen Qualitätsstandards beziehen. In diesen Einrichtungen erwerben Kinder sogar einen gewissen Vorsprung in sprachlichen und kognitiven Kompetenzen sowie im Sozialverhalten. Derartig qualitative Einrichtungen gebe es in den USA wie auch in Deutschland aber nur selten. Andere Ergebnisse, die teilweise auf Risiken der Fremdbetreuung hindeuteten, dürften nicht verschwiegen werden.

"Je früher ein Kind in Fremdbetreuung kommt und je länger es wöchentlich und über die Jahre fremd betreut wird, umso mehr Verhaltensauffälligkeiten können solche Kinder zeigen", so Behncke im „Deutschlandfunk“. Zudem sehe er eine Beeinträchtigung der Mutter-Kind-Bindung: Je früher und je länger eine Fremdbetreuung vorhanden sei, umso mehr könne eine Mutter-Kind-Beziehung in den ersten drei Jahren leiden.

Ein positiver Effekt stellte sich in der Studie auch heraus: Kinder, die eine hochwertige Betreuung erhielten, entwickelten bessere sprachliche Fähigkeiten. Dabei sei es egal, ob dies in Kindertagesstätten, bei einer Tagesmutter oder zu Hause bei einer Kinderfrau geschehe. Der Vorsprung, den sie beim Lesen und Rechnen zeigten, verliere sich spätestens bis zur fünften Klasse.

Von: Ellen Nieswiodek-Martin

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